Was lange währt …

Mit der Eröffnung des Seehauses Leipzig für Jugendstrafvollzug in freier Form am Hainer See hat der Verein Seehaus e.V. einen dauerhaften Platz gefunden im Landkreis Leipzig. Der Weg dahin war ein Prozess.

Eine langjährige, herausfordernde Suche nach einem dauerhaften Standort für das Seehaus in Sachsen hat ihr Ziel gefunden. Im Februar bis März 2018 sind die strafgefangenen jungen Männern aus dem Zwischendomizil Seehaus von Störmthal in den Neubau am Hainer See (Gemeinde Neukieritzsch) umgezogen. Mit ihnen wohnen nun 14 Erwachsene (Mitarbeiter und Angehörige) und 12 Kinder auf dem Gelände des Seehauses Leipzig. Das etwa 4,5 Hektar große Areal liegt knapp 30 Autominuten entfernt vom Leipziger Zentrum, südlich der sächsischen Messestadt in einer Tagebaunachfolgelandschaft.

Die Eröffnung in Leipzig fand am 6. Mai 2018 statt.

Gemeinsam anpacken

Die Erschließungsarbeiten für die beiden Hauptgebäude begannen bereits im Juni 2016. Ein Jahr später wurde Richtfest gefeiert. Beim darauf folgenden Innenausbau halfen auch die jungen Männer aus dem Seehaus mit, legten Böden, bauten Türen ein, malerten und tapezierten die Räume. Mit jeweils über 1000 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche verteilt auf drei Geschosse bieten die beiden Häuser neben den WGs und Hauselternwohnungen Platz für die Seehaus-Schule, Büros und weitere Mitarbeiterwohnungen.

Wohnen in Gemeinschaft

Am bedeutendsten ist jedoch, endlich die räumlichen Möglichkeiten für den Start der zweiten Wohngemeinschaft zu haben. Dafür steht Familie Viehweger in den Startlöchern. Wie bei der laufenden WG der Familie Steinert werden bis zu sieben strafgefangene junge Männer die Möglichkeit haben, in einer Familie zu leben und sich intensiv auf das Leben nach der Haft vorzubereiten. Die insgesamt 14 Plätze werden größtenteils durch Mittel aus dem Justizhaushalt des Freistaats Sachsen finanziert. Die Kosten für den Neubau muss der Seehaus e.V. selbst aufbringen.

Ein zentraler Baustein im Seehaus-Konzept ist die Unterbringung der Jugendlichen in familienähnlichen Wohngemeinschaften mit einem Hauselternpaar sowie der Alltag mit einer festen Tagesstruktur.

Das Leben für die Strafgefangengen im Seehaus ist nicht einfach, sie werden gefordert, müssen sich in die Gemeinschaft einbringen, ihre Arbeit machen und Verantwortung übernehmen. Strafvollzug in der freien Form, wie er im Seehaus umgesetzt wird, ist ein guter Teil soziales Training. Die jungen Menschen lernen, sich aktiv in einer Hausgemeinschaft zu integrieren und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Für sie ist es ihre zweite Chance, ein eigenes Leben aufzubauen.

„Ein gut strukturiertes und organisiertes Leben im Alltag bietet meines Erachtens bessere Grundlagen, sich nach der Haftstrafe wieder in die Gesellschaft zu integrieren, als ein geschlossener Vollzug.“ — Henry Graichen, Landrat Landkreis Leipzig

Die nächsten praktischen Schritte sind der Bau des Geräteschuppens und das Anlegen der Außenanlagen. Dafür wird unter anderem noch ein Mitarbeiter im Garten- und Landschaftsbau gesucht, bestenfalls Meister in diesem Bereich. Mittelfristig soll die Seehaus-Werkstatt auch auf das Gelände ziehen. Seit 2013 befindet sich die Seehaus- Tischlerei und -Zimmerei auf der anderen Seeseite in Kahnsdorf.


10 Jahre Anlauf — die Etappen bis zur Einweihung des Seehauses Leipzig

  • 2008 aussichtsreiche Immobilie in Glauchau gesichtet
  • 2009 Standort Glauchau scheitert — ca. 200 weitere Bestandsimmobilien werden erfolglos begutachtet — Entscheidung für einen Neubau
  • 2010 Stadt Borna bietet Bockwitzer See als Bauplatz an
  • 2011 Übergangslösung Störmthal wird bezogen, der erste junge Mann aus der JSA Regis-Breitingen zieht ins Seehaus ein, große Widerstände im Ort
  • 2012 Stadtrat Borna entscheidet, dass das Seehaus doch nicht am Bockwitzer See erwünscht ist. Die Bürgerinitiative in Störmthal versucht auf rechtlichem Weg, das Seehaus zum Wegzug zu zwingen.
  • 2013 erster Seehaus-Absolvent verlässt Störmthal nach dem Ende seiner Haftzeit, Zustimmung Stadtrat Borna und Gemeinderat Neukieritzsch für Standort am Hainer See
  • 2014 Überarbeitung des Bebauungsplanes für den Standort am Hainer See
  • 2015 Eine Bürgerinitiative versucht die Ansiedlung des Seehauses zu verhindern und erzwingt mit einer Unterschriftensammlung Bürgerentscheide in Neukieritzsch und Espenhain. Die beiden Gemeinderäte überstimmen jedoch die Contra- Seehaus-Entscheide, so dass das Seehaus doch am Hainer See gebaut werden kann. In der Zwischenzeit bieten die ehemaligen Seehaus-Gegner in Störmthal dem Verein den dauerhaften Verbleib im Ort an.
  • 2016 Beginn der Erschließungsarbeiten am Hainer See, Grundsteinlegung
  • 2017 Richtfest Seehaus Leipzig, Baustellenführungen für die Öffentlichkeit
  • 2018 Umzug von Störmthal nach Kahnsdorf an den Hainer See
  • 6. Mai 2018 Eröffnung des Seehaus Leipzig

Der Text ist erstmalig im Infobrief Seehaus Nr. 32, April 2018 erschienen.


Seehaus e.V.

Das Konzept „Seehaus — Jugendstrafvollzug in freier Form“ wird vom Seehaus e.V. an mehreren Standorten betrieben, darunter Leonberg in Baden-Württemberg und Störmthal in Sachsen. 14- bis 23-jährige Gefangene (im Seehaus „Jugendliche“ genannt) können sich dafür aus dem Gefängnis heraus bewerben. Nach der Zustimmung durch die Anstaltsleitung verbringen sie ihre gesamte restliche Haftzeit im Seehaus. Ein zentraler Baustein im Seehaus-Konzept ist die Unterbringung der Jugendlichen in familienähnlichen Wohngemeinschaften mit einem Hauselternpaar sowie der Alltag mit einer festen Tagesstruktur, der die Jugendlichen dazu befähigen soll, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen, um so die Basis zu schaffen, dass sie nach der Haft wieder einen guten Platz in der Gesellschaft finden. www.seehaus-ev.de