„Ermutiger zu sein, ist unsere Berufung“

Andreas Roth engagiert sich mit seiner Frau Erika ehrenamtlich im Hoffnungshaus Leonberg.

Andreas Roth unterrichtet ehrenamtlich im Hoffnungshaus Leonberg. Foto: Jeroma

Der Lehrbuchtext, den die Teilnehmer des Sprachkurses im Hoffnungshaus Leonberg an diesem Nachmittag durchnehmen, hat es in sich. Wie viele Stunden arbeiten die deutschen Arbeitnehmer durchschnittlich? Wie viele Urlaubstage und Feiertage gibt es im Vergleich mit anderen europäischen Ländern? All diese Informationen gilt es herauszufiltern und in eine Tabelle einzutragen. Keine einfache Aufgabe. Selbst ein Muttersprachler muss genau hinschauen, um all die Zahlen und Fakten auseinanderhalten zu können. Das gilt erst recht für die Männer aus Afghanistan, Syrien, Bangladesch und Indien, die sich im Klassenzimmer in der Fuge des Hoffnungshauses damit beschäftigen. Geduldig wiederholt Kursleiter Andreas Roth die Fragen aus dem Buch, lässt genügend Raum zum Nachdenken und freut sich mit den anderen über die richtigen Antworten. Zweimal pro Woche kommt er ins Hoffnungshaus, um Menschen beim Deutschlernen zu unterstützen.

“Ich habe sie alle gerne. Sie sind sehr höflich und helfen sich gegenseitig.”

Über seine Schützlinge spricht der 71-Jährige mit großer Wertschätzung. „Ich habe sie alle gern. Sie sind sehr höflich und helfen sich gegenseitig“, sagt der pensionierte Lehrer, der zuletzt als Konrektor an der Grund- und Hauptschule in Ditzingen tätig war. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau Erika in Malmsheim. Wie ihr Mann ist auch sie ehrenamtlich im Hoffnungshaus Leonberg engagiert. Während er Menschen aus anderen Ländern die deutsche Sprache nahebringt, ist sie einen Stock tiefer in der “Nähstube” und fertigt dort Kleidungsstücke mit anderen Frauen.

„Menschen zu fördern und Ermutiger zu sein ist unsere Berufung“, meint Andreas Roth.

Er stammt aus einer großen Familie, war zeitlebens von Kindern und Schülern umgeben. „Ich brauche den direkten Kontakt zu Leuten. Deswegen habe ich gleich zugesagt, als ich angefragt wurde, im Hoffnungshaus mitzumachen“, fügte er hinzu. Zuvor hatte er bereits jugendliche Migranten im Seehaus Leonberg unterrichtet, die als unbegleitete Geflüchtete bei Gastfamilien im Raum Leonberg untergebracht waren.

Impressionen von den Sprachkursen im Hoffnungshaus Leonberg. Foto: Weiß

Beim ehrenamtlichen Einsatz profitiert Andreas Roth von seinem interkulturellen Wissen und Einfühlungsvermögen. Seit vielen Jahren hat er tiefgehende Verbindungen nach Afrika und kennt daher die Besonderheiten des Kontinents. Zeitweise nahmen die Roths ein Pflegekind aus Nigeria bei sich zu Hause auf. „All die gemachten Erfahrungen helfen mir jetzt beim Unterricht im Hoffnungshaus, wo mir Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen begegnen“, sagt der Pädagoge.

Die Sprachvermittlung im Hoffnungshaus bleibt nicht nur auf die Lektionen aus dem Lehrbuch beschränkt. „Wir nehmen uns genügend Zeit, in der jeder der Anwesenden aus seinem Leben erzählen kann. Sie sollen möglichst oft selbst zu Wort kommen und über Dinge reden, die sie auf dem Herzen haben“, erklärt Roth. Für manche Kursteilnehmer sei er längst mehr als nur ihr Lehrer. Sie sähen ihn als Freund und hätten ihn schon mal zu sich nach Hause eingeladen.

„Wie nennt man es, wenn jemand in Deutschland mehr als die vertraglich vereinbarten 40 Stunden arbeitet?“, will Roth beim Durcharbeiten der Lektion wissen. Die Antwort „Überstunden“ kommt den meisten wegen des Umlautes schwer über die Lippen. Um niemand zu brüskieren, lässt er das Ä, Ö und Ü im Chor üben, bis es ihnen leichter fällt. Unter Druck gesetzt wird niemand. „Die Leute sollen Freude haben, die deutsche Sprache zu erlernen“, sagt Andreas Roth abschließend und freut sich, dass er mit seinem Ehrenamt ein Stück weit dazu beiträgt.

Axel Jeroma

Mehr Infos zum Hoffnungshaus Leonberg auf unserer Website.