Hallo, Echo — Wie das Netz uns zu faulen Säcken und Zynikern macht

Das Internet ist großartig. Ohne das Netz wäre ich bestimmt nicht dort, wo ich heute bin. Hier konnte ich meine Reputation zeigen und ausweiten. Hier habe ich Kunden gefunden. Und schließlich habe ich wichtige Erfahrungen im Umgang mit Meinungen, Urheberrechten und sonstigem Rechtsgedöns gemacht. Angst vor dem Internetz — so wie viele andere Deutsche — hatte ich eigentlich nie. Aber jetzt nervt mich die digitale Welt mehr und mehr.

  1. Wir schreiben und posten und nichts passiert

Eigentlich müsste man doch wissen, wie es richtig geht. Egal, ob Energiewende, Ausbau der Kinderbetreuung, Gender Equality oder die Rechtsbeugung beim Fußball — das Internet ist voll mit fundierten Darstellungen, brillanten Meinungen oder billigen News-Huren. Das beschäftigt uns tagein, tagaus und schnell wird wieder eine neue Erregungs-Sau durchs digitale Dorf getrieben. Das ist zwar bei den etablierten, traditionellen Medien nicht anders, doch habe ich den Eindruck, dass gerade das Netz, welches sich gerne so moralisch zeigt, doch recht häufig am Nasenring durch die gesellschaftliche Manege ziehen läßt (hihi, Putin reitet auf einem Wiesel).

2. Wir sind News-Voyeure geworden

Die Medienwelt war schon immer — naja, sagen wir mal — ein wenig obskur. Aber das Netz scheint bei allen Beteiligten nur das Schlechteste hervorzubringen. Formate wie Liveticker und Echtzeitberichterstattung sind großartige Errungenschaften, aber wenn TV-Sender — sowohl die öffentlich-rechtlichen als auch die Gelegenheitsjournalisten von den Privaten — wie nach dem Absturz der Germanwings-Maschine stundenlang Sendezeit mit Spekulationen und Zooms auf die Gesichter der trauernden Angehörigen füllen, ist das einfach nur ekelhaft. Wo ist die Distanz, wo das Durchatmen? Viel schlimmer, als im News-Rattenrennen ein paar Klicks zu verlieren ist, die Würde mit den Füßen zu treten.

3. Wir kreisen nur um uns

Ukraine, Ebola, Südsahara, Griechenland, Syrien — wie es den Menschen dort geht, ist den meisten im Netz doch scheißegal. Was wir wollen ist Unterhaltung, auch ein wenig Aufregung, aber bitte nichts, worüber man länger als ein paar Minuten nachdenken muss. Zwar gibt es Twitterer, die nichts anderes machen, als beispielsweise auf die Situation der Jesiden im Shingal-Gebirge hinzuweisen, doch das ist in etwa so, als würde man auf dem Rummel immer nur in die Geisterbahn gehen. Irgendwann wird auch das — langweilig. Selbst bei Themen, die das Netz eigentlich interessieren müsste — Stichworte sind hier Snowden, Überwachung, Netzneutralität — müssen wir nicht mehr tun, als auf eine Seite zu surfen, dort ein wenig zu klicken und eine Petition zu unterzeichnen. Die Arbeit machen andere, wir amüsieren uns weiter (siehe oben).

4. Das Internet hat keine politische Relevanz

Vor der letzten Bundestagswahl war ich mir sicher, dass wir eine andere Regierung als heute bekommen würden. Was mich damals so sicher machte? Na, bei den Umfragen im Netz lagen die Piraten dauerhaft bei 20% und die etablierten Volksparteien dümpelten irgendwo dahinter. Am Wahlabend kam dann die große Ernüchterung: Nicht nur blieb mächtetechnisch alles beim Alten, auch wurden kaum Abgeordnete ins Parlament gewählt, die als sowas wie Netzaktivisten bezeichnet werden können. Klar, jede Partei hat mittlerweile irgendwelche Jüngere aus ihren Reihen nominiert, sich mal um das Netz zu kümmern (früher hieß das bei der SPD Pop-Beauftragter, fragt mal bei Sigmar Gabriel nach).

Was wir eigentlich tun müssten

Nun, Peter Lustig wusste schon in den 80ern, was die Stunde geschlagen hatte: “Abschalten”, hieß es damals am Ende jeder Sendung und bedeutete nichts anderes, als seinen Hintern vom Sofa zu heben und in die freie Natur/ auf den nächsten Spielplatz zu schwingen. Im Zeitalter von “Always-On” ist das natürlich ein wenig schwieriger, aber wenn wir nicht bald anfangen, unsere Lethargie abzuschütteln, wird das Weltgeschehen weiter von anderen bestimmt werden. Heißt im Klartext:

Sich gesellschaftspolitisch zu engagieren!

Alternativ können wir darauf warten, dass die Griechen die Europäische Union erkämpfen, die wir eigentlich haben sollten. Nur braucht sich dann niemand mehr zu wundern, warum die deutsche Netzgemeinde dann schon längst nicht mehr ernstgenommen wird.

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