Das Internet bringt Populisten an die Macht — und Demokratie.

Kommentar anlässlich der Veranstaltung: Der Stammtisch geht ins Netz — Dem Volk aufs Maul schauen?

Felix Francke
Feb 25, 2017 · 5 min read
Endlich jemand auf dieser Party, mit dem man sich unterhalten kann.

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! (…) Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.

— so begann John Perry Barlow, einer der zentralen Vordenker des Internets, 1996 seine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace.

Unser Blick auf das Internet hat bereits zahlreiche Wandlungen durchlaufen. Zunächst schlug das Pendel für viele in Richtung Euphorie. Viele gesellschaftliche Utopien schienen plötzlich ganz nah: Im Internet waren alle gleich — egal welches Alter jemand hatte, wie er oder sie aussah. Ein Computer und ein Internetanschluss genügten und schon war man „drin“. Noch 2010 zitierte der wissenschaftliche Dienst des Bundestages das Internet als „demokratischstes Massenmedium der Welt“.

Doch scheint das Pendel aktuell in die andere Richtung auszuschlagen. Für mich der vorläufige Höhepunkt: Im letzten Dezember bringt das Schweizer „Magazin“ ein Interview, in dem der Eindruck geweckt wird, Trumps Wahlsieg wäre auf die Arbeit von Cambridge Analytica zurückzuführen. Deren Kerngeschäft: Mit personalisierter Werbung die Wahlentscheidung bestimmter Gruppen beeinflussen. Der enge Zusammenhang zwischen Werbung und Wahl ist inzwischen weitestgehend entkräftet, doch die Popularität dieser Geschichte zeigte die Einstellung, die viele Menschen mittlerweile gegenüber sozialen Netzen haben: Anonyme Konzerne oder dunkle Mächte würden die Massen zum Teilen von Falschnachrichten manipulieren.

Was stimmt denn nun? Hilft das Netz der Demokratie? Hilft es den Populisten? Oder stimmt beides?

Soziale Medien im Zentrum der Debatte

Im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen die sozialen Netzwerke. Und ja: Bestimmte Merkmale sozialer Medien verstärken Nischenbildung und Abgrenzung:

Durch die Vernetzung mit vielen Gleichgesinnten bilden sich „Filterblasen“ und „Echokammer-Effekte“: Wir lesen und sehen mit der Zeit fast nur noch Nachrichten, die unsere Meinung bestätigen. Es bilden sich scheinbar abgegrenzte Öffentlichkeiten, in denen wenig Austausch mit Andersdenkenden stattfindet.

Wenn man alle anderen Meinungen ausblenden kann, wird es einfach, sich plötzlich als „das Volk“ zu sehen. Der große Unterschied zu Stammtischen im Wirtshaus oder der Kneipe? Der Netzwerkeffekt ist physisch nicht begrenzt, der „Tisch“ beliebig erweiterbar. So treffen sich in Facebook-Gruppen nicht 10, 15 Menschen, sondern tausende. Aus Nischen werden größere Bewegungen.

Aber solche Netzwerkeffekte sind nichts per se schlechtes:

Den arabischen Frühling nannte man eine Zeit lang „Facebook-Revolution“ — das ist verkürzt, denn bislang wurden alle Revolutionen noch auf der Straße entschieden — aber soziale Medien haben eine entscheidende Rolle bei der Vernetzung der Protestierenden gespielt.

Hier in Deutschland erleichterten Soziale Medien an vielen Stellen das Engagement der Freiwilligen in der Flüchtlingskrise: Bedarfslisten der improvisierten Versorgung konnten innerhalb kurzer Zeit mit vielen hilfsbereiten Menschen in der Region geteilt werden.

Diese Beispiele zeigen: Soziale Medien bringen nicht nur das Gute. Soziale Medien bringen aber auch nicht nur das Schlechte. Technik ist zunächst einmal politisch neutral. Es kommt darauf an, was die Menschen hinter den Bildschirmen mit ihr anstellen. Einfache Botschaften verbreiten sich schneller — aber das ist kein Novum der sozialen Medien.

Menschen an den Rändern der Gesellschaft sind mehr auf gute Methoden der Vernetzung angewiesen. Sie fanden ihre Meinung nicht in den „normalen“ Medien wieder, also suchten Sie im Netz nach Gleichgesinnten. Sie haben dadurch schneller gelernt, soziale Medien zu ihrem Nutzen zu gebrauchen — und zu missbrauchen.

Für mich bedeutet das: Die Herausforderung annehmen. Lernen, die Vor- und Nachteile sozialer Medien zu verstehen und dann selbst handeln.

Wir müssen die Angst vor Algorithmen überwinden, denn Angst ist nie ein guter Berater für Handeln.

Spezialisierte Seiten zur Analyse von Fake News zeigen, wie Falschmeldungen über verschiedene Portale hinweg verbreitet werden: Das passiert bislang nicht anders als es mit Gerüchten schon immer war: Ein Mensch teilt eine krude Theorie an der einen Stelle, die Nachricht wird andernorts aufgegriffen — mit jedem Schritt geht ein eventuell vorhandener wahrer Kern mehr verloren.

Social Bots sind dagegen überwiegend ziemlich einfach gestrickte Systeme. Sie besitzen weder Intelligenz, noch agieren sie Autonom. Wer sich etwas Zeit nimmt, kann verstehen lernen was hinter solchen zunächst unzugänglichen Begriffen steckt und ihnen so den unheimlichen Zauber nehmen.

Denn wir sollten die Antwort auf Populismus im Netz nicht allein Politik und Konzernen überlassen. Politik und Konzerne können diese Aufgaben gar nicht für uns übernehmen, denn es geht dabei um ethische Grundfragen. Wir müssen diese Aufgabe als mündige Bürger selbst annehmen.

Es geht um die Frage, welche Umgangsformen wir online miteinander finden. Wie sehr ziehen wir uns in unsere eigene kleine Welt zurück? Wie viel Verschiedenheit wollen wir? Welche anderen Meinungen müssen wir tolerieren und wo sind rote Linien überschritten?

Es geht um die Grenzen freier Meinungsäußerung. Ich möchte nicht, dass Facebook oder Google hier für mich entscheiden. Es gibt Extremfälle, die offensichtlich erscheinen. Aber ich möchte nicht auf (Kunst am Rande des guten Geschmacks oder) Übertreibungen von Satirikern verzichten, die mein Weltbild pointiert hinterfragen, nur weil irgendein Techniker in den USA entschieden hat, dass es nicht geteilt werden darf.

Und: Selbst wenn Facebook alle Meldungen von Populisten löscht, ist das Gedankengut trotzdem noch vorhanden. Die entsprechenden Gruppen suchen sich einfach neue, schlechter kontrollierte Plattformen. Wie die Terrormiliz IS, die inzwischen vorwiegend den verschlüsselten Messenger Telegram nutzt, um die eigene Kommunikation noch weiter abzuschotten.

Am Stammtisch mitreden

Um das Bild des Stammtisches aus dem Titel der heutigen Veranstaltung aufzugreifen: In Städten bilden sich meist themenbezogen Stammtische aller Art, in Nürnberg gibt es einen Fahrradfahrer-Stammtisch, einen Whiskystammtisch, einen Stammtisch für Anhänger der Polyamorie.

Nicht alles, was in jeder Gruppe gesprochen wird, muss uns gefallen. Aber wir machen es uns zu einfach, wenn wir jene, die sich in abwegige Gruppen begeben und dort Gerüchten nachhängen, als „Verlorene“ abtun.

Wir müssen in Kontakt treten — um sie werben. Wenn Menschen früher merken, dass nicht alle ihrer Meinung sind, kann sich manche Empörungswelle nicht weiter hochschaukeln. Das Zauberwort heißt hier Gegenrede. Oder Neudeutsch: Counter Speech.

Es gibt viele Wege, selbst einzugreifen: Die Vice-Redakteurin Julia Schramm fing an, auf alle ihr gegenüber geäußerten Hasskommentare bestimmt, aber mit großer Liebe zu antworten und brachte deren Autoren damit vollkommen aus dem Konzept. Renate Künast besuchte Hasskommentatoren sogar zu Hause um mit ihnen zu sprechen.

So weit kann oder will nicht jeder gehen, aber wir alle müssen lernen, die neue Technik so effizient für das Gute einzusetzen, wie sie teilweise für schlechtes missbraucht wird.

Wer sich das nicht alleine zutraut, kann sich Initiativen anschließen: In der Facebook-Gruppe #ichbinhier etwa, verabreden sich Menschen regelmäßig, durch fundierte Beiträge das Diskussionsniveau in Kommentarspalten zu verbessern. Die Aktionen solcher Gruppen zeigen: Selbst Likes an der richtigen Stelle können helfen, die Gruppendynamik sich gegenseitig bestätigender Hetze weit vor einer Resonanzkatastrophe zu drehen. Sascha Lobo nannte das in seiner Kolumne auf Spiegel Online „Friedenspropaganda“.

Auch meine erste Reaktion ist oft zögerlich: Mache ich mich selbst nicht zu angreifbar, wenn ich hier schreibe? Was, wenn ich plötzlich Hasskommentare abbekomme. Es erfordert Mut und manchmal auch Überwindung, so für abstrakte Ideale wie eine offene Gesellschaft einzutreten. Sich nicht herauszureden mit dem Argument, amerikanische Konzerne seien verantwortlich.

Aber vielleicht müssen wir das gerade im Netz neu lernen: Dass unsere offene, friedliche Gesellschaft nicht selbstverständlich ist. Dass, selbst wenn Barlows Unabhängigkeitserklärung übertrieben ist, das Vertrauen „der Staat wird es schon richten“ nicht ausreicht. Sondern dass wir als Menschen aktiv hinter unseren Idealen stehen müssen — und sie mit unserem ganzen Mut verteidigen.

Felix Francke

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political scientist in search for reasonable net neutrality

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