Selbstzweifel, ein Trick deines Gremlins

Ingrid Schmithüsen
5 min readJul 31, 2023

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Ich lebe mit einem Mann, der unbewußt im Patriarchat verwurzelt ist. Ich habe wieder und wieder gewählt, mit diesem Mann zu leben, zuletzt nachdem ich für 4 Monate ausgezogen war.

Mir ist sonnenklar, dass ich ihn nicht ändern kann. Jahrelang habe ich fälschlicherweise geglaubt, ihn ändern zu können. Danach habe ich gehofft, dass er sich selber ändern will. Inzwischen will ich ihn nicht mehr ändern.

Wie ist es zu dieser Evolution in mir gekommen ?

Ich habe etwas über Selbstzweifel begriffen. Sie nagen am Weltenbaum, wenn ich nicht wach bin.

Ein wunderschönes zusammenfassendes Resümee habe ich gestern am frühen Morgen erlebt : Mein Mann stellt den Wagen auf einem fast leeren, öffentlichen Parkplatz ab, auf dem die sehr schmalen Parkbuchten durch gelbe Streifen markiert sind. Er steht schief mit einem Reifen mitten auf dem rechten gelben Streifen. Unser Wagen soll wegen eines Bootsausflugs den ganzen Tag dort stehen. Es ist Wochenende. Der Parkplatz wird voll werden. Während er noch am Steuer sitzt, weise ich ihn an, damit der Wagen so steht, dass andere Autos werden parken können.

Als das getan ist, steigt er voller Wut aus dem Auto : “Der Tag fängt schlecht an. Du bestimmst, was ich zu tun habe. Das tust Du immer. Du läßt es niemals sein. Du lernst es nie. Du hast schlechte Laune. Wechsele sie mal. Wenn das so weiter geht, dann … .” Die Litanei will gar nicht enden. Ich bin verdattert.

Wenn so etwas passiert, ist meine momentane Verhaltensweise (= mein Experiment) : ich schaue ihm in die Augen, ich bleibe ruhig und gelassen, ich höre mir alles an, ich halte mein Herz offen.

Als er fertig ist, bricht er den Augenkontakt ab. In dem Augenblick kommen in mir Gedanken hoch : “Was soll ich an der Situation lernen ? Wieso geschieht das immer wieder ? Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe so viel ausprobiert. Wieso ändert sich das nicht ? Was mache ich falsch ?”

Heute morgen wird mir klar : wenn ich das tue, habe ich Selbstzweifel.

Der Selbstzweifel ist mein Irrtum : ich brauche nicht an mir zu zweifeln, an meiner Handlung, in diesem Fall die Parkeinweisung. Sie ist geschehen, wach, in völliger Unschuld und in bewußtem Gewahrsein. Es gibt nichts “Falsches” an meiner Handlung, ihn auf einem leeren Parkplatz die Parkstreifen einhalten zu lassen.

Es ist auch nichts Falsches an meines Mannes Ausrasten. Er drückt die Angst seiner Box und seines Gremlins aus, ein “Niemand” zu sein. Box und Gremlin fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Mein Mann interessiert sich nicht für Arbeit an sich selbst. Deshalb kommen Box- und Gremlin-Unzufriedenheit heraus, wie es seiner Erziehung und Kultur entspricht. Er ist ein männliches Kind der westlichen Kultur des 20. Jahrhunderts und des Jahrtausende alten Patriarchats: das “erlaubt” es ihm, mich anzuschreien.

Meine Box und mein Gremlin glauben natürlich, dass es völlig falsch ist, dass mein Mann ausrastet. Ich interessiere mich für Arbeit an mir selbst. Meine Box und mein Gremlin halten sich deshalb für etwas Besseres, für “entwickelter” und wollen inbrünstig, dass mein Mann “einsieht”, dass er “zuerst” ausrastet, dass er “völlig grundlos” ausrastet, dass Arbeit an sich selbst “gut” ist. Das ist mein Gremlin, der für sein Überleben sorgt.

Mein derzeitiges Experiment des Kontakthaltens und Augen-, Ohren- und Herz-Offenhaltens, leiten mich zur den Gedanken, die in mir aufsteigen, den Selbstzweifeln. Das ist die subtilere Form meines Gremlins, für sein eigenes Überleben zu sorgen : er flüstert mir ein, ich müßte etwas finden, was ich falsch mache, was ich einsehen muß, wo ich mich verbessern muß. Das ist das Gleiche in grün auf mich angewendet.

In Wirklichkeit gibt es nichts zu tun : ich habe Parkanweisungen gegeben. Mein Mann war wütend. Er hat seine Box- und Gremlin-Angst ausgedrückt. Anschließend kamen meine Box- und Gremlin-Angst in Form von Selbstzweifeln hoch. Das alles war ein Raum, um Angst auszudrücken. Die Welle kam, die Welle ging.

Mein wahres Selbst ist völlig unbeteiligt an dieser Sache. Ich habe tausende und abertausende Male meinen Selbstzweifeln geglaubt. Wenn ich das tue, vertäue ich mein “Ich-Gefühl” an falscher Stelle, in meiner Box, in meinem Gremlin oder im Kind- und Eltern-Ego-State. Mein Sein ist dort nicht, auch nicht im Erwachsenen-Ego-State. Wenn ich mein Ich-Gefühl in dem unbeteiligten Teil verankere, jenseits aller Ich-Zustände, erschaffe ich einen Heilraum, in dem Angst sich ausdrücken darf wie der Wind, der kommt und geht.

Selbstzweifel sind Selbsttäuschung, weil sie immer noch an ein Ich glauben. Sie besagen, dass ich nicht daran glaube, dass ich so, wie ich geboren wurde, o.k. bin. Das kann nur falsch sein. Andernfalls könnte ich niemals einen Baum lieben, der krumm gewachsen ist. Natur ist Natur. Sie ist vollkommen. Ich bin fundamental o.k. so, wie ich bin. Selbstzweifel sind nichts als Illusion. Ich kann sie einfach loslassen, über sie schmunzeln, wenn sie auftauchen.

Selbstzweifel aufzugeben, läßt mich spontan im Sein sein. Ohne Selbstzweifel, bin ich in der Lage, durch die Box des anderen hindurchzuschauen, sie zu durchschauen. Damit hören auch auch meine Zweifel an meinem Mann auf. Mein Sein ist sein Sein. Unserer beider Boxen dienen vorübergehend dazu, alten Schmerz auszudrücken. Ich bin Raumhalterin für den Selbstausdruck meines Schmerzes. Und weil ich in diesem Leben gewählt habe, mich für Persönlichkeitsarbeit zu interessieren, bin ich auch Raumhalterin für meinen Mann. Er interessiert sich nicht für Persönlichkeitsarbeit, was völlig o.k. ist. Es ist eine Wahl, die er getroffen hat. Gerade deshalb ist er mein perfekter Lehrmeister.

Eines möchte ich noch hinzufügen : in den Momenten, in denen sein und mein Schmerzausdruck geschieht, suche ich die Lücken zwischen den Augenblicken auf, das “Nichts” in diesen Lücken. Dafür muß ich mein Hier und Jetzt ganz klein machen, unter 3 Sekunden !

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