Machen Sie Siebzehn!
Leben mit Zweitjob. Alles andere als ein Spaß.
Es ist kurz nach 18:00 Uhr an diesem Winterabend als ich in die triste Straße des Industriegebiets biege. Zur linken Seite zieht sich bis zum Ende der Straße eine Halle, welche so hoch in den Himmel ragt, dass ihre Oberkante in der trüben Szene verschwimmt. Im Schein einer flackernden Straßenlaterne kann man kleine Schneeflocken zwischen den Niesel- und Nebelschwaden erkennen. Der Motor des 89er Polos jammert vor sich hin. Fast wird er übertönt vom fiependen Kratzen des defekten Ventilators in der Lüftung.
Das Thermometer war vor einigen Tagen dann doch noch unter den Gefrierpunkt gefallen. Ausgerechnet heute muss es regnen. Nicht dass es genügt bei Dunkelheit schlecht sehen zu können, brechen nun auch noch die grellen Lichtspiegelungen der Scheinwerfer auf dem schwarzen Asphalt in den kleinen Tropfen auf der Scheibe. Ich hasse das.
In der Straße allerdings, ist es dunkel und still. Nur ein leises Surren der flackernden Laterne. Die Heizung läuft auf Hochtouren. Ich stelle den Motor ab. Die gekappte Zündung lässt den quietschenden Lüfter verstummen. Augenblicklich legt sich Kälte über Gesicht und Oberschenkel. Mit dem Lichtschein des Handy-Displays versuche ich auf dem weißen Zettel die Hausnummer der Adresse zu erkennen. Zwei.
Links fällt mein Blick erneut kurz auf die Hallenwand. Rechts stehen Autowracks an der Straße. Eine schaurige Szenerie, in der einzig ein von Rost zerfressener Cadillac seinen Kumpanen aus besseren Zeiten zu erzählen scheint.
Ich öffne die Wagentür und sofort peitscht mir der kalte Wind mit seinen nassen Begleitern entgegen. Ich ziehe die Schiebermütze tief ins Gesicht und den Schal über das Kinn. Vorsichtig entferne ich mich aus dem Kegel der Scheinwerfer hinein in die Dunkelheit und versuche zwischen den alten Autos eine Hausnummer zu erkennen. Eine Halle neben der anderen. Dann ein Rolltor mit einer Tür.

(Stand: Februar 2014)
Ein Briefkasten bringt einen leichten Hauch von Hoffnung. Ich schlängele mich an herumstehenden Autos vorbei zur Tür. Licht sehe ich keines. Ich ziehe mein Handy hervor und das Licht des Displays gibt sanfte Sicht auf das Schild am Postkasten frei. Kein Name. Eine Klingel ist auch nicht zu erkennen. Nach einer Hausnummer im Industriegebiet halte ich scheinbar vergebens Ausschau. Frustriert zieht es mich wieder Richtung Straße. Die nächste Halle. Diesmal im Schein der flackernden Laterne. Auf dem Hof stehen Paletten mit Gitterboxen, alten Kanistern und rostigen Stahlfässern. Ein alter Gabelstapler versperrt den Weg. Ich drücke mich daran vorbei und im nächsten Moment spüre ich, wie kaltes Wasser meine Chucks durchdringt. Was auch sonst? Natürlich hatte ich Chucks an. Ich trage immer Chucks. Selbst Schuld, denke ich bei mir und schüttele meine Füße wie ein Kater seine Pfoten, wenn er überrascht in einen frisch gewischten Hausflur tippelt.

(Stand: Februar 2014)
Längsseitig der Halle wird es wieder dunkler. Der nasskalte Wind weicht meine Mütze ein und kalte Tropfen rinnen mir von der Schläfe über meine Wangen. Ich gehe weiter, während die Qualität der Schrottautos allmählich zunimmt. Dann hinter der Halle ein Lichtschein. Ich laufe zum Ende des Gemäuers und spinkse um die Ecke. Das Gefühl, dass jeden Moment ein riesiger Kerl mit Hockeymaske, Latexschürze und Kettensäge vor mir auftaucht hat nicht abgenommen. Dann sehe ich ein paar Meter vor mir ein Haus. Kein schönes und ähnlich verwahrlost wie der Rest des Geländes, aber es ist ein Haus. Ein Haus in dessen Inneren Licht brennt. Und dann erblicke ich neben der leuchtenden Glaskugel neben der Eingangstür eine Zwei. Geschafft. So schnell ich kann eile ich zurück zum Auto. Natürlich nicht, ohne meine Chucks erneut mit Eiswasser zu tränken. Scheiße.
Am Auto angekommen öffne ich den Kofferraum. Die warme Luft des Innenraums spannt meine Gesichtshaut. Ich entnehme die schwarze Styroporkiste und mache mich auf den Weg zurück zur dunklen Halle. Diesmal umgehe ich den See im Vorhof und schiebe mich wieder an den Autos vorbei. Ein lautes Klacken bringt einen dumpfen Schmerz. So, wie es sich nunmal anfühlt wenn man mit dem Hüftknochen einem Außenspiegel rammt. Vor der Tür stelle ich die Kiste ab und drücke den ölverschmierten Klingelknopf. Als hätte ich das Tor zur Hölle betreten, bricht ein Donnerwetter von Hundegebell über mich hinein. Kein Kläffen wie das, eines mit rosa Schleife gespicktem Pinscher, nein, dieses Getöse kam mir nur allzu bekannt vor und erinnerte mich augenblicklich an den Rottweiler meines Bruders. Mein Bruder. Wegen ihm war ich überhaupt hier. Eigentlich wäre es seine Aufgabe gewesen hier zu stehen. Aber er hatte mal wieder Wichtigeres vor und so trat ich nun vertretungshalber an seine Stelle.
Ein dumpfer Schlag gegen die Tür riss mich aus meinen Gedanken und ließ mich einen Schritt zurück machen. Unter der Tür hindurch hörte ich ein aufgeregtes Schnauben. Ein Höllenhund, der mich mit Haut und Haar verschlingen will. Der Koloss muss mit voller Wucht gegen die Tür gelaufen sein. Mein Unbehagen, welches sich nach dem erkennen der Hausnummer gelegt hatte, stieg nun wieder an. Ich habe keine Angst vor Hunden. Obwohl ich es eigentlich sollte. Mit fünf Jahren hatte mich Tommy, der Hund meiner Cousine, ins Gesicht gebissen und mir dabei die halbe Unterlippe weggerissen. Aber ich hatte Glück und einen guten Chirurgen, denn heute ist nur noch eine kleine Narbe im Mundwinkel zu erkennen. Tommy hatte den Anschlag auf mich damals nicht mit dem Leben zahlen müssen, da man davon ausging, das der kleine Junge den Hund provoziert haben muss. Fortan näherte ich mich allerdings mit größtem Respekt und immer in Abwehrhaltung wenn ich durch die Wohnung meiner Cousine lief. Erst zwei Jahre später, als Tommy erneut ein Kind aus der Nachbarschaft biss, hielt man es für ratsam ihn einzuschläfern. Armer Hund. Als ich neun war, beschlossen meine Eltern dass wir selbst einen Hund haben sollten. Das hat mir vermutlich die Angst genommen. Aber der Respekt vor Hunden, deren Schulterhöhe die meiner Knie übersteigt, ist bis heute tief verwurzelt.
Dann höre ich eine Stimme jenseits der Höllenpforte. Jemand brüllt: „Kaaaliiiiber.“ - „Kaliber. Zurück.“
Wer zur Hölle nennt seinen Hund denn bitte Kaliber? Wobei ich wahrscheinlich genau das vor mir hatte. Schritte kamen näher. Dann kurzes Gerangel und das Kratzen der Krallen über einen Fliesenboden. Satan hatte seine Bestie wohl am Halsband durch den Flur gezerrt. Dann öffnete sich die Tür.
Die warme Luft die mir entgegenstieg roch widererwartend nicht nach Schwefel, sondern vielmehr nach Feuchtigkeit, Schweiß und kaltem Rauch. Solche Adressen ekeln mich an. Manchmal befürchtet man sich schon beim drücken der Klingel einen Herpes einzufangen.
Vor mir stand nun ein Mann mittleren Alters, etwa ein Meter neunzig groß und muskulös gebaut. Obwohl er genauso groß war wie ich selbst, kam es mir von der Treppenstufe unter ihm aus vor, als hätte ich einen Hünen vor mir. Er trug ein ölverschmiertes Shirt, Latzhose und Stahlkappenschuhe.
„Na endlich“ raunzte er mich an. „Ich warte schon ‘ne halbe Stunde.“.
Ich ignorierte sein gemaule weitestgehend und murmelte „Ach tatsächlich?“ vor mich hin. Mein Blick streift über den Zettel mit der Adresse. Mit genervtem Unterton maulte ich „Sechzehn Neunzig“ zurück. Er kramte in seinem Kleingeldfach, knurrte unzufrieden, schloss es wieder und zückte dann einen 20 Euro Schein aus seiner Latzhose. “Machen Sie Siebzehn!”. Ein sarkastisches „Oh, vielen Dank!“ konnte ich mir nicht verkneifen. Ich gab ihm seine drei Euro Restgeld und den Lieferschein mit seiner Adresse. Dann öffnete ich die schwarze Styroporkiste, aus der ich den heißen Dampf entweichen ließ, um dann die zwei Pizzakartons zu entnehmen. Er grabschte danach und knallte mir die Tür vor der Nase zu. “Gerne, Ihnen auch einen schönen Abend.” Wütend schloss ich die Kiste und lief zurück zum Auto. Natürlich nicht ohne meine Schuhe erneut im kalten Nass zu versenken. So eine verdammte Scheiße.
Das war heute erst der zweite Kunde. Wie ich diesen Job hasse. Ich warf die Kiste in den noch immer geöffneten Kofferaum und knallte die Klappe zu. Durch ein Loch im Blech der Fahrertür, über dem einst ein Türgriff saß, ertastete ich das Türschlossgestänge und öffnete die Tür des Wagens. Einen alten VW unbefugt zu öffnen ist tatsächlich ein Kinderspiel. Aber die Qualität der Lieferautos ist üblicherweise die eines abwrackwürdigen Fahrzeugs. Anders gesagt, der Wagen unterschied sich nur durch die leuchtenden Scheinwerfer von den anderen Wracks an der Straße.
Im Inneren war es wegen der geöffneten Heckklappe wieder eiskalt. Ich startete den Motor und der quietschende Lüfter blies mir lauwarme Luft ins Gesicht. Dann machte ich mich auf den Weg zurück zur Pizzeria, wo sicher bereits die nächste Auslieferung wartete. Wenn ich Glück hatte, würde es diesmal vielleicht eine Lieferung in eine Sozialhaussiedlung sein. Die Menschen, die am wenigsten Geld haben, geben doch oftmals das höchste Trinkgeld.
Mein Bruder beschloss den Job nicht fortzusetzen und weil mich ein Lebenswandel zu etwas mehr als mein übliches Gehalt zwang, blieb ich dabei. In ein paar Monaten würde ich auch sehr gut ohne den Zweitjob klarkommen, aber solange man auf nichts verzichten will, bleibt einem nichts anderes übrig. Und solange ich kinderlos und ohne zeitfressende Hobbies bin, mache ich einfach weiter. Zweimal die Woche, nach getaner Arbeit geht es in die Pizzeria. Es ist nicht der Stundenlohn für den man die Gelüste der Menschen stillt. Es kommt auf das Trinkgeld an. So einen beschissenen Job macht niemand zum Spaß. Vielleicht bedenkt ihr das bei eurer nächsten Pizzabestellung. Und vielleicht sagt ihr dann 18, 19 oder stimmt so, wenn der Pizzabote 16,90 Euro bekommt und ihr einen “Zwanni” zückt. Ach und wenn es mal länger als die übliche „halbe bis dreiviertel Stunde“ dauert, dann denkt daran, den Fahrer trifft normalerweise keine Schuld. Wenn ihr jammern wollt, weil ihr 15 Minuten länger auf eurer Fastfood warten musstet, dann in der Pizzeria und nicht beim Fahrer. Das geht uns erstens auf den Sack und zweitens am Arsch vorbei. Und es liegt in der Hand des Fahrers ob der Pizzabelag dass nächste Mal neben oder auf der Pizza bei euch ankommt.
Bussi,
euer Lieferheld