Freunde on demand: Was steckt hinter unserer Beziehung zu PodcasterInnen?

Wenn man mich über meine LieblingspodcasterInnen reden hört, könnte man meinen, wir kennen uns seit Kindheitstagen und treffen uns wöchentlich zum Kaffee. Ist das normal? In meiner Masterarbeit habe ich unsere Beziehung zu PodcasterInnen erforscht und mich auf die Suche nach einem Erfolgsrezept für auditive Nahbarkeit gemacht.

Als Jüngste einer Großfamilie, die Stille nicht ausstehen kann, waren Podcasts so etwas wie ein Geschenk des Himmels. Technisch gesehen bin ich kaum noch allein unterwegs. Podcasts leisten mir Gesellschaft beim Frühstück, ihre MacherInnen begleiten mich beim Spazieren und auf meinen Einkaufsrouten. Und ich bin schon lange kein Einzelfall mehr. Nach ihrer letzten Studie schätzen die MarktforscherInnen von ARD Sales und Services (AS&S), dass im letzten Jahr 20 Mio. Jugendliche und Erwachsene in Deutschland wenigstens einmal einen Podcast gehört haben (Domenichini, 2018). Podcasts haben sich demnach schon längst hierzulande den Weg in den Mainstream gebahnt. Und wer einmal anfängt, der bleibt meistens auch dabei — auch das lässt sich aus den Ergebnissen der AS&S-Studie ablesen.
Ich bin der ganzen Sache schon hoffnungslos verfallen, warte sehnsüchtig auf jede neue Folge und fülle die quälende Zeit dazwischen mit Episoden aus dem Archiv. Und während ich dem Erscheinungstermin entgegen sehne, wird mir bewusst, dass es nicht nur die Inhalte sind, auf die ich mich bei vielen Sendungen freue. Ich vermisse ihre MacherInnen an meinem Küchentisch und auf meinen Spazierrouten. Ihre Stimmen bringen sofort gute Laune und, ja, auch irgendwie das Gefühl, unter Freunden zu sein.

Beziehungen zu Medienpersonen — ein florierendes Forschungsfeld

Sarah Koenig, bekannt aus dem Podcast “Serial”, über ihre Erfahrung mit überschwänglich freundlichen Fans.

Aber zurück zum Thema: Parasoziale Beziehungen wurden in verschiedenen Medienkontexten empirisch untersucht, bis dato allerdings nicht bei Podcasts. Dabei bringen sie einige Qualitäten mit, die ihre ProduzentInnen zu idealen BeziehungspartnerInnen machen würden und, wer weiß, vielleicht ist es sogar diese Vertrautheit, die einen so packt und uns den Namen der „highly dedicated ‚super listeners‘“ (Bottomley, 2015, S. 165) eingeheimst hat. Ich nenne hier nur ein paar Argumente, weshalb der Podcast das optimale Beziehungsmedium darstellt. (Für eine ausführliche Auseinandersetzung empfehlen sich übrigens die Arbeiten von Berry und MacDougall).

1. Die Herkunft aus der Grassroots-Bewegung

2. Eine vorherrschende DIY-Ästhetik

3. Ein Respektverhältnis auf Augenhöhe

4. Kopfhörer sind näher dran

5. Identifikation mit der Nische

So viel zur Theorie. Nun fragen wir die Zahlen*.

*Wichtig: Die Ergebnisse aus meiner Masterarbeit sind signifikant, allerdings handelt es sich nicht um eine repräsentative Abbildung der Podcast-NutzerInnen in Deutschland. Um die Erkenntnisse der Studie besser einordnen zu können, werfe einen Blick in den Ergebnisbericht. Aber in kurz: Die Befragten sind vor allem hochinvolvierte Podcast-Fans und zeigen deutliche Präferenzen für bestimmte Podcast-Genres.

Nachtrag: Viertausendhertz hat vor kurzem eine Frequenz-Episode dem Thema Podcastforschung gewidmet. Dort werden einige Studien besprochen, u.a. durfte ich von meinen Ergebnissen erzählen. Wer also keine Lust mehr auf Lesen hat, der ist hier ganz gut aufgehoben:

Und noch ein Medientipp: Der Radiosender Puls hat auf das Podcastjahr 2018 zurückgeschaut und sich gefragt, ob wir inzwischen von einem Mainstream-Medium sprechen können. Neben Spotify-Mitarbeitern und Podcastern durfte ich auch meinen Senf dazu geben und von der Studie erzählen:

Quellen

Berry, R. (2016). Podcasting. Considering the evolution of the medium and its association with the word ‘radio’. Radio Journal: International Studies in Broadcast & Audio Media, 14, 7–22. https://doi.org/10.1386/rjao.14.1.7_1

Bottomley, A. J. (2015). Podcasting. A Decade in the Life of a “New” Audio Medium: Introduction. Journal of Radio & Audio Media, 22, 164–169. https://doi.org/10.1080/19376529.2015.1082880

Domenichini, B. (2018). Podcastnutzung in Deutschland. Media Perspektiven, 46–49. Zugriff am 18.05.2018. Verfügbar unter http://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2018/0218_Domenichini.pdf

Horton, D. & Wohl, R. R. (1956). Mass communication and para-social interaction: Observations on intimacy at a distance. Psychiatry, 19, 215–229.

Liebers, N. & Schramm, H. (Hrsg.). (2017). 60 Jahre Forschung zu parasozialen Interaktionen und Beziehungen. Steckbriefe von 250 Studien (Rezeptionsforschung, Bd. 37, 1. Auflage). Baden-Baden: Nomos. https://doi.org/10.5771/9783845276519

MacDougall, R. C. (2011). Podcasting and Political Life. American Behavioral Scientist, 55, 714–732. https://doi.org/10.1177/0002764211406083

McHugh, S. (2016). How podcasting is changing the audio storytelling genre. Radio Journal:International Studies in Broadcast & Audio Media, 14, 65–82. https://doi.org/10.1386/rjao.14.1.65_1

Meserko, V. M. (2015). The pursuit of authenticity on Marc Maron’s WTF podcast. Continuum, 29, 796–810. https://doi.org/10.1080/10304312.2015.1073682

Salvati, A. J. (2015). Podcasting the Past. Hardcore History, Fandom, and DIY Histories. Journal of Radio & Audio Media, 22, 231–239. https://doi.org/10.1080/19376529.2015.1083375

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