Griechenland.

Ich verstehe es nicht, und das meine ich nicht rhetorisch. Ich bin kein Volkswirt oder sonstiger Ökonom, kein Politikwissenschaftler oder Soziologe. Ich bin Rechtsanwalt, aber das hilft mir in diesem Fall auch nicht dabei, die Geflechte von internationalen Fördermitteln, Bail-outs, Staatsanleihen, Parlamentsvorbehalten, Bankkompetenzen und so weiter zu verstehen.

Fakt scheint aber zu sein, dass sich Griechenland als Ökonomie, vielleicht auch als Gesellschaft und politisches Konsensgebilde im freien Fall befindet, wenn man einen gemeinsamen Nenner aller großen Headlines bilden möchte. Eine Lösung innerhalb der jüngsten “aller-aller-aller-diesmal-aber-wirklich-letzten” Frist ist wohl nicht ernsthaft zu erwarten und die griechische Staats- und Privatwirtschaft wird wohl implodieren. Welche Doomsday-Machine da ablief — keine Ahnung. Was passieren wird? Noch weniger Ahnung.

Nach Lektüre diverser Stellungnahmen zum Thema, die da reichte von hochakademischen Essays der internationalen Presseelite bis hin zu Facebook-Kommentareinträgen der Kategorie “Stavros: Die Scheiss-Nazis wieder, wahr ja klahr, alle abknalln” bzw. “Kevin: Griechenland verpiss Dich hab selber kein Geld” grenzt sich meine Sicht auf zwei Gedanken ein:

  1. Wo waren die Divisionen hochbezahlter Ökonomen in den letzten 15 Jahren? Wo waren die Ausschüsse, Gutachter, Kommissionen und Stellungnehmer, alle mit fantastischen akademischen Titeln, politischer Amtsgewalt, Lehrstühlen und internationalem Ansehen ausgestattet (Polemikalarm: Ganz zu schweigen von erheblichen Bezügen, vermutlich)? Wo waren die Zahlenversteher, die Bilanzleser und Buchhaltungsdurchblicker, die Wirtschaftsanalytiker des Kalibers, die schon Monate im Voraus den Launch eines neuen Apple-Produkts vorhersagen können? Oder waren die durchaus alle am Platz und das griechische Desaster erhob sich ohne Warnung und Vorankündigung, ohne ominöse Zeichen und böse Ahnungen gleichsam aus dem Mittelmeer wie die Monstren der antiken Sagen? Oder war hier so hervorragend, so bewundernswert perfekt getarnt, getäuscht und getrickst worden, dass genannte Experten in geschlossener Reihe punked waren? Oder war das alles egal? Wusste man, was da unweigerlich kommen würde, so wie die Banken der Immobilienblase wussten, dass die faulen Kredite irgendwann stinken und platzen mussten wie Kadaver in der Sommersonne? War es alles politisch in Kauf genommen, um des großen Ganzen willen? Wer’s weiß, möge mich bitte aufklären, denn ich weiß es nicht. Und vor allem weiß ich nicht, welcher dieser drei denkbaren Ansätze am schlimmsten wäre.
  2. Warum sind wir wieder die Bösen? So unvermeidlich, wie die Kugel im Flipper irgendwann ganz unten in der Mitte verschwindet, so zwingend kommt der Dreiklang “Deutschland, du erdrückender Exportriese”, dann “Deutschland, du Europa-Dominator” und das Beste zum Schluss: “Deutschland und der zweite Weltkrieg”. Bitte nicht gleich ausflippen, aber ist das wirklich die Debatte, die hier ganz konkret zu führen ist? Oder muss man sich nicht eher fragen, wieso der Schuldner sich vor den Gläubiger stellt (und das ist nicht nur Deutschland, sondern etwa auch das schnell zunehmend angesäuerte Lettland) und beginnt, Bedingungen diktieren zu wollen? Ich persönlich mag unter selektiver Wahrnehmung leiden, aber ich höre hier immer nur, was man alles nicht zu tun bereit ist, was man aber hingegen an weiteren Leistungen verlangt. “No more austerity” — den Spruch sollten sich vielleicht auch “normale” Schuldner merken, wenn sie von der Bank den Dispo gekappt kriegen. Mal sehen, ob es funktioniert. Charaktere wie Herr Varoufakis lassen sich als wilde, harte, griechische Kämpfer feiern (jedenfalls bis zum Rücktritt und Abgang per Motorrad), und auf Pressebildern vom Sonntag zeigen sich gerne attraktive, junge Griechinnen und Griechen von edlem Profil und in der Pose der unbeugsamen Hellenen, die den böswilligen XENOS tapfer die Stirn bieten. Ganz-Großes-Theater, und so leicht verdaulich, denn nichts geht glatter runter, als eine gute David-gegen-Goliath-Geschichte. Nicht erst seit “Rocky” will jeder gerne den Underdog siegen sehen. Unterschied: Dieser hat tatsächlich trainiert. Und nicht verlangt, dass Apollo Creed ihm den Gürtel ohne Fragen zu stellen einfach frei Haus anliefert.

Gong zur letzten Runde.

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