Bis ein Aufseher kommt!
holger volland
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Diesen Brief habe ich als Reply von Gerd Dengler bekommen, dem langjährigen Professur für Malerei, Grafik und Kunsterziehung an der Akademie der Bildenden Künste München. Ich möchte ihn (leicht gekürzt) der Diskussion nicht vorenthalten:

Sehr geehrter, lieber Herr Volland,

Mit großem Interesse habe ich gelesen, was in der Kunst- bzw. Kulturvermittlung mit digitalen Medien möglich ist.

Die Art mit Bildern vermittelnd umzugehen, sie in allen Details zu zeigen, womöglich sie (wenn nicht gar das Publikum) zu animieren ist faszinierend.

Dass Sie den manchmal verschlafenen Museen auf elegante Weise den Wecker klingeln lassen, finde ich prima.

Wenn die oft ideologisch “modernen” Kunstlehrer nicht zäh ihren Beamtenstatus feierten, wäre das Modell auch eine Chance für den Kunstunterricht.

Freilich eignen sich Brueghel, Bosch, überhaupt gegenständlich abbildende Kunst hier besonders.

Bei einem Monochrom oder einem auf das Format bezogenen Gemälde wird es schwieriger (vielleicht).

Irgend etwas fehlt allerdings bei dieser Methode der Bildbetrachtung.

Es ist seit der Gemäldeverglasung in den Museen der siebziger Jahre und den Kultur-Tourismus-Boom seit einigen Jahren, sowie der gescannten Datenerfassung längst so,

dass kaum mehr ein Unterschied zwischen Bild und Abbild wahrgenommen wird. So weiß ich, dass eine staatliche grafische Sammlung die digitale Kopie ausstellt und sie als Original ausgibt.

Mein Drucker, ein Spezialist für Digitaldruck, wirbt damit, Gemälde in Originalgröße und “originalgetreu” zu drucken, um das (so wertvolle) Original im Safe aufzubewahren.

(Wobei sich wertvoll natürlich aufs Finanzielle bezieht).

Um nicht hier eine ausführliche Analyse von Bild und Abbild oder Reprodukt zu erläutern, ein persönliches Erleben als Beispiel, das sentimental erscheinen mag, aber das Gerede von Aura, Original, Authentizität usw. vermeiden will:

Francisco de Goya ist mir seit Feuchtwangers erfundener Biografie (G. oder der arge Weg der Erkenntnis), also schon sehr lange, ein steter Begleiter und ich kenne fast alle seine Bilder.

Etliche, wo immer nur möglich, als Original und viele aus Reproduktionen.

Als ich nun anlässlich meiner Ausstellung in Madrid natürlich den Prado besuchte, stand ich vor Goyas Selbstbild — dem Original, das ich als Abbild bestens kannte und soweit das möglich ist, studiert und analysiert hatte.

Das Gemälde verschwamm allmählich, weil ich Tränen in den Augen hatte. Dann verabredete ich mich mit Don Francisco in der Kirche San Antonio de la Florida seiner Grabstätte, wo er Fresken gemalt hatte, auf denen man den Engeln ganz fromm unter den Rock schauen kann.

Das ist allerdings — vermute ich — auch digital möglich, wenn nicht gar die Entkleidung der Engel initiiert werden kann.

Die Bodega neben der Kirche habe ich dann mit dem virtuellen Maler ganz analog besucht.

(Ein anderes Beispiel könnte ich aus Neapel von Caravaggios Geißelung Christi erzählen und es würde ähnlich ichbezogen scheinen. Obwohl ich zu dem Bild einen Vortrag vor italienischen Kunstprofessoren gehalten habe über Komposition, Maltechnik, Stellung der Personen zueinander etc., war über das Bild kaum etwas gesagt und von Interesse war eigentlich nur, wieviel eine Bank zur Restaurierung und Inszenierung der Gemäldes beigetragen hat. Übrigens hat das Museo Capodimonte das Bild mit Spots so beleuchtet, dass Caravaggios Lichtführung nachgestrahlt wird, er also seine Hell-dunkel Dramaturgie hätte gar nicht malen müssen.)

Vielleicht wird deutlich, dass ich nicht das Digitale gegen das Analoge ausspielen will, sondern zeigen möchte, dass eine virtuelle Qualität im analogen Kunstwerk steckt, die manchmal direkt, oft erst bei reflektierender Betrachtung sich offenbaren kann.

Den Aspekt, dass man sich kulturell aus- und weiterbilden kann, bringt die von Ihnen in beeindruckender Weise dargelegte Methode sehr differenziert voran. Dies geschieht vor allem über die Oberfläche der Bilder.

Wenn man nach der Tiefe sucht, gerät man schnell ins Schwafeln. Oft ist in den von Kulturtouristen gestürmten Museen ein reflektierendes Betrachten nicht möglich.

Deswegen habe ich es immer vorgezogen zu zeigen und zum Sehen anzuregen. Dazu ist ihr Ansatz eine prima Hilfe und Einstieg.

Ich habe beobachtet, dass sich bei großen Ausstellungen viele Besucher in den didaktischen und museumspädagogischen, meist abgedunkelten Räumen drängen.

Das wäre wahrscheinlich im Digital-Museum auch der Fall — und vor den Originalen wieder Platz und Ruhe um zu schauen.

Das könnte dann vielleicht auch für den in alle Details eingeweihten Betrachter eine Offenbarung sein.

Mit vielen Grüßen

Gerd Dengler (http://www.gerd-dengler.com/

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