Vaterwesen

Als mein Wecker klingelt, muss es drei oder vier Uhr morgens sein. Ich bin aufgeregt, wache schon ein paar Minuten vor ihm auf und bleibe noch ein wenig im Bett liegen. Ich schaue ins schwarze Nichts, überlege, ob ich mir mit der Reise auch wirklich sicher bin. Es war immerhin eine Impulsentscheidung. Damals vor zwei Monaten, als meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat. Zack. Vorbei.

Eigentlich wollte ich alleine nach Island. Vielleicht wusste ich aber auch gar nicht so genau, wohin ich wollte. Nur, dass es weg von hier sein musste, weg von dem was passiert war. Mein Vater hörte mir geduldig zu und schlug vor, mich zu begleiten. Ich war für einen Moment irritiert. Das letzte Mal, dass ich mit meinen Eltern in den Urlaub gefahren war, musste zehn Jahr her gewesen sein, oder sogar noch länger: Die obligatorischen Caravan-Urlaube in der Provence. Es ist kein Geheimnis, dass mein Vater und ich doch öfters Reibungspunkte finden. Und jetzt sollte ich also mit diesem Mann für ein bis zwei Wochen unterwegs sein. Nur er und ich. Mit einem Zelt. Irgendwo im Nirgendwo. Das konnte ja heiter werden.

Der höchste Berg Schwedens

Ich hüpfe unter die Dusche und kontrolliere noch ein letztes Mal meine Ausrüstung, bevor ich den 20-Kilo-Rucksack in den Pick-up lade. Dann mache ich es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Mein Vater steigt auf der Fahrerseite ein, zieht die Tür hinter sich zu, der Motor brummt vor sich hin und wir fahren los in die Dunkelheit, die nur von unseren Scheinwerfern erhellt wird. Schwarz auf orange blinkt die Uhrzeit im Sekundentakt. 4 Uhr 39. Dunkel. 4 Uhr 39. Dunkel. 4 Uhr 40.

2.482 Kilometer stehen uns bevor. Unser Ziel: Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens. Ich hatte vorher noch nie etwas von dieser Stadt 140 Kilometer nördlich des Polarkreises gehört. Vor 100 Jahren wegen des Erzabbaus entstanden, leidet Kiruna heute unter den Folgen der Rohstoffförderung — und zieht die entsprechenden Konsequenzen: Sie bauen Kiruna ein paar Kilometer entfernt komplett neu auf und siedeln die Menschen um. Bevor es aber soweit ist, wird die Stadt der Ausgangspunkt unserer Wanderung sein. Sobald wir zumindest dort angekommen sind.

Ich drücke mein Kissen an die kalte Fensterscheibe und versuche, noch ein wenig zu schlafen. Sobald ich aber meine Augen schließen, rasen die Augäpfel unruhig hinter den geschlossenen Lidern und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Den Kopf an Scheibe und Kissen gelehnt schaue ich nach draußen. „Hamburg“, lese ich auf dem blauen Autobahnschild, das durch unser Scheinwerferlicht kurz aufflackert. Noch 2.304 Kilometer. Durch das beruhigende Brummen des Motors, das sanfte Schaukeln des Pick-ups werde ich schläfrig und dämmere weg. Ab und zu nehme ich die Lichter der uns entgegenkommenden Autos wahr. Dann sind es nur noch Lichtflecken. Bald ist alles schwarz.

Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Mein Vater und ich. Ein Zelt. Jeden Tag unterwegs und jedes Mal ein wenig näher an den eigenen Grenzen. Nicht, dass es nicht schon genug Grenzerfahrung gewesen wäre, alleine mit ihm unterwegs zu sein. Nein, wir wollen jeden Tag sechs oder sieben Stunden lang zu Fuß unterwegs sein, beladen mit unserem schweren Gepäck. Mein Vater jedenfalls hat gut reden: Er war im vergangenen Jahr schon mit meiner Mutter eine ähnliche Tour gewandert und weiß, was auf ihn zukommt. Aber ich mache mir eigentlich eher Sorgen darum, dass wir uns dort oben im Norden wohl gegenseitig zerfleischen würden. Das mag hart klingen und wahrscheinlich stelle ich mich auch an. Immerhin war ich derjenige, der wie ein kleines, trotziges Kind den Küchentisch verlassen hat, weil ich seine Art zu essen nicht ertragen konnte. Mein Vater hat ein Wesen, welches mich unglaublich aufregt und aus der Fassung bringen kann. Ich streite gerne und häufig mit ihm, nur ist es meistens einfach sinnlos. Und trotzdem wollte ich diese Reise mit ihm unternehmen.

Puttgarden nach Rødbyhavn

Selbst im Tiefschlaf merkt man irgendwie, wenn man angekommen ist. Wo auch immer das ist. Ein wenig orientierungslos erkenne ich noch aus dem Augenwinkel das Ortsschild: Puttgarden. Die Sonne geht gerade auf, als wir auf die Fähre fahren, die uns nach Rødbyhavn übersetzen soll. Ich tausche das warme Innere des Autos gegen den riesigen und kalten Schiffsschlund, der sich geräuschvoll hinter uns schließt. Überall stehen Autos, Busse und LKWs. Der Geruch von Abgasen und Benzin liegt schwer in der Luft und irgendwo flimmert eine kaputte Leuchtstoffröhre. Ich gehe zwei Decks höher, wo es wärmer ist und der penetrante Geruch angenehmer. Vor allem gibt es dort Kaffee und etwas zu essen.

Ich nippe an meinem Becher und schaue einer Familie zu, die an der Reling steht und ein Bild von diesem malerischen Sonnenaufgang macht. Mein Vater stellt sich neben mich und wir beide stehen einfach da. Schweigend. Niemand weiß so recht, was er sagen soll. „Kalt, ne?“ Ich rolle mit den Augen. So ein typischer Manfred. Wirklich gut kann ich mich mit ihm einfach nicht unterhalten. Unsere Gespräche wirken immer sehr hölzern. Lieber etwas sagen, als diese komische Stille zwischen zwei Personen zu ertragen. „Hm. Der Wind zieht gut durch.“ Besser bin ich aber auch nicht.

In zehn Minuten erreichen wir Rødbyhavn, lässt uns einer der vielen Lautsprecher uns wissen. Wir zwei lösen uns langsam vom Anblick des Sonnenaufgangs und trödeln zurück zum Auto. Ich habe nichts dagegen, dass mein Vater noch ein Stück fahren möchte. Bis kurz hinter Malmö irgendwo. Zwei Stunden noch, bis ich das Steuer übernehmen darf. Ich lege mir mein Kissen zurecht, seufze und schlafe ein.

Danke für das Lektorieren des Textes, Verena.

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