Jürgen — Aus der Anonymität eines Berliner Treppenhauses

Inga Muecke
Jan 21 · 5 min read

Woher weißt Du, dass Du Dich in einem Berliner Treppenhaus befindest und nicht in einer Siedlung in Castrop-Rauxel? … Richtig — nicht nur der leichte Muff aus durchzechter Clubnacht und dem verschütteten Rest des letzten Wegbiers machen den Charme hiesiger Häuserflure aus, sondern auch eine vornehme Ignoranz und Distanz der sich hier Begegnenden.

Eine unausgesprochene Anonymitätsregel Berlins. Sind uns Nachbarn doch am liebsten, wenn wir möglichst wenig von ihnen mitbekommen.

Zugegebener Maßen stand der Tratsch im Treppenhaus als Relikt meiner Jugend im Plattenbau für spießige und argwöhnische Bürgerlichkeit, vermisse ich heute umso mehr die wohlige Heimeligkeit, die einen sofort ummantelt, sobald man sein Zuhause betritt. Doch wo fängt das Sich-Zuhause-fühlen an? Und endet dieses hinter der Wohnungstür draußen auf der Fußmatte?

Morgens verlasse ich früh das Haus. Doch neulich wurde meine Routine gestört. Gepackt mit meinem Rucksack und eigentlich schon spät dran, verharrte ich regungslos in der Dunkelheit meines Flures. Minutenlang. Ich konnte die Wohnung einfach nicht verlassen. Rascheln, Schlüsselklimpern, Schlossschnalzen, Treppenstufengepolter, lauter werdende, hastige Schritte im Stockwerk über mir bremsten meinen Weg zur Arbeit. Langsam wurde ich ungeduldig. Denn ich musste ja dringend los.

Als ich vor drei Jahren das bis dato sehr familiäre Sankt Pauli gegen einen szenigen Berliner Kiez tauschte, war alles so neu und so anders. Der schnelle Rhythmus dieser Stadt, neue Geräusche, andere Menschen. Die Wohnung ist eingerichtet, das Lieblings-Café und neue Lieblingsmenschen gefunden — aber heißt das auch, ich bin angekommen? Mit 11 anderen Namen am Klingelschild teile ich mir das Dach unseres Altbauhauses. Klingt schon fast familiär. Aber aus ihnen Menschen mit Gesichtern und Themen zu machen, hat sich zwischen einem flüchtigen Hallo oder einem Dankeschön beim Abholen von Paketen nicht ergeben. Alles andere bleibt fein säuberlich hinter den verschlossenen Türen. Gelegentliche, anonyme Treppenstufenflohmärkte mit ungeliebten Staubfängern und ausgelesenen Büchern ausgenommen.

Hochgewachsen, Mitte bis Ende 50, unter der Schiebermütze sind die grauen Haare lose im Nacken zusammengebunden. So begegnet mir Jürgen. Wir laufen uns im Treppenhaus häufiger über den Weg. Anscheinend haben wir einen ähnlichen Tagesablauf. Morgens gegen 06.30 Uhr kündigen ihn seine schweren Schritte an. Kurze Zeit später heult im Hinterkopf sein altes Motorrad auf und das schwere Eisentor fällt krachend in Schloß. Bis auf gemurmelte Grüße und ein flüchtiger Blick aus dem Augenwinkel ist über drei Jahre nichts passiert. Warum eigentlich?

Während ich meine Tür abschließe, dreht sich Jürgen plötzlich zu mir um. Er heiße Jürgen und wohne hier seit über 20 Jahren. Vor mir hätte eine ältere Dame in dieser Wohnung gelebt. Sie sei aber nun verstorben. Früher war er öfters Sonntags bei ihr zu Besuch gewesen. Sie hätte so wunderbaren Kuchen gebacken. Eine alte Küchenanrichte hat er als Andenken von ihr behalten. Die Zeiten ändern sich und viele neue Gesichter sind gekommen und auch wieder gegangen. Mit lebhaften Armbewegungen beginnt er zu erzählen. In wenigen Minuten zieht die Geschichte des Hauses an mir vorbei — die Jahre zu DDR-Zeiten bis weit in die Nachwendezeit. Das Haus habe sich sehr verändert und mit ihm auch der Kiez.

Auch Jürgen ist mittlerweile die Jahre gekommen. Früher ist er viel rumgekommen — Ausstellungen, freie Projekte und Austauschprogramme. Doch nun führen ihn seine Wege meistens in sein Atelier zwei Straßen weiter. Aus seinem Kiez kommt er nur noch selten raus und teilt sich seine Wohnung neuerdings mit einem Mitbewohner. Fast wie ein Familienersatz, ansonsten würde er zu sehr vor sich hinbrödeln. Das Schmunzeln kann er sich hier kaum verkneifen. Irgendwie erstaunt mich, dass ein Mann wie er geblieben ist. Natürlich, Friedrichshain, Boxhagener Platz: eine begehrte Lage, gefüllt mit alten und neuen Geschichten.

“Ich mag diese Straße.”

Jürgen lächelt. Er weiß, wie schlicht dieser Satz klingt. “Das kaputte Kopfsteinpflaster vor dem Haus, die lebhaften Balkone im Sommer. Wenn sich der Platz am Samstag mit den leckeren Gerüchen aus frisch gebackenem Kuchen, Orangensaft und würzigem Käse füllt und buntes Stimmengemurmel über dem Wochenmarkt hängt, fühlt er sich wie im Urlaub. Ein besonderer Flair umgibt den Platz, fast wie in Italien oder Spanien. Er liebt es, mit einer Zigarette auf seinem Balkon dem Treiben zu folgen oder auf einem Einkaufsbummel gleich ganz einzutauchen. Je mehr er schwärmt, desto mehr erfüllt sich mein Herz. Denn Jürgen hat recht, dieses kleine Fleckchen Berlins hat seinen ganz eigenen Charme.

Aus einem Small-Talk ist still und unaufgeregt ein tiefes Gespräch geworden. Erstaunlich, wie intim es von einem auf den anderen Moment werden kann. Statt über den letzten Brief der Hausverwaltung und die ständigen Ärgernisse über die Ausfälle von Warmwasser und Heizung zu diskutieren, bahnt sich eine ganz andere, neue Nähe an. Als ich damals die Wohnung besichtigte, war die Gentrifizierung des Kiezes schon im vollen Gange. Hohe Mieten, gestaffelt und eine Menge Interessenten machten die Wohungssuche zu einem unerträglichen Übel. Auch bei dieser Besichtigung rechnete ich mir kaum Chancen aus. Mir gefiel die Fassade, der Schnitt der Wohnung und vor allem die Helligkeit. Über die Nachbarschaft machte ich mir überhaupt keine Gedanken, nicht einmal am Tag meines Einzugs. Eigentlich komisch, denn man lebt ja zwangsläufig sehr eng miteinander zusammen. Kein Wunder also, dass Nachbarschaftsverhältnisse deshalb so oft Schauplätze von mitunter absurden Streitigkeiten werden, weil die Menschen diese distanzierte Nähe nicht aushalten.

Ankommen ist ein Gefühl, das unglaublich erdet.

Jürgen nickt zustimmend. Bei den vielen Einzügen und Auszügen anderer Mieter hat er über die Jahrzehnte viele dieser unsteten Biografien verfolgen können: “Zum Beispiel gab es da mal diesen Jungen, dessen Wohnung eines Morgens bei einer Razzia durch die Polizei gestürmt wurde. Aber das ist schon ein paar Jahre her.“Die Alten”, erzählt er, kennen sich und sprechen miteinander, doch von ihnen sind kaum mehr welche übrig. Zu den jüngeren Nachbarn gebe es weniger Kontakt, vermutlich einfach deswegen, weil sie sowieso nur auf Durchreise sind, wie die Studenten-WG aus dem Erdgeschoß. Bindungen aufzubauen, würde sich für sie vermutlich nicht lohnen. Vermutlich hat Jürgen damit recht. Denn Bindung bedeutet auch eine gewisse Verbindlichkeit, die wiederum automatisch Verantwortung nach sich zieht. Sobald man mit den anderen mehr teilt als nur ein hastiges Hallo, entsteht eine Erwartungshaltung auf beiden Seiten. Man wird Teil der Gemeinschaft und muss sich für diese auch interessieren.

Inga Muecke

Written by

Berlin based storyteller and journalist — onedayheroes

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