Interessenkonflikte im Alltag? — Ein Interview mit Dr. Ralf Suhr
Dr. Ralf Suhr ist Arzt, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Stiftung Gesundheitswissen. Darüber hinaus ist er Gastwissenschaftler am Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité Universitätsmedizin Berlin.

An der Charité unterrichtet Ralf Suhr das Wahlpflichtfach „Pharmaindustrie im Spannungsfeld zwischen Profit, Sozialpolitik und ethischen Fragen“, in dem Medizinstudierende des dritten Semesters die Akteure im Gesundheitswesen und deren Beziehungen kennen lernen. Neben Ärzten referieren hier ebenfalls VertreterInnen der pharmazeutischen Industrie, deren Positionen im Anschluss kritisch diskutiert und hinterfragt werden. In diesem Kontext geht es ebenfalls um Interessenkonflikte.
1.: Warum geben Sie einen Kurs über Interessenkonflikte in der Medizin?
Für uns Ärzte ist meines Erachtens in besonderer Weise wichtig, dass wir unser primäres Interesse — die bestmögliche medizinische Versorgung unserer Patienten und Patientinnen — nie aus den Augen verlieren. Zugleich sehen wir uns heute oft mit widersprüchlichen Anforderungen oder konfligierenden Interessen konfrontiert, beispielsweise durch bestehende ökonomische Anreizsysteme in der Medizin oder durch Marketingangebote der Gesundheitsindustrie. Daher gehört für mich dazu, dass Studierende diese besonderen Herausforderungen ihres späteren ärztlichen Handelns reflektieren und einen angemessenen und transparenten Umgang mit Interessenkonflikten sowie mit der Gesundheitsindustrie lernen. Ich finde, das Thema „Umgang mit Interessenkonflikten“ gehört genauso zum Medizinstudium wie der Citratzyklus.
2.: Was für eine direkte Erfahrung haben Sie während Ihrer Arbeit gemacht?
Im Rahmen eines unserer Forschungsprojekte hatte das fördernde Industrieunternehmen tatsächlich versucht, Einfluss auf die Datenauswertung und die Ergebnisdarstellung zu nehmen. Da begann ich, mich mit Fragen der Unabhängigkeit medizinischer Forschung und den Möglichkeiten der Einflussnahme durch die Gesundheitsindustrie intensiver auseinanderzusetzen. In den beiden Institutionen, denen ich vorstehe, haben wir daher für unsere Projekt- und Forschungsarbeit auch ganz klare Regeln für den transparenten Umgang mit Interessen etabliert — und die gelten für Mitarbeiter, externe Kooperationspartner sowie für unsere Gremien.
3.: Welche Rolle spielen Studierende, wenn es um das Thema Interessenkonflikte geht?
Studierende haben, das zeigen Forschungsergebnisse, bereits früh im Studium Kontakt mit der Pharmaindustrie. Für jede und jeden erwächst daher meines Erachtens die persönliche Verantwortung, sich mit den Strukturen der Gesundheitsindustrie und deren Einflussmöglichkeiten — beispielsweise auch auf den eigenen Wissenserwerb — auseinanderzusetzen und sich zum Umgang mit ihr und ihren Marketingangeboten zu positionieren.
4.: Wenn Sie eine Richtlinie für eine Hochschule für Medizin verfassen könnten, was wäre Ihre Traum-Richtlinie bzw. was darf auf keinen Fall fehlen?
Akademische Lehre sollte sich immer an den Idealen der Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit orientieren. Dies bedeutet aus meiner Sicht beispielsweise, dass Lehrende zu Beginn einer Veranstaltung ihre Interessen deklarieren sollten oder dass eine Veranstaltung produktneutral erfolgen muss und kein Markenname eines Pharmakons oder eines Medikalprodukts platziert werden darf. Zudem dürfen studentische Veranstaltungen nicht durch die Gesundheitsindustrie gesponsert werden. Vor allem aber, wenn ich mir etwas für eine solche Interessenkonflikt-Richtlinie wünschen dürfte, dann wäre es, dass der „Umgang mit Interessenkonflikten“ für alle Studierenden zum Pflichtprogramm gehörte — aktuell wird mit meinem Kurs ja immer nur ein Teil eines Semesters erreicht.

