Stille Tage & Tanzverbot: Genau richtig

Spätestens zu Ostern, wenn Redaktionen und Onlinemedien nur noch von Volos und Praktikanten bevölkert werden, dürfen wir uns wieder durch Artikel zu “stillen Feiertagen” und — etwas populistischer — Tanzverboten klicken. Dabei erfüllen diese wiederborstigen, oftmals langweiligen und depressive Tage wichtige Funktionen, die in unserer echtzeitgetriebenen und stets auf Effizienz und Effektivität getrimmten Zeit leider immer weniger Beachtung finden: Etwa, sich einmal aus der Tretmühle des Alltags auszuklinken; innehalten, reflektieren, nachdenken und vielleicht danach den Kompass in eine völlig neue Richtung halten.

Als Student und auch als Berufsanfänger fand ich die stillen Tage bescheuert. Da ist die Woche schon mal kürzer und man muss nicht in Seminaren oder im schlechtklimatisierten Büro hocken, und dann darf man immer noch nicht tun, worauf man Lust hat! Und weil wir in einem föderalen Staat leben, hat jedes Bundesland natürlich eigene Regelungen zu den stillen Feiertagen: ich wohnte damals in Bayern, wo bis 2013 an allen geschützten Tagen (auch Aschermittwoch, Heiligabend zählen dazu) ganztägig Ruhe zu halten war.

Gerade in urbanen Zentren regte sich in den vergangegen Jahren Widerstand gegen die überkommene behördliche Regelungswut (die FDP versuchte hier vor ihrem Sinkflug in die Bedeutungslosigkeit noch ein wenig zu punkten). Doch “stille Tage” taugen nicht für politische Auseinandersetzungen, clevere Onlineartikel oder Korinthenkackerei, dass die Christen hierzulande gar nicht mehr die Mehrheit stellen. Wer glaubt, Karfreitag nun genau das machen zu müssen, was auch an 50 anderen Freitagen im Jahr geschehen kann, tut mir persönlich sehr, sehr leid.

Mir geht es gar nicht darum, an diesen Feiertagen unbedingt in die Kirche gehen zu müssen. Das würde ich auch nicht unbedingt empfehlen, denn gerade zum Osterauftakt ist die Stimmung in den Gotteshäusern sehr gedämpft und nahezu depressiv. Wenn Netflix aber leergeschaut und der Kühlschrank gefüllt ist — warum nicht einen Spaziergang unternehmen und den Gedanken freien Lauf lassen? Dafür bieten sich stille Tage mit ihrem ungewohnten Rhythmus geradezu an.

Manchmal wünschte ich mir, dass es in Hamburg noch mehr stille Tage gäbe. Gerade im Zentrum kommt die Stadt selten richtig zu Ruhe. Deshalb (und nicht nur wegen der Kindheitserinnerungen) mag ich den Heiligabend so besonders — wenn in ganzen Straßenzügen nur in ein paar Wohnungen Licht brennt, der Verkehr unter der Wahrnehmungsschwelle auf dem Asphalt rollt und der Hafen im Hintergrund nur noch leise brummt und wummert.

Also, gebt den “stillen Tagen” eine Chance. Ihr werdet sehen, dass Tanzverbote weniger “pain in the ass”, sondern ein toller Stolperstein für die persönliche Entwicklung sind. Wer dann doch nicht so Bock auf neue Perspektiven hat, kann dann immer noch “Fettes Brot & Bela B — Tanzverbot” hören — meinen Segen habt ihr!