Keller Partner
Dec 10, 2018 · 3 min read

Liebe Leserinnen und Leser,

sind wir doch einmal ehrlich: Fast jeder von uns hat schon einmal jemandem insgeheim unterstellt, er sei doch wohl psychopathisch veranlagt. Wollen wir wetten, dass das Ziel dieser Gedanken oftmals der eigene Chef oder die Kollegen am Arbeitsplatz gewesen sind? Während diese Unterstellung uns im Nachhinein vielmals als zu hoch gegriffen erscheint, liegt sie doch manchmal gar nicht so weit entfernt von der Wahrheit. Oder wie würden Sie folgende Situation bewerten? Ein Mitarbeiter, der einen Fehler gemacht hat, wird von seinem Chef vor versammelter Mannschaft gedemütigt und bestraft, er wird angeschrien und es wird ihm mit Kündigung gedroht. Ein solcher Wutausbruch von Seiten des Vorgesetzten kann oftmals auf dessen Persönlichkeit zurückgeführt werden.
Den Eigenschaften, die wir eben beobachtet haben, liegt das Persönlichkeitsmerkmal Psychopathie zugrunde. Während die meisten Menschen nun an Schreckgestalten wie Hannibal Lecter oder Dexter aus der gleichnamigen Fernsehserie denken, verstehen Psychologen unter Psychopathie ein Persönlichkeitsmerkmal, das in unterschiedlicher Ausprägung bei jedem von uns vorliegt und nicht etwa eine Krankheit. Es ist gekennzeichnet durch Empathielosigkeit, Dominanz, Furchtlosigkeit, Kaltherzigkeit und Impulsivität. Gemeinsam mit den Eigenschaften Narzissmus (extreme Selbstüberschätzung gepaart mit dem Bedürfnis nach ständiger Bestätigung durch andere) und Machiavellismus (skrupelloses und berechnendes Manipulieren anderer zur Verwirklichung eigener Ziele) bildet sie die sogenannte Dunkle Triade (Paulhus & Williams, 2002).

Alle drei dieser Eigenschaften werden im Allgemeinen als sehr negativ wahrgenommen und für viele Menschen sind sie sogar gleichbedeutend mit psychischen Störungen. Die Dunkle Triade allerdings besteht ausdrücklich aus subklinischen Persönlichkeitseigenschaften, die in sich vereinen, dass sie durch eine gewisse Bösartigkeit einen direkten Einfluss auf soziale Interaktionen ausüben. Und die meisten sozialen Interaktionen im menschlichen Leben finden am Arbeitsplatz statt. Man könnte nun also annehmen, dass sie das Verhalten am Arbeitsplatz maßgeblich mitbestimmen. Aber wie verhält es sich hier wirklich? Sind psychopathische Chefs immer gleich schlechte Chefs?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. In einer Studie von O’Boyle, Forsyth, Banks und Daniel (2012), die die Auswirkungen der Dunklen Triade sowohl auf Arbeitsleistung als auch auf kontraproduktives Arbeitsverhalten (CWB; z.B. Stehlen, Belästigung, Sabotage etc.) untersuchte, stellte man fest, dass alle drei Eigenschaften nur eher geringe Effekte zeigten. Sie konnten weder die Arbeitsleistung noch CWB wirksam vorhersagen, wobei ausschließlich Narzissmus moderat negativ hinsichtlich CWB aufgefallen war. War’s das jetzt? Narzissten verhalten sich eher kontraproduktiv, aber sonst können wir daraus keine Erkenntnisse ziehen? Nein! Denn aktuelle Forschungsergebnisse implizieren, dass alle drei Eigenschaften nicht eindimensional sind, sondern im Gegenteil in mehrere Facetten unterteilt werden können. Beispielsweise teilt Lykken (1995) die Psychopathie ein in die Facetten Furchtlose Dominanz und Egozentrische Impulsivität. Untersucht man nun diese beiden Facetten hinsichtlich ihrer Auswirkungen am Arbeitsplatz, sieht die Ergebnislage ganz anders aus. Blickle und Schütte (2017) konnten empirisch zeigen, dass Menschen mit hoch ausgeprägter Furchtloser Dominanz und hoher Bildung am Arbeitsplatz bessere Leistungen und weniger CWB zeigten. Die Egozentrische Impulsivität hingegen stellte sich als der wahre toxische Faktor der Psychopathie heraus: Sie begünstigte maßgeblich CWB!
Wie können wir das nun erworbene Wissen anwenden? Zuerst einmal ist es wichtig, zu betonen, dass eine hohe Ausprägung von Psychopathie im Alltag sehr selten ist. Coid et al. (2009) schätzen, dass etwa 0,6% der britischen Normalbevölkerung hoch psychopathisch veranlagt sind. Das wären etwa 6 von 1.000 Personen. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass wir im Berufsleben oft auf wirkliche Psychopathen treffen, obwohl interessanterweise Menschen in höheren beruflichen Positionen häufiger psychopathisch veranlagt zu sein scheinen (Babiak & Hare, 2006). Oftmals treffen wir in solchen Positionen aber auf Menschen, die sehr dominant sind und teilweise skrupellos vorgehen. Auch dies ist ein Teil der Psychopathie. Es bietet sich also an, achtsam zu bleiben in Personalauswahl und Organisationsentwicklung und die Auswirkungen psychopathischer Persönlichkeit zu kennen. Für Unternehmen im Change-Prozess können diese verheerend sein: Impulsive und auf sich selbst bezogene Menschen werden einen Wandel nur dann unterstützen, wenn er ihren Zwecken dient und nicht, wenn objektiv das Unternehmen davon profitiert. Diese Menschen können dann langfristig gesehen das Überleben und die Rentabilität der gesamten Unternehmung gefährden.

Wir nehmen folgende Erkenntnisse mit:

  • Dunkle Persönlichkeiten haben einen Einfluss auf das Arbeitsleben, auch wenn dieser nicht so groß ausfällt, wie vielleicht gedacht. Sie sind zu berücksichtigen, aber nicht primär zu fokussieren.
  • Die Berücksichtigung der Persönlichkeit von Menschen bei der Personalauswahl und Organisationsentwicklung zahlt sich aus.
  • Unternehmen im Wandel können von „succesful psychopaths“ profitieren — oder durch „toxic psychopaths“beeinträchtigt werden.

Vielen Dank für Ihr Interesse an den Schattenseiten der Persönlichkeit,

Prof. Dr. Daniel Keller für Keller Partner

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