7 Dinge, die ich über WhatsApp-Journalismus gelernt habe

Wie wir mit Politik-Berichterstattung ein junges Publikum erreicht haben und warum wir uns manchmal wie Outlaws gefühlt haben

Die Postkarten von shotty / Foto: Stephanie Schreier

Im Juni 2017 habe ich zusammen mit meinem Jahrgang an der Axel Springer Akademie das WhatsApp-Format “shotty” entwickelt. Das Ziel: Politik-Berichterstattung für Erstwähler machen, die Jugendliche wirklich interessiert. Via WhatsApp wollten wir sie da abholen, wo sie online die meiste Zeit verbringen.

Das Making-Of von shotty

Diese sieben Dinge haben wir bei der Entwicklung von shotty gelernt:

1. WhatsApp ist der Wilde Westen unter den Social Media-Apps

Für Medienhäuser ist WhatsApp ein kaum erschlossenes Gebiet, auf dem Rechtsunsicherheit herrscht und auf das sich bisher nur ein paar Pioniere wie zum Beispiel das Team der Rheinischen Post um Daniel Fiene vorwagen. Zum einen ist das natürlich reizvoll, da der große Goldrausch vielleicht noch bevorsteht. Zum anderen birgt die Plattform aber auch das Risiko, jederzeit von WhatsApp gesperrt zu werden. Bisher ist die kommerzielle Nutzung der App nämlich untersagt.

Zudem mussten wir einiges an Kreativität aufbringen, um das Community Management zu stemmen. Wir haben uns von Anfang an gegen den Chatbot “WhatsBroadcast” entschieden, da er viele WhatsApp-Funktionen nicht unterstützt. Dafür mussten wir mehr Zeit in die An- und Abmeldung der Nutzer investieren. Manuell haben wir jeden Kontakt eingespeichert und gelöscht. Dabei ging uns trotz aller Sorgfalt der ein oder andere verloren. Ein paar Nutzer haben sich darüber beschwert, doch die meisten ließen sich davon nicht abschrecken.


2. Handynummern zu bekommen ist einfacher als im Nachtclub

Uns war das Risiko, von WhatsApp gesperrt zu werden, erst einmal egal. Wir sorgten uns um die potenziellen Nutzer: Würde überhaupt jemand seine Handynummer herausrücken? Immerhin gibt man ja abends an der Bar auch nicht jedem Fremden seine Nummer. Hinzu kamen datenschutzrechtliche Bedenken.

Diese Sorge hat sich nicht bestätigt. Innerhalb der ersten drei Tage haben sich 2000 Menschen bei shotty angemeldet. Am Ende der Projektwoche waren es insgesamt 2500.

Und das, obwohl wir so gut wie kein Werbebudget hatten. Sogar die BBC hatte von unserem Projekt gehört.


3. No pictures, please

Speicherplatz ist heilig. Jedes verschickte Bild oder Video nimmt dem User ein paar Kilobyte Speicher – und liefert einen Grund, sich von den WhatsApp-News abzumelden. Hinzu kommt, dass nachrichtliche Bilder den Fotostream verstopfen. Die meisten User wollen kein Foto von Angela Merkel zwischen ihren letzten Urlaubsfotos in der Galerie haben.

Mit einer Ausnahme: Wenn man Bilder als Service versteht und der User sie wie eine Postkarte weiter verschicken kann. Daher haben wir uns entschieden, zu bestimmten Themen GIFs zu versenden. Jedes GIF wurde so konzipiert, dass man es mit seinen Freunden teilen konnte.


4. Sprachmemos sind die neuen Podcasts

Neben den GIFs und den Kompakt-News am Abend haben wir jeden Morgen eine Sprachmemo mit den wichtigsten News des Tages verschickt. Die Sprachnachricht sollte sich wie die eines Freundes anhören: persönlich in der Ansprache, maximal drei Minuten lang und meinungsstark.

Von der Community haben wir dazu sehr gutes Feedback bekommen. Viele haben uns geschrieben, dass sie morgens noch zu faul zum Lesen seien und das Memo perfekt zu ihrem Tagesablauf passe. Einige Schüler aus unserer Testgruppe erzählten uns, dass sie morgens das Memo im Bus oder im Bad hören. Mit den Analysetools von WhatsApp lassen sich die genauen Abrufzahlen leider nicht nachvollziehen.


5. Der WhatsApp-Status kann es mit Snapchat und Instagram Stories aufnehmen

Seit April 2017 gibt es bei WhatsApp eine neue Status-Funktion. Ähnlich wie bei Snapchat kann man dort Fotos und dreißigsekündige Videos posten, die sich aneinanderreihen und nach 24 Stunden wieder verschwinden.

Bisher gibt es noch keine Zahlen, wie stark der Status genutzt wird. Bei shotty haben wir als eines der ersten Medien weltweit mit dieser Funktion experimentiert. Ausgehend von unserem privaten Umfeld hatten wir vermutet, dass WhatsApp im Vergleich zu Instagram Stories und Snapchat kaum genutzt wird. Die Resonanz auf unsere Stories hat uns daher alle überrascht:

Zwischen 40 und 50 Prozent unserer User haben sich den Status angesehen. Von unseren fünf WhatsApp-Reportagen kam das Thema Sexting am besten an. Hier sind fast alle Nutzer bis zum Ende drangeblieben (95 Prozent). Bei den anderen Themen (Radikalisierung, Karriereplanung, Umweltverschmutzung durch Plastikmüll, UK-Wahl und Europa) lag die Click-Through-Rate im Schnitt bei 65,5 Prozent.

Umgekehrt ist es aufschlussreich, sich die WhatsApp-Status-Stories der Nutzer anzusehen. In unserer Community nutzen vor allem Schüler im Alter von ca. elf bis 18 den Status. Am beliebtesten sind teilbare Fragebögen, die wie ein Kettenbrief weitergeschickt werden können (z.B. „Magst du mich?“, „Würdest du mit mir ausgehen?“ o.ä.)


6. Liebe deine Community, dann bleibt sie dir treu

Mit shotty wollten wir ein interaktives, journalistisches Format auf die Beine stellen. Anders als beim klassischen Newsletter lautete unser Credo: Wir antworten immer! Dieser Ansatz hat uns ein hohes Engagement und viel User Generated Content eingebracht.

Die Interaktion erzeugt eine enge Bindung zu Community. Beispielsweise haben wir Fan-Art und zahlreiche „Dankeschön” und „Weiter so” zugeschickt bekommen. Manche shotty-Fans haben uns sogar in ihrer Status-Story geteilt.


7. Love is in the air

Bei WhatsApp haben wir fast nur konstruktives Feedback bekommen — mit Ausnahme von einem einzigen Troll. Weil WhatsApp ein geschlossenes Netzwerk ist, bietet es keine öffentliche Bühne und ist damit unattraktiv für Hasskommentare. Die Leute trauen sich eher, Fragen zu stellen oder sich auf Recherche-Aufrufe zu melden.


Über das WhatsApp-Projekt shotty:

„Was hat Politik mit Dir zu tun?“ Diese Frage wollten die Macher des WhatsApp Formats „shotty“ ihren Usern beantworten. Dabei soll das Format informieren und unterhalten — mit einem morgendlichen News-Sprachmemo, Kompakt-News am Abend und Status-Reportagen. Zur Vertiefung der Status-Reportage hat es außerdem jeden Abend einen Livestream mit Experten und User-Fragen auf der Facebook-Seite von shotty gegeben.

„shotty“ soll kurz sein und direkt wirken — wie ein „Shot“, ein kleiner Schnaps. Das Projekt lief vom 5. bis 9. Juni 2017 auf WhatsApp — der Anwendung, die 94 Prozent der jungen Menschen in Deutschland als die für sie wichtigste auf ihrem Smartphone bezeichnen.

“shotty” ist ein Projekt von Team 21 der Axel Springer Akademie.