Effectuation, oder: Wie erfolgreiche Projekte entstehen!

Wie schaffen es Menschen, tolle Projekte, Neues, Innovatives auf die Beine zu stellen?
Wie schaffen es Menschen, immer wieder unter unsicheren Bedingungen Dinge auf die Beine zu stellen, die einen echten Mehrwert schaffen?
Diese Fragen hat sich die Kognitionswissenschaftlerin Saras Sarasvathy, Professorin für Entrepreneurship an der Darden Business School der University of Virginia, gestellt.
Sie hat erfolgreiche Mehrfachgründer wie bspw. Pierre Omidyar (eBay), Richard Branson (Virgin Group) oder Muhammad Yunus (Grameen Bank) beobachtet und versucht herauszufinden, wie diese Menschen DENKEN und HANDELN.
Denken und Handeln ist insofern bedeutsam, da es NICHT darum geht, wie diese Menschen SIND, was dann auf bspw. genetische Faktoren oder ähnliches zurückgeführt werden könnte und zu dem Schluss führen würde:
Die können das halt, ich kann das nicht!
Effectuation oder: Wie DENKEN und HANDELN erfolgreiche Mehrfachgründer?
„Sarasvathy fand heraus, dass erfahrene Unternehmer unter Ungewissheit eine Methode bevorzugen, die der Methode des klassischen Managements diametral entgegengesetzt ist und gab dieser Methode den Namen Effectuation.“ (Faschingbauer et. al, 2013, 8).
Zukunft? Gestaltbar!
Einführend ist es wichtig, zu verstehen, dass sich Effectuation und kausale Logik (wenn — dann) in ihrer Grundannahme über das Wesen der Zukunft radikal unterscheiden.
So besagt die kausale Logik, dass nur das, was wir vorhersagen können, auch gesteuert werden kann. Ist ja klar, oder? Klassisches Management, eben: Planung, Durchführung, Kontrolle…
Die Grundannahme von Effectuation hingegen ist, dass all das, was wir steuernd beeinflussen können, gar nicht vorhergesagt werden muss, weil es sowieso schon klar und — eben — vorhersagbar ist.
Alles jedoch, was nicht steuernd beeinflusst werden kann, können wir auch nicht vorhersagen. Wir bewegen uns damit in Unsicherheit!
Fünf Prinzipien von Effectuation
Aus diesen Grundannahmen über das Wesen der Zukunft ergeben sich fünf Prinzipien, auf denen Effectuation basiert.
Zusammenfassend könnte man auch sagen: So denken Menschen, die erfolgreich unterschiedlichste Projekte, Unternehmen, was auch immer, auf die Beine gestellt haben.
Ich habe hier einmal versucht, die Prinzipien direkt auf organisationale Kontexte in der Sozialwirtschaft anzupassen:
- Prinzip der Zukunftorientierung: Die Zukunft ist nicht vorhersehbar sondern das Ergebnis von Zusammenwirken verschiedener Akteure und Gegebenheiten. Zukunft kann durch Vereinbarungen zwischen diesen Akteuren (siehe 4.) gestaltet werden. (Bspw. gehen zwei soziale Organisationen eine Vereinbarung in Bezug auf ein zukünftiges, gemeinsames Projekt ein und reduzieren dadurch die Ungewissheit, verbreitern ihre finanziellen Möglichkeiten etc.)
- Prinzip der Mittelorientierung: Die verfügbaren Mittel der jeweiligen Organisation (Wer ich bin als Organisation? Welche (zeitlichen, finanziellen, personellen etc.) Ressourcen habe ich, auf die ich zurückgreifen kann? Wen ich kenne?) bestimmen, welche (veränderlichen) Ziele angestrebt werden (und nicht umgekehrt). Statt (…) „Was sollte man tun um dieses oder jenes Problem zu lösen? wird die pragmatische Frage gestellt: „Was können wir jetzt tun?“
- Prinzip des leistbaren Verlusts: Der jeweils leistbare Verlust bzw. Einsatz (und nicht der erwartete Ertrag) bestimmen, welche Gelegenheiten wahrgenommen werden bzw. welche Schritte in einem Vorhaben tatsächlich gesetzt werden. Damit wird das Risiko eines kompletten Scheiterns für alle Beteiligten minimiert, da vor jedem Schritt immer wieder neu überlegt wird.
- Prinzip der Partnerschaften: Es werden Partnerschaften mit Akteuren eingegangen, die bereit sind, unter Ungewissheit verbindliche Vereinbarungen einzugehen und eigene Mittel zur Kreation der Gelegenheit beizutragen.
- Prinzip der Umstände und Zufälle: Unerwartetes, Zufälle und Umstände können als Hebel genutzt und in Innovation und unternehmerische Gelegenheiten transformiert werden.
Ich denke, das Konzept „Effectuation“ ist soweit klargeworden, oder?
Und es ist auch klar geworden, dass dieses Konzept wunderbar im Kontext der Neuentwicklung von Angeboten, der Unternehmensgründung, im Kontext von Innovation auf organisationaler Ebene Verwendung finden kann.
Das Leben und der ganze Rest
Für mich ist aber auch deutlich geworden, dass Effectuation ein spannendes Konzept für das eigene Leben sein kann. So macht es keinen Sinn, darüber zu philosophieren, was eine tolle Idee wäre, mit denen ich die Weltherrschaft an mich reißen könnte. Es macht wenig Sinn, darüber nachzudenken, wie es wäre, einen Online-Shop aufzubauen, der Amazon Konkurrenz macht.
Viel eher macht es Sinn, darüber nachzudenken, welche Ressourcen, Stärken, Möglichkeiten, Netzwerke, Menschen, Beziehungen etc. jetzt aktuell konkret existieren. Ich kann dann versuchen, diese Ressourcen so zu nutzen, dass ich mit dem beginne, was jetzt gerade möglich ist.
Ich kann mit Menschen sprechen, die vielleicht ähnlich denken, vielleicht aber auch völlig anders. Ich kann deren Überlegungen, deren Engagement, deren Mitarbeit in meine Idee einflechten. Dadurch ändert sich die Idee, natürlich. Aber — und hier liegt der wesentliche Unterschied — es bewegt sich was. Es passiert etwas, es wird etwas unternommen.
Ich kann mir dann bei jedem neuen Schritt überlegen, welche Risiken ich einzugehen bereit bin: Setze ich Haus und Hof auf’s Spiel? Oder reicht es nicht vielleicht auch, wenn ich mal 10, 20 oder 50 Euro in die Hand nehme, um einen Prototyp zu basteln?
Welcher Verlust ist also für mich oder für uns in der aktuellen Situation leistbar?
Die kochen auch nur mit Wasser!
Insgesamt eigentlich ziemlich trivial, oder? Zukunft? Ungewiss, aber gestaltbar…
Mehr zu den Themen Innovation, New Work und Sozialwirtschaft erfahren Sie auch auf meinem Blog: www.ideequadrat.de