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3 Lektionen zum guten Leben

Wir brauchen Impulse und Raum für das gute Leben—ins unserer kaputten Welt. Das wird nicht einfach, aber es wird sich lohnen. 

Martin Herrndorf
Sep 30, 2013 · 6 min read

Am 15. September 2013 hat in Köln-Ehrenfeld der erste ‘Tag des guten Lebens’ stattgefunden. Ein autofreier Sonntag — mit 150 Aktionen, wohl fast 100.000 Besuchern und einer ganz besonderen Atmosphäre.

Warum schlägt ein Tag für so etwas banales wie das ‘Gute Leben’ so ein? Ist das nicht selbstverständlich, dass wir gut leben wollen? Arbeiten nicht Politik, Unternehmen, Wissenschaftler, die ganzen Experten, daran, dass es uns gut geht?


Das gute Leben in einer kaputten Welt

Warum und wie über das “Gute Leben” debattiert wird lässt sich nur verstehen, wenn man sich die Welt anschaut, wie sie heute ist — in ihrem ganzen Wahnsinn.

Denn die Debatte ist natürlich nicht neu — das gute Leben suchen Menschen seit Jahrtausenden, mit gar nicht so neuen Prinzipien. Gesundheit, Sicherheit, Respekt, die Entwicklung der Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft, Muße – Robert und Edward Skidelsky haben dass in ihrem Buch “Wie viel ist genug” neu zusammengefasst. Doch wer die nikomachische Ethik von Aristoteles liest, findet sehr ähnliches.

Dass das Gute Leben neu debattiert und erkämpft werden muss, liegt an unserer Welt: Vom Geld und der Werbung getrieben stürzen wir uns in den Konsum, reiben uns an unerreichbaren Schönheitsideal auf, treiben sehenden Auges ins ökologische Desaster, nehmen Armut, Hunger und Ausbeutung in Kauf. Wir kommen kein Abendessen mehr ohne den dauernden Blick auf das Smartphone aus, keinen Urlaub mehr ohne eine Fernreise, keinen Blick in den Spiegel ohne Selbstzweifel.

In dem ganzen Strudel vernachlässigen wir Freunde, Familie und oft und selbst. Denn das Problem der Konsumgesellschaft ist nicht nur ein ökologisches. Statt unsere Lebensqualität zu steigern, belasten uns die Produkte die wir kaufen, wir müssen sie unterbringen und pflegen, und am Ende fehlt die Zeit, sie wirklich zu nutzen. Die Hölle, das ist ein Haus und eine Garage voll mit Zeug, und der Feierabend um zehn. Das Ergebnis? Obwohl Einkommen und Konsum seit Jahrzehnten steigen, bleibt die Lebensqualität und die Zufriedenheit in den meisten Industrieländern seit den 80ern konstant, oder sinkt (wie in Großbritannien).

Warum begehren wir nicht auf?

Wir haben uns als Gesellschaft verrannt — stecken in einer Sackgasse, und können uns das Leben gar nicht mehr anders vorstellen. Abgase, Lärm, Stress, Leistungsdruck: Was uns angetan wird, tun wir anderen an. Wir ändern uns nicht, weil das Leben halt so ist. Wir sind unsere eigene Geiseln, und wie bei so vielen Geiselnahmen identifizieren wir uns mit den Erpressern und Unterdrückern, sind Teil eines großen ‘Stockholm-Syndroms’. Als Opfer unser selbst verteidigen wir den Wahnsinn — die letzte Maßnahme, um uns ein Stück Würde zu bewahren.

Impulse für das guten Leben

In so einer Situation, in so einer Sackgasse brauchen wir Impulse von Außen. Vom Anderen. Impulse, die den Status Quo in Frage stellen.

Das Andere kann dabei in vielen Formen kommen.

Eine Quelle ist die Außenwelt, das Fremde um uns herum — das für uns neue. Neuland — das, was wir nicht kennen. Reisen bildet, wenn man sich einlässt, wenn man auf die Menschen zugeht. Das neue muss nicht auf die andere Seite der Welt liegen — es kann das erste Gespräch mit dem Nachbarn sein, der erste Tag im Garten, das erste Mal die Hand in die feuchte Frühlingserde stecken.

Die zweite Quelle ist in unser Innenleben. Das Andere steckt hier in unsere Emotionen und Gefühlen, in unserer Sehnsucht danach, besser und anders zu leben. Um auf unser Innenleben zu hören muss viel weg von dem, was uns Werbung und Medien eingetrichtert haben, von dem was unsere Seele verkleistert. Nicht umsonst boomen Yoga-Studios, boomt die Idee, sich dem Lärm und der Hektik der Welt für einen Augenblick zu entziehen. Wenn wir lernen, wieder auf uns selbst zu hören.

In der lateinamerikanische Debatte um das ‘Buen Vivir’, das ‘sumak kawsay’ kommt viel von diesem Anderen zusammen. Indigene Kulturen haben es geschafft, sich dem Wahnsinn, dem Beschleunigungskult, zu entziehen, sich ihren eigenen Rhythmus und ihre Haltung zu bewahren. McDonalds ist in Bolivien gescheitert. Weil keiner den Dreck haben wollte. Stattdessen wurde das Gute Leben in die Verfassung geschrieben, wie zuvor schon in Ecuador.

Der Tag des guten Lebens war ‘multi-kulti’ auf viele verschiedene Arten. In jeder Straße, hinter jeder Ecke gab es neue Kulturen zu entdecken — von afrikanischen Trommlern bis zur alt-eingessenen Veedelsvölkchen.

Impulse stecken auch in der Kunst, zum Beispiel in der Musik. Das Andere steckt in den Klaviermelodien von Chopin, in den Saxophonsoli von Fela Kuti, in den Beats von A Tribe Called Quest. Die Musik kommt von Außen an uns ran, aber sie berührt uns innen drin, sie mobilisiert Emotionen. Wie eine Freundin sagt: Musik an, Welt aus. Zumindest geht die Wahnsinnswelt aus, in der wir leben.

Die Musik am Tag des guten Lebens, die Bläsertruppe am Bahnhof, die Jazzer vor der Metzgerei, die Opernsängerin in der Garage, die Kunst, haben die Straßen und die Menschen für einen Moment verzaubert, und ihnen einen kleinen Anstoß für gute Leben gegeben.

Raum für das gute Leben

Die oben beschrieben Impulse sind allgegenwärtig. Doch wir brauchen Raum für das gute Leben, für das buen vivir, damit diese Impulse wahrgenommen werden können und wirken. Dafür muss das Alte weg.

Wir müssen Platz schaffen, wir müssen uns am Alten reiben, es kreativ, schaffend, zerstören.Wer Ja! sagen will zum Guten, muss Nein! sagen zum Schlechten.

Nicht jeder wird das Neue begrüßen. Die Menschen halten am Alten fest. Sie verteidigen es — den angestammten Platz der Dinge in der Welt. Eine Ordnung die Halt gibt, auch und grade wenn sie an der und unter der Gesamtsituation leiden.

Beim Tag des guten Lebens, dem autofreien Sonntag in Köln, ging die meiste Energie dabei drauf, die Autos von den Straßen und aus den Parkbuchten zu bekommen. Als die Autos weg waren, kam das gute Leben. Zuerst die Kinder und die Hunde — die sich ganz intuitiv und spontan ihren Raum genommen haben, ihren Platz, der ihnen zusteht in der Welt, und der ihnen vom Alten verwehrt wird. Dann die von der letzten Nacht übrig gebliebenen, die Betrunkenen am Karussell, die Narren. Dann die Erwachsenen. Und am Schluss die Experten.

Eine alte Nachbarin begrüßte mich und die leeren Straßen im kölschen Singsang von ihrem Fensterplatz im dritten Stock mit den, nicht besonders freundlich gemeinten, Worten “Ich weiß nicht, seid ihr bekloppt oder bin ich es?”

Ich wusste keine Antwort. Ich war selber verwirrt von der Leere, der Stille, dem Raum. Aber wenn das System falsch ist, wenn alle die Schlechtigkeit akzeptiert haben, wenn wir selber das System in seiner Schlechtigkeit verteidigen — dann können wohl nur Bekloppte es ändern.Bekloppten, die auf so etwas einfachem, banalem wie dem Guten Leben beharren.


Geschrieben für einen Vortrag im Rautenstrauch-Joest-Museum am 17. September 2013. Vielen Dank an die KinderKulturKarawane und die Stadt Köln für die Einladung.


Quellen

Brocchi, Davide. 2012. Tag des guten Lebens: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit. Konzeptpapier

David, Cortez, and Heike Wagner. 2010. “Zur Genealogie des indigenen “Guten Lebens” (“Sumak Kawsay”) in Ecuador” In Lateinamerikas Demokratien im Umbruch, ed. Leo Gabriel, and Herbert Berger. mandelbaum verlag.PDF

Fatheuer, Thomas. 2011. “Buen Vivir: Eine kurze Einführung in Lateinamerikas Neue Konzepte zum Guten Leben und zu den Rechten der Natur”. Schriftreihe Ökologie 17

Schöneck, Bernd. 2013. “Autofreier Sonntag: Fußgänger erobern den Asphalt”. Kölner Stadt-Anzeiger, 15. September 2013,

Skidelsky, Robert, and Edward Skidelsky. 2013. “Zurück zum Wesentlichen: Was wir zum Guten Leben brauchen”. Blätter für deutsche und internationale Politik 4:79-90.

    Martin Herrndorf

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    Passionate cyclist and urbanite, social scientist, writer and speaker, founder of Colabor | Raum für Nachhaltigkeit and financial coordinator of AGORA KÖLN.

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