Auf die Handys, fertig, Snap.

Digitales Gedächtnis

Vor wenigen Wochen hatte ich die Ehre mit meiner jüngeren, pubertierenden, 17 jährigen Cousine auf ein Konzert zu gehen. Schon auf dem Weg dorthin präsentierte sie mir ganz Stolz ihre neuste Errungenschaft, ein Selfiestick. Mit dem wir supercoole Bilder von uns machen könnten, wie sie mir mitteilte. Warum genau ich mich selber auf einem Konzert fotografieren sollte, wenn doch vor meiner Nase ein Weltstar auftritt, habe ich zwar nicht ganz durchschaut aber gut, man muss sich ja anpassen. Und wie sich rausstellte, waren wir auch nicht die Einzigen mit diesem Hightechgerät. Kaum hatten wir uns durch die Masse gekämpft und endlich einen Platz in Bühnennähe erreicht, packte sie ihr Handy aus und begann zu filmen. Wohlgemerkt das Konzert hatte noch nicht einmal angefangen. Den ganzen Abend hielt sie ihr Handy weit in die Luft, nahm jede Sekunde mit auf. Ein Wunder dass ihr Akku, der Datenspeicher und vor allem ihre Armmuskeln das alles mitmachten.

Wer jetzt glaubt, sie habe all diese Videos ausschließlich für sich selbst gemacht, damit sie in ein paar Wochen auf die Aufnahmen zurückgreifen kann und sich denken kann „hach war das cool!“ Dem kann ich nur so viel sagen: nö. Sie hatte die Videos alle mit Snapchat aufgenommen. Snap — was ?! Snapchat, eine App, mit der man sowohl Bilder als auch Videos live aufnehmen kann und sie mit seinen Freunden teilen kann. Der Clou dabei ist, dass diese Bilder nie länger als 10 Sekunden zu sehen sind und danach auch nicht noch einmal angesehen werden können. Sprich eine App, die es mir ermöglicht meine Freunde wissen zu lassen was ich wann wo gemacht habe.

So und nun zurück zu meiner Cousine die es kaum noch erwarten konnte nach Hause zu kommen, oder eher verzweifelt versuchte sich ins WLAN zu loggen, um endlich all ihre aufgenommenen Videos mit ihren Freunden zu teilen. Kaum standen wir vor der Haustüre kreischte sie los. „Meine Videos — sie sind weg!“

Ich drehte mich um „Wie weg?!“

Fast heulend antwortete sie „Na alle Bilder und Videos die ich vorhin gemacht habe sind nichtmehr da. Ich hatte sie alle in Snapchat gespeichert und wollte sie jetzt hochladen und jetzt sind sie weg. 50 Stück waren es. Jetzt weiß keiner dass ich auf dem Konzert war! Alles umsonst.“

Ich war sprachlos. Mal davon abgesehen dass ich mich ernsthaft fragte, wer sich denn freiwillig 50 Videos von einem Konzert in grauenhafter Qualität anschaue, auf dem derjenige nicht einmal selbst war, war ich wirklich geschockt.

Soweit sind wir also schon. Wir gehen auf Konzerte, um andere neidisch zu machen und nicht wegen der Musik oder dem Feeling. Das ist sie also, die Generation, die mit Handy bewaffnet ins Fitnessstudio geht, ein Bild von sich macht, es hochlädt und somit alle ihre Freunde, die zu Hause mit einer Chipstüte in der Hand auf das Bild treffen am liebsten alles wieder auskotzen würden und mit einem schlechten Gewissen noch eine Handvoll in den Mund stopfen.

Sie dokumentieren jeden ihrer Schritte und teilen sie mit „Freunden“. Es gibt mittlerweile sogar einen Begriff für dieses Phänomen, Lifevlogging. Ich meine Tagebücher werden schon seit Jahrzehnten geführt, doch was wir heutzutage betreiben, geht ein paar Stufen weiter. Denn das was wir früher noch von Hand geschrieben in einem Büchlein, mit einem Schloss verriegelt in unserem Nachtschränkchen aufbewahrt haben, teilen wir heute mit der ganzen Welt.

Warum? Einfach nur, um zu zeigen „Schau mein Leben ist gar nicht so langweilig, wie ihr alle dachtet.“ Ich bin wirklich kein Gegner von Sozial Media und ich gebe zu, selbst ich bin nach einer Woche intensiven Kontaktes mit meiner Cousine ein Teil der Snapchatcommunity geworden. Dennoch finde ich es erschreckend wie weit sich doch manche Menschen und ich glaube vor allem die jüngere Generation sich von diesen Apps beeinflussen lassen.

Allein in einer Sekunde werden abertausende Bilder in das World Wide Web gesendet und geteilt. Alles Momente, Bilder die wir mit der Welt da draußen teilen wollen. Das ist ja auch schön, wenn ich sehen kann was meine alte Kindergartenfreundin heute so treibt.

Aber geht es nicht zu weit, wenn wir unser Tun davon abhängig machen inwieweit ich damit bei den anderen punkten kann?! Kein Mensch und kein Leben ist perfekt, doch das vergessen ganz viele wenn sie permanent mit den positiven Erlebnissen anderer konfrontiert werden.

Am Beispiel meiner Cousine sieht man, was das für Folgen haben kann. Auf ihre Aussage, dass nun alles umsonst gewesen sei musste ich ihr auch teilweise zustimmen. Denn hätte sie während dem Konzert ihr Handy in der Tasche gelassen, hätte sie den Moment viel besser genießen können und es wäre ihr mit Sicherheit für ewig im Gedächtnis geblieben. Denn eins kann unser Gedächtnis viel besser als jedes Handy: den richtigen Moment festhalten und allzeit abrufbereit in einer Schublade in unserem Gehirn aufbewahren. Sodass wann immer wir das Bedürfnis haben uns an diese einzigartigen Momente zurückzuerinnern, wir nur ein Blick in diese Schublade voller Erinnerungen werfen müssen.