Foto: Young Digital Native by Charlotta Wasteson (https://www.flickr.com/photos/wastes/5374490075 CC BY 2.0)

Digital Natives: Was jungen Menschen heute fehlt

Im Bildungssystem sind Maßnahmen für das Verständnis und den Umgang mit Technologien dringend notwendig

Wir, die wir jetzt zwischen 30 und 40 Jahre alt sind, werden uns noch erinnern, wie es war, als wir unser erstes Handy in der Hand gehalten haben. Ich war damals 13 Jahre alt, als meine Eltern mir ein blaues Alcatel-Handy geschenkt haben. Damit konnte man gerade einmal SMS schreiben und Leute anrufen. Es war aber damals der Wahnsinn: außerhalb von zuhause telefonieren! Später hab ich das Teil leider im Zug verloren. Aber Nachschub kam schnell, denn es wurde immer leistbarer, sich ein Gerät dieser Art zu leisten.

Zur selben Zeit kam das Internet in unseren Haushalten an. Ich erinnere mich an ICQ, den FM4-Chat und nächtelange Konversationen via IRC. Mit 15 dann der erste Blog. Aber Wordpress gab es noch nicht, also musste ich ihn auf einer Plattform anlegen, die kurze Zeit später schließ. Eine Zeit, in der wir in der Schule Turbo Pascal — das damals schon “alt” war — gelernt haben, sonst hätte ich mir den Blog selbst gebastelt.

Anfang 20 dann das erste Smartphone. Es war eine Revolution, deren Schnelligkeit kaum zu fassen war. Als early adopter so ziemlich jeder Entwicklung, die kam, war ich selbst überrascht, wie schnell das alles ging.

Unsere Kinder wachsen heute mit Streamingservices und Smartphones auf, die fünf mal so starke Prozessoren und zehn mal so große Arbeitsspeicher haben wie mein erster Computer, den ich zuhause hatte. Für unsere Kinder ist es selbstverständlich, dass es Touchscreens gibt — etwas, das für mich damals wie ein futuristisches Konzept wirkte. Etwas, das ich in meinem Leben nicht mehr erleben werde. Dachte ich zumindest.

Alles geht schnell und wird exponentiell schneller

Trotz aller Euphorie über diese wunderbare Entwicklung, die uns wahrscheinlich mehr geprägt und unser Leben stärker verändert hat als alles andere, das seit dieser Zeit passiert ist, sehe ich diese Entwicklungen mit zweierlei Gefühlen: Ich freue mich, dass Kinder so viele Möglichkeiten haben, andererseits fürchte ich, dass sie ohne unsere Anleitung überfordert werden und den Zugang zu Technologien bzw. das Basiswissen darüber völlig abhanden kommt.

Die jetzigen Digital Natives sind andere als wir es waren. Sie können mit Smartphones umgehen, mit Computern, sie kennen den Unterschied zwischen Betriebssystemen, kennen sich mit den Angaben über Prozessoren aus und wissen, was ein VPN ist. Das ist schön und begrüßenswert, aber wie diese Technologien entstehen, wissen die wenigsten. Der Bezug zur Entwicklung, zur Basis ist nicht vorhanden.

Programmieren in der Volksschule

Immer mehr Start-ups und Unternehmen haben es sich zum Ziel gesetzt, mit einfachen Modulen und kindgerechten Anwendungen wie Robotern den Zugang zum Erlernen von Programmiersprachen zu erleichtern. Die Regierung ist deshalb zwingend aufgefordert, endlich Maßnahmen zu setzen, um Kinder nicht nur wettbewerbsfähig für ihren späteren Einstieg am Arbeitsmarkt zu machen — der immer internationaler und globaler wird. Das Bildungswesen ist auch herausgefordert, Kindern den Umgang mit diesen Medien zu erklären, damit diese zu kritischen und verantwortungsbewussten KonsumentInnen werden.

Eine Idee wäre zum Beispiel, in der vierten Klasse Volksschule zumindest einige Stunden mit solchen Robotern oder Tools zu verbringen. Und weil ich weiß, dass die Ausbildung der LehrerInnen dazu angepasst werden müsste und so etwas viel Zeit in Anspruch nimmt, sollte man kurzerhand einfach externe Experten mit didaktischen Fähigkeiten für solche Aufgaben heranziehen.

Wenn man sich in den Volksschulen umsieht, so wissen viele Kinder mittlerweile mit einem Smartphone umzugehen, können aber auf einer Computertastatur nicht schreiben. Das Erlernen des 10-Finger-Schreibsystems halte ich deshalb nicht nur für Aufgaben wie Programmieren sinnvoll, sondern auch für das Schreiben längerer Texte. Wir sollten Kinder ermutigen, Aufgaben auf Rechnern durchzuführen.

Informatik und Medienkompetenz als Pflichtfach — in jedem Schultyp

Der nächste Schritt wäre die Einführung von Informatik — gepaart mit der Vermittlung von Medienkompetenz — als Pflichtfach in allen Schultypen. Sodass einerseits die in der Volksschule begonnenen Programmierkenntnisse aufgebaut werden und andererseits simple Dinge wie das Erstellen eines Blogs, der Umgang mit sozialen Medien oder das Erkennen vertrauenswürdiger Quellen im Internet weitergegeben werden können.

Meine Tochter (10) hat vor kurzem zu mir gesagt: “Ich weiß zwar, was ich suchen will, aber ich weiß nicht, wie ich es in die Suchmaschine eingeben soll — welche Worte soll ich da verwenden?”. Diese Frage finde ich deshalb so spannend, weil wir älteren Digital Natives uns diese Dinge selbst beigebracht haben mit der Zeit. Ja, auch unsere Kinder werden es irgendwann lernen. Aber warum nicht solche Themen in den Schulalltag einbauen? Wie kann man zum Beispiel in Deutsch nach Buchrezensionen, nach zuverlässigen Quellen für Analysen von Gedichten oder mathematischen Formeln suchen? Wissensvermittlung verändert sich. Es wird immer wichtiger zu wissen, WO und WIE man Wissen herbekommt anstatt blindes Auswendiglernen zu propagieren.

Was passiert, wenn man öffentlich seine Meinung preisgibt? Worauf muss man achten, wenn man auf WhatsApp oder anderen Messenger-Diensten unterwegs ist? Welchen Medien im Internet kann man vertrauen und vor allem: was macht vertrauenswürdige Quellen aus? Was kann schief gehen, wenn wir im Internet unterwegs sind? Die Selbstverständlichkeit, mit der wir Erwachsene uns in diesem digitalen Raum aufhalten, können wir nicht von Kindern ad hoc abverlangen. Denn wir hatten viel mehr Zeit und eine stufenweise Heranführung, all diese Dinge zu lernen.

Auch ein Gymnasiast sollte eine Website bauen können

Klar, die Tools im Internet werden immer einfacher. Vieles ist mittlerweile per Drag&Drop möglich und der Bezug zum Code und zu dem, was dahinter steckt, angefangen von den Architekturen (Server/Client) gehen völlig unter. Unsere Kinder sind User, aber nur wenige wissen wirklich, wie man von Grund auf eine Website baut, wie Apps funktionieren, was SSL macht, warum Verschlüsselung wichtig ist und wie man Informationen auf eine Art weitergeben kann, die einem nicht irgendwann zum Verhängnis wird.

In technischen höheren Schulen ist das ein oder andere des oben aufgezählten vielleicht schon selbstverständlich, aber es sollte in allgemein bildenden Schulen ebenfalls am Plan stehen. Denn nicht nur Literatur und Algebra gehören zur Allgemeinbildung. Ich erwarte von jungen Menschen, zu wissen, was Javascript ist und ich verlange von jungen Menschen, zu wissen, wie sie sich im Internet benehmen können.

In den Lehrplan sollten die Grundlagen des Programmierens, Webarchitekturen, Social Media und der Umgang im Internet (Stichwort #HassimNetz), Verschlüsselung, GPS und Location, Media Literacy und zumindest die Grundlagen der Hardware (was ist ein Prozessor, was macht er, was ist eine GPU…)

Wie schaffen wir die digitalen Helden von morgen?

Die Reformen im Bildungssystem und die Gesetzgebung können mit der Schnelligkeit der Entwicklung von Technologie und Technik nicht mithalten — so viel ist klar. Trotzdem und gerade deshalb ist es jetzt allerhöchste Eisenbahn, die Dinge in die Hand zu nehmen. Um unseren Kindern eine reibungslose Zukunft zu ermöglichen und sie in einer globalisierten Welt zu verantwortungsbewussten KonsumentInnen machen. Und das geht eben nur, wenn wir ihnen zeigen, worauf sie achten müssen und was wichtig ist, um zu verstehen, was da passiert und vor sich geht.

Sollten irgendwann künstliche Intelligenzen und Maschinen unseren Alltag und unsere Arbeit übernehmen, sind es trotzdem noch wir, die verantwortlich für die Architektur und den Aufbau dieser Intelligenzen sind. Wir sollten also unseren Kindern nicht nur Tablets und Smartphones kaufen und ihnen neue Gadgets unter die Kopfpolster legen. Wir sollten WLAN in Schulen nicht verbieten, sondern es fördern und kostenlos zur Verfügung stellen, wir sollten LehrerInnen ermutigen, mit Kindern auch digital zu arbeiten. Auch wenn nicht immer alles positiv ist.

Viel wichtiger als der Umgang mit Gadgets ist es, Kindern die Zukunft zu ebnen — mit klaren Zielen und Konzepten. Dann, und nur dann, bin ich sicher, dass unsere jungen Mitmenschen auch fähig sein werden, Großes zu schaffen. Unsere Gesellschaft braucht Menschen mit Visionen und mit Verständnis für diese Entwicklungen. Machen wir ihnen Mut und zeigen wir ihnen, wie es geht.


Anmerkung im Sinne der Medientransparenz: Dieser Beitrag ist in bezahlter Kooperation mit Microsoft Österreich entstanden.