Dosenravioli

Der Livestream aus der isländischen Seeotterauffangstation war ihr sicherer Hafen im Datenmeer. Während das ganze Land das Vorrundenaus miterlebte, klickte sich Melda durch die verschiedenen Webcams und beobachtete gerettete Seeotter beim Sonnen. Der südkoreanische Wolf hatte gerade die schwarz rot goldene Oma im Sommermärchen 2018 gefressen, aber den Ottern war das egal. Einer von ihnen sah etwas aus wie ein Detektiv oder ein Kommissar, fand Melda. Er hatte eine große kastanienförmige Nase und seine lange Schnauze war mit unzähligen wuschligen grauen Haaren übersäht, die ihm den Anschein eines Schnurrbartes verliehen. Inspektor Otter streckte seinen kleinen Kopf gerade investigativ aus dem Wasser, stützte sich mit den Vorderpfoten am Beckenrand ab und musterte dann seine Artgenossen. Er hob den Kopf und schnatterte. Melda stellte sich vor, dass Inspektor Otter gerade einem brisanten Fall nachging und verschiedene Zeugen befragte. Es ging um Würzspinat und Büffelmozzarella — eine delikate Angelegenheit. “Roozay”, rief Inspektor Otter seinen drei sich sonnenden Artgenossen zu. “Muss Sie befragen. Wichtige Sache.” Er hechtete an Land. “Geht um Einbruch in Kölner Zoo”, erklärte er. “Gibt Berichte. Gruppe von Menschen hat Zoo gestürmt. Haben Babyalpaka, Duschvorhang und Crack aus Eiswarenladen entwendet. Fluchtwagen unklar.” Er holte einen Notizblock aus seiner Felltasche. “Erzählen Sie”, forderte er. “Bruuuuuuuudeeeeeer”, sagte einer der Otter, “chiiiiill.” Die Mikrowelle meldete sich mit einem lauten BING. Aber Melda hörte sie nicht und auch den Anruf aus der Kanzlei ging unbemerkt an ihr vorbei. Zu vertieft war sie in den Otterkrimi, der sich zur Hälfte vor ihrem Endgerät und zur Hälfte in ihrem Kopf abspielte. Keine Zeit für Essen oder Steuern. “Ist dringend. Steht viel auf dem Spiel. Köln, Deutschland, Europa.”
“Europa, Europa, Europa,
Europa, Europa, Europa, Europa,
Europa, Europa, Europa, Europa,
Europa, Europa, Europa, Europa.”
Die sonnende Ottergruppe holte drei aufblasbare Gitarren aus ihrer Tiefkühltruhe. “Keiner darf reeeeiiiin, das lieb’ ich an diiiiiir.” Der Inspektor schüttelte den Kopf. “Werde vor Ort ermitteln”, rief er und ritt auf einem Doggo durch die Drehtür der Aufnahmestation in Richtung Köln. Das zurückgebliebene Ottertrio steckte die Köpfe zusammen und jaulte: “Baby, wir sind ein starkes Teeeam. Wir sind das stärkste Team der Weeeelt.”
Die Dosenravioli waren schon längst kalt. Meldas Kopf jjhuugntguhgnjgtuhgtmgtkgtijbugbngitgmbugjihmzihunmiznzumzhjzbhminughmkjhmiugbmijbjlijunhlhjnhukjnuihnjhnzlihnklzinjhlnjzhnilznjihnzinhknzihknjzilnjknjzi lag auf ihrem Laptop. Im Traum sponn sich die Geschichte um Inspektor Otter weiter. Nachdem der amphibische Ermittler die Auffangstation verlassen hatte, begab er sich auf den Weg nach Deutschland. Gemeinsam mit Reitdoggo Dinkel versteckte er sich an Bord eines Transportschiffes auf dem Weg nach Cuxhaven. Dort angekommen spazierten sie den Nordseestrand entlang, um den Kopf wieder freizukriegen. “Muss klären. Verbrechen lösen”, sagte Inspektor Otter schließlich. “Wuff”, antwortete Dinkel. Sie entschieden sich, einen ICE nach Köln zu nehmen und setzten sich ins Bordbistro. Der Inspektor las Faserland und bestellte ein Glas Wein. Der Korkenzieher übte eine ungeahnte Faszination auf ihn aus. In erster Linie ist er eigentlich ein Dreher, dachte Otter. Wie ein guter Ermittler bohrt er sich rein und lässt nicht locker, bis er die Materie fest im Griff hat. Erst dann wird er zum Zieher. Viel schweißtreibende Vorarbeit, bis man der Sache und der Flasche auf den Grund gehen konnte. Otter sah sich als Korkendrehgerät. Die Wahrheit lagerte eben nicht in Sektflaschen, die man bloß zum Explodieren bringen musste. Und er war gekommen, um nachzubohren, wie ein schlechter Zahnarzt. Sie hatten gerade in Deutz gehalten, es war nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel. Der Inspektor war froh, den vollen Zug bald verlassen zu können. Aus seinen Augenwinkeln sah er ein Entenküken, das vermutlich gerade zugestiegen war. Es schien außer Atem zu sein, denn es stützte sich auf seine Miniaturaktentasche und sein Gefieder war ganz zerzaust. Er bedeutete dem Küken, sich zu ihm an beziehungsweise auf den Tisch zu setzen. “Danke”, keuchte das Küken. “Der Busbahnhof war gesperrt, Polizeieinsatz.” Es schnaufte kurz durch. “Musste jetzt auf den Zug ausweichen. Geschäftsreise, verstehen Sie.” Das Küken deutete auf die Aktentasche. “Und Sie, wohin verschlägt es Sie so, Herr…” 
“Otter, Inspektor Otter”, stellte er sich vor. “Untersuche Kriminalfall. Einbruch Kölner Zoo. Großes Mysterium.” Das Küken schaute beeindruckt. “Nicht schlecht, Herr Sprecht”, sagte es. “Otter war der Name”, merkte der Inspektor an. “Melda, sehr erfreut”, antwortete das Küken. Sie unterhielten sich die Fahrt über. Das Küken war Steueranwalt und hatte gerade einen kniffligen Fall, der sich um die Auslegung des Unternehmenssteuerfortentwicklungsgesetzes drehte, erfuhr der Inspektor. “Da braucht man ganz schön viel Sitzfleisch, oder Sitzfedern in meinem Fall”, kommentierte das Küken. Außerdem teilten sie eine Leidenschaft für die brasilianische Metalband Selputura. No Police, No Summons, No Courts Of Law, No Proper Procedure, No Rules Of War. Das Küken musste kichern. Die Bahn erreichte schließlich den Kölner Hauptbahnhof. Hastig öffnete das Küken seine Aktentasche. “Inspektor Otter, es war mir eine große Freude, Sie kennenzulernen.” Es reichte ihm eine große Entenfeder. “Für das Verhör der Verbrecher”, sagte es, “und damit Sie sich an mich erinnern. Sie haben mir eine große Freude getan mit dem Platz, den Sie mir angeboten haben. Ich fühle mich auf so engem Raum normalerweise ganz unwohl. Aber mit Ihnen war die kurze Fahrt ein Vergnügen.” Vorsichtig steckte der Inspektor die Feder ein. “Danke. Werde benutzen. Kitzeln gute Verhörmethode. Sind schlaues Küken. Gute Reise. Wiederschaun.” Mit Dinkel im Schlepptau verließ Otter den Zug und machte sich auf in Richtung Zoo. Direkt am Eingangsplatz befand sich ein Eselgehege. Erschöpft lehnte er sich gegen die Glasplatte und beobachtete das Treiben. Gerade liefen zwei Menschen im Gehege herum. Er liebte es, sie zu beobachten, es beruhigte ihn auf eine besondere Art. In der Auffangstation verbrachte er manchmal den ganzen Tag damit, an der Glasscheibe zu sitzen und Menschen zu beobachten. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr ihm sein Zuhause fehlte und wie müde er von der langen Reise war. Doggy Dinkel hatte sich bereits am Boden zusammengekauert und die Augen fest geschlossen. Der Inspektor setzte sich neben sie und lehnte sich an seine treue Begleiterin. Mit müden Augen blickte er in das Gehege. Einer der Menschen sah etwas aus wie ein Seeotter, fand der Ermittler. Sie hatte eine große kastanienförmige Nase und ihr langer Kopf war mit unzähligen wuscheligen braunen Haaren übersäht, die ihr den Anschein eines Fells verliehen. Die Ottermenschin überquerte schnellen Schrittes das Gehege und wandte sich an ihren Artgenossen. Sie fixierte ihn mit ihren Augen, zappelte mit den Gliedmaßen und begann zu gröhlen. Inspektor Otter stellte sich vor, dass sie einen verzwickten Nestbau beaufsichtigte und verschiedene Aufgaben verteilte. “Roozay”, sagte die Ottermenschin, “hast du Remoulade und Gummibärchen gekauft? Wir brauchen auch noch jede Menge Würzspinat und Büffelmozzarella.” Sie holte einen Notizblock aus ihrer Jackentasche. “Komm, wir machen jetzt eine Einkaufsliste”, forderte sie. “Mach mal langsam”, schoss der Artgenosse zurück. “Erst mal müssen wir die Alpakababys füttern.” Die Ottermenschin verschrenkte die Arme. “Ich muss noch zum Eiswarenladen und im Baumarkt einen Duschvorhang besorgen, dann noch die ganzen Lebensmittel und jetzt auch noch die Alpakas? Mach den Scheiß alleine. Mein Tag fühlt sich eh schon so an, als wäre ich auf Crack.” Inspektor Otter fielen langsam die Augen zu. Er sah noch, wie die beiden Menschen aus dem Gehege gingen, bevor ihn der Schlaf überotterte. Im Traum sponn sich die Geschichte um die Ottermenschin weiter. Sie hatte alle Besorgungen erledigt und saß gerade in der Tram nachhause. Kurz vor ihrer Haltestelle stieg ein älterer Herr ein, dem sie selbstverständlich ihren Platz anbot. Er stellte sich ihr als Hauptkommissar Dax vor und erklärte, er sei gerade auf dem Weg zum Hauptbahnhof. “In Island gab es einen schwerwiegenden Einbruch in einer Seeotterauffangstation. Die europäische Gemeinschaft ermittelt”, sagte er. In Deutz verabschiedete sie sich von dem alten Mann und verließ die Bahn. Die Vorräte räumte sie ins Nest und warf sich erschöpft ins Bett. Ihr ganzer Körper tat weh. Melda dachte an den Kommissar, öffnete ihren Laptop und schaute den ganzen Abend den Livestream einer isländischen Seeotterauffangstation bis ihr die Augen zufielen. Sie hörte das laute BING der Mikrowelle nicht und als ihr Artgenosse sie später mit einer Entenfeder wachkitzelte waren die Dosenravioli schon längst kalt.