Einige Gedanken zum Medienbarcamp Schweiz 2018

(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Wie bereits in meinem letzten Post erwähnt hatte ich die Möglichkeit am Medienbarcamp 2018 des SRF, der maz und des tpc teilzunehmen. Für mich als selbstbetitelten «Angehenden Wannabe-Journalisten» (was am Event selbst dann noch zu Gesprächsstoff wurde) war es eine ziemliche Überraschung und das Gefühl, dass ich unterqualifiziert war wurde ich dann auch nur so halb los.

Da dieser Anlass im Gegensatz zu den Hackdays auf Deutsch war wird es mein Post hier auch sein, but as always, translations are available on request.

(Bild: Ivan Anderegg)

Mein Tag begann um 6:20. Für mich als Vollzeit Teilzeit-Abendschüler war das das erste Mal seit fast einem halben Jahr, dass ich auch nur angehend so früh aufgestanden bin. Trotz den wenigen Stunden Schlaf war ich überraschend fit und nach einem kurzen Zwischenhalt am Flughafen Zürich erreichte ich das Fernsehstudio zum dritten Mal in der Woche um etwa 8:50.

Nach einem kurzen Frühstück (alle Verpflegung den ganzen Tag lang war gratis, hier noch vielen Dank dafür an die Organisatoren) begann das Programm mit einer kurzen Erklärung was ein Barcamp denn genau ist: Verschiedene Sessions in welchen man kommen und gehen kann, je zu einem Thema. Dabei war alles sehr spontan gehalten, einige Leute organisierten den Inhalt ihrer Sessions während den 15 Minuten langen Pausen zwischen den einzelnen Sessions.

(Bild: Chris Buehler/Twitter)

Auf die Erklärung folgte eine Vorstellungsrunde, bei der sich jeder der Teilnehmer mit drei kurzen Stichworten vorstellte. So früh am Morgen gab es eigentlich nur ein Thema, wie die (nicht vollständige) Wordcloud von Chris Buehler gut zeigt.

Daraufhin folgten die «Pitches», bei welchen jeder der wollte seine Idee für eine Session vorstellte, und sofern Interesse bestand, das korrespondierende Stück Papier dann auf der Programm-Pinwand angebracht wurde. Die Themen der Sessions waren breit gefächert und leider alle viel zu interessant, die Auswahl welche ich besuchen würde war in keinem Timeslot einfach. Während einer kurzen Pause — der «Chaosphase» — wurden diese Papierstücke dann verschiedenen Timeslots und Räumen zugewiesen. Das endgültige Programm wurde auf die Website hochgeladen und auf die Wand projiziert, womit dann auch der Startschuss für die Sessions gegeben war.

Die Programm-Pinnwand (Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Erste Session: Ideensuche mit @jonock01

Das Ziel der Session war, in einer offenen Runde über weniger bekannte Wege zu sprechen, an Stories zu kommen. Die Diskussion entwickelte sich weiter, und in den 45 Minuten wurde auch darüber gesprochen, wie freie Journalisten ihre Artikel an Redaktionen bringen können und ob sich «good stories» lohnen.

(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Z)um Hauptthema wurden viele Ideen gebracht, darunter «Nerd-Foren und -Communities», welche oft Wissen zu einem Thema haben, an welches man sonst nicht kommen würde. RSS und Sammel-Apps wie Feedly um den Überblick zu behalten und eventuell weniger bekannten Seiten und Magazinen zu folgen waren ein weiterer Tipp.

Was Lange genug diskutiert wurde um es separat zu erwähnen war das Ideenmanagement in einer Redaktion mit dem Beispiel einer deutschen Zeitung welche ein Team hat, dass sich spezifisch damit befasst, Ideen für potentielle Artikel zu verfolgen.

Ebenfalls interessant waren die Vorschläge, Monitoring Tools zu benutzen, um den Trends auf Google und Social Media zu folgen. Konkret empfohlen wurde hierzu Newsmap, welches Trends auf Google News visualisiert. Datenvisualisierung wurde im Verlauf der Session mehrfach angesprochen, was mir zeigt, dass ich mich nicht auf dem komplett falschen Fuss bewege, hurrah!

Takeaways (keine gute deutsche Übersetzung hierfür, leider) aus dieser Session:

  • Ich muss mir endlich einen richtigen Newsfeed aufbauen, Twitter funktioniert da nur so halb.
  • Lokaljournalismus ist cool, ich sollte auf dem Feld irgendwann endlich mal was probieren.
  • Mit meiner Sammlung von extrem spezifischen Communities und Foren hab ich schon mal einen guten Start, den sollte ich ausbauen.
Rightig gelesen, die Schreinerei war einer der Sessionräume. (Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Zweite Session: Online-Reichweite im Post-Facebook Zeitalter mit @S_Jacoby

(Bild: Tsüri.ch)

Die Algo-pocalypse, also die Änderung von Facebooks News-Algorithmus war eines der grossen Themen des Tages. Diese Session sprach das Thema als erstes an und hierzu wurden uns die Statistiken von tsüri.ch gezeigt. Etwa 70% der Reichweite von tsüri.ch kommt direkt über Facebook. Dieser Traffic ist seit der Änderung massiv eingebrochen, weshalb sich die Seite nun mit ziemlichen Problemen konfrontiert sieht.

Wie man aus dem Namen der Session entnehmen kann ging es in der Session darum, zu besprechen wie Social Media Strategien aussehen könnten nun das Facebook alleine nicht mehr genug (gratis-) Traffic liefert.

Der erste Vorschlag hierzu war ein Newsletter in WhatsApp und/oder Facebook Messenger. Wie ich schon in meinem Post zu den Hackdays erwähnt habe bin ich persönlich kein Fan von Chatbots und stehe ihnen kritisch gegenüber, da für mich das Verhältnis von Nervig zu Nützlich nicht stimmt. Dazu kommt in diesem Fall, dass ein potentieller Leser die eigene Handynummer angeben muss, was ich als eine grosse Hürde ansehe. Das Konzept funktioniert aber laut den Experten, welche ebenfalls an der Session waren und wird in Deutschland bereits angewandt, weshalb meine Meinung und Einschätzung hier wohl nicht damit übereinstimmen, wie es in der Realität ist.

(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Der nächste Vorschlag war interessant, da er unerwartet war: Memes. So hat fm1today auf Facebook wohl sehr gute Erfahrungen mit Meme-posts gemacht. Die Memes haben hierbei eine höhere Reaktionsrate als andere Posts, was von einem kurzen Blick auf die Seite bestätigt wird. Der Tipp vom Experten hierzu: https://www.kapwing.com/

Ebenfalls vorgeschlagen wurden Pushnachrichten von eigenen Apps, Gäste welche die Artikel mit ihrem Artikel teilen und User-Generated Content. Der insgesamt grösste und meisterwähnte Vorschlag war die Einführung eines (oder mehrerer) Newsletter. Diese Newsletter könnte, wie man es bei grösseren Webseiten sieht, stark segmentiert werden wodurch der Leser nur erhält was für ihn interessant ist. Was meiner Meinung nach hierbei sehr wichtig ist: Heutzutage hat jeder eine E-Mailadresse. Mit dem Newsletter erreicht man damit auch Leute, welche keine Social Media Präsenz haben. Je nach Zielpublikum könnte das viel potentieller Traffic sein, bei tsüri wird ein Newsletter allein aber wahrscheinlich keine Lösung sein.

Auch die klassische SEO wurde im Verlauf der Session angesprochen. Von hier bewegte sich die Diskussion weiter zur Wichtigkeit eines klaren Content-Profils, mit dem Leitsatz «Change Content, Not Platform». Zu diesem Thema ist der Artikel von Oliver Lutz zu empfehlen, welcher nach der Session verfasst wurde.

Takeaways:

  • Ich muss mein SEO-Wissen weiter ausbauen
  • Eine klare Zielgruppe zu haben ist wichtig
(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Nach den ersten zwei Sessions gab es eine Mittagspause, in welcher hauptsächlich über Facebook weiterdiskutiert wurde. Auch die Konversationen ohne Facebook waren interessant, und nach 45 Minuten bewegten wir uns zu den nächsten Sessions weiter. Von diesem Punkt an wurde die Auswahl immer schwieriger und ich musste mich einfach spontan entscheiden was mir am meisten zuspricht.


Dritte Session: Livestreaming mit @ConradinZ

Aufgrund meiner Paralyse durch Analyse verpasste ich leider den Beginn dieser Session. Mit seinen eigenen Livestreams für Nau.ch als Beispiel startete Conradin die Diskussion über das Format, was er und Nau.ch damit erreichen wollen und was er in seiner Arbeit bis jetzt gelernt hat.

Einer der vielen Nau Livestreams (Bild: Nau LIVE/Youtube)

Genau dieses authentische macht Livestreams laut Experten attraktiver, die Zuschauer fühlen sich dank der Spontanität als Teil des Geschehens und die Barriere zwischen Zuschauer und Reporter wird zum Teil gebrochen. Hierbei hilft auch die Möglichkeit, direkt auf Fragen aus dem Publikum einzugehen.

Trotzdem wurde auch erwähnt, dass Livestreams nicht immer das beste Medium für einen Beitrag sind. Der Nutzen für die Zuschauer wurde erwähnt, bei einer Pressekonferenz ist ein Livestream eher gerechtfertigt als bei einem Interview, welches nicht über ein brandaktuelles Thema ist.

Meiner Meinung nach ist auch wichtig, zu erwähnen, dass Livestreams nun mal «live» sind, was sie sehr zeitabhängig macht. Ich persönlich schaue nur ungerne im Nachhinein uneditierte Livestreams, habe aber trotz meiner vielen Freizeit nicht immer Zeit, etwa «live» zu schauen. Deswegen wäre es meiner Meinung nach interessant zu wissen, ob es sich lohnt News-Livestreams im Nachhinein zu editieren und als eine Art «Highlights» erneut hochzuladen, wie es bereits im Entertainmentbereich gang und gäbe ist, wodurch man vermutlich eine grössere Zielgruppe erreichen würde.

Takeaways:

  • Livestreams werden immer wichtiger werden, gerade im News-bereich
  • Livestreams sind trotzdem keine Universallösung
(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Vierte Session: Kreativ auf Kommando

(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Der vierte Slot war im Gegensatz zu den restlichen 45-Minuten Sessions nur 20 Minuten lang. In der Session ging es darum, wie man über eine Schreibblockade hinwegkommt, was übrigens der Hauptgrund ist, dass ich in den letzten sieben Tagen mehr geschrieben habe als im Monat zuvor.

Basierend auf den Büchern von Juliet Cameron zeigte uns der Workshop (welcher Angestellten des SRF in einer ganztagigen Form angeboten wird) einige Wege, Schreibblockaden loszuwerden. Die drei Tipps waren kurzgefasst:

  • Seine «Offstimme» schreiben lassen, besonders am Morgen.
  • Sich zu bewegen, wenn man nicht weiter weiss
  • Eine andere Perspektive zu suchen und aus dieser zu schreiben, im Fall des Workshops aus der Perspektive eines Schokohasen, einer Gummiente und anderen Gegenständen (hatte ich sofort Ideen für eine Kurzgeschichte, die ich vielleicht mal aufs Papier bringen werde? Ja, hatte ich.)

Wie bereits weiter oben erwähnt haben mir diese Tipps bereits nach einer Woche extrem geholfen, weshalb ich sehr froh bin, dass ich den Workshop besucht habe.

Takeaways:

  • Dehnen, dehnen, dehnen.
(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Fünfte Session: Medienstartups mit @paulinetillmann

Diese Session begann leider mit einigen Minuten Verspätung. Als erstes stellte Pauline sich und ihr Startup, Deine Korrespondentin vor. Deine Korrespondentin ist ein Magazin, welches über interessante Frauen aus aller Welt berichtet, und jetzt auf meiner Liste von Publikationen, denen ich genauer folgen muss.

Danach ging es zum eigentlichen Hauptthema der Session: Wie finanziert sich ein (deutschsprachiges) Medienstartup? Accelerators und Incubators sind in den USA eines der Hauptmittel für neue (Medien)Startups um an ein Startkapital zu kommen. Da laut Pauline beide dieser Konzepte im deutschsprachigen Raum weniger stark vertreten sind, braucht man eine alternative Lösung: Crowdfunding. Hierzu war natürlich das Beispiel der Republik, welche im Crowdfunding über 3 Millionen Franken gesammelt hat, passend.

Die harte Paywall von Perspective Daily (Bild: Perspective Daily)

Nach dem Crowdfunding komme dann der schwierige Teil, nämlich die Leser dazu zu bringen, weiter für den Content zu bezahlen. Die Paywall ist hierbei wohl die wichtigste Methode und Pauline stellte im Verlauf der Session vier deutsche Startups und ihr Paywall-System vor.

Hierbei sehr interessant war meiner Meinung nach das Konzept von Perspective Daily. Die Publikation hat eine «harte» Paywall, Artikel können jedoch per Links geteilt werden, durch welche sie dann komplett lesbar sind. Auch Übermedien, bei welchem die Paywall auf neuen Artikeln nach 7 Tagen aufgehoben wird ist meiner Meinung nach eine Bemerkung wert.

Deine Korrespondentin benutz eine durchlässige Paywall, bei welcher der Leser nach einigen Absätzen informiert wird, dass Journalismus nun mal nicht gratis ist, was auf dem Spektrum der vorgestellten Paywalls die lockerste war.

Edition F’s Konferenz (Bild: http://femalefutureforceday.com/)

Neben der Paywall gibt es natürlich auch andere Wege, um sich zu finanzieren. Hierbei wurde Steady, die Antwort der deutschen Medienwelt auf Patreon, als eine gute Option erwähnt. Ebenfalls erwähnt wurde Edition F, welches mit Webinaren, Kursen und Wöchentlichen Tutorials genug Geld eingenommen hat, dass es sich lohnte eine Konferenz zu den Themen der Webinare zu halten.

Einige weitere Weisheiten aus der Session, direkt aus meinem Notizbuch:

  • Der Leser steht im Mittelpunkt
  • Mit anderen Startups kollaborieren
  • Internationalisieren, man erreicht mehr Leute
  • Das optimale Medienstartup besteht aus drei Leuten: Einem Journalisten, einem BWL-er und einem Programmierer (natürlich Geschlechterunspezifisch)
  • Mit Verteilern (zb. Lokalzeitungen) zusammenarbeiten

Takeaways:

  • Wenn ich jetzt noch mit Programmieren anfange bin ich ja bald ein laufendes potentielles Startup
  • Praise the Paywall
  • Sehr viele interessante Webseiten, danke Pauline!
  • Paywalls sind eine Welt für sich, eine sehr interessante. Vielleicht mal einen genaueren Blick wert, und der käme dann hier auf den Blog.
(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Sechste und letzte Session: Ein Content Aggregation Bot mit @beat_ruedt

In einer Wende des Schicksals endete mein Wochenende an den Anlässen gleich wie es begann: Mit Robotern, welche den Journalisten die Jobs klauen werden.

Das Ganze war natürlich ein wenig komplizierter. In der Session ging es um ein Projekt, welches einen RSS-Feed liest und dann als einen neuen Artikel ausspuckt. Hierbei fügt der Bot die Quelle der Mitteilung hinzu und klassifiziert und priorisiert sie nach verschiedenen Kategorien, wie zum Beispiel Ressort und Ort.

Die Qualität der Posts hängt stark von der Qualität des Feeds ab (Bild: Snoop.ch)

Dieser Bot ist zwar in einer frühen Phase, funktioniert aber bereits und wir hatten die Möglichkeit, einige der Webseiten, welche als Proof-of-Concept existieren anzuschauen. Da es sich bei diesen um frühe Versionen handelt, sind sie hier nicht verlinkt. Der Bot ist momentan noch sehr einfach, soll aber in Zukunft zum Beispiel fähig sein, die Artikel für SEO umzuschreiben und über einen GPS-Scan alle Nachrichten in einem gewissen Umfeld des Lesers anzuzeigen.

Erwähnt wurde auch, dass der Bot den Journalisten weder ersetzten kann noch soll. Er kann jedoch Originalquellen sammeln und sichtbar machen. Bots dieser Art werden meiner Meinung nach immer wichtiger werden, deshalb wird es interessant zu sehen sein, wie sich dieser spezifische weiterentwickelt.

Takeaways:

  • Roboter werden immer wichtiger
  • Ich muss mir unbedingt einen RSS-Feed aufbauen
  • Ich muss mit dem Programmieren anfangen
(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Damit waren die Sessions dann leider auch schon zu Ende (ein zwei- oder dreitägiges Medienbarcamp wäre sicher auch interessant). Nach einer kurzen Feedbackrunde, welche sehr positiv ausgfiel, gab es den Àpero, woraufhin die Meisten noch eine Weile blieben um zu reden und Meinungen auszutauschen (das Freibier half sicher auch).

(Bild: SRF/Evenito, Sandra Blaser)

Irgendwann hiess es dann aber «fertig» und mit einer Tasse, unglaublich viel Wissen und allerlei interessanter Bekanntschaften als Souvenirs machte ich mich auf den Heimweg, bereit um auf meinem Weg zum Journalisten aktiver zu werden.