Vom kapitalistischen Neo-Totalitarismus zur Techno-Zukunft

Fragen, nichts als Fragen: Warum sind die Deutschen in Ost und West so dumm geworden, und wählen eine offensichtlich menschenfeindliche Partei wie die AfD in die Parlamente? Warum wird immer behauptet, der Syrien-Konflikt sei maßgeblich für die hohen Flüchtlingszahlen verantwortlich (für 2015 liegen die Schätzungen bei 600.000–1.000.000)? Wenn man aber in die Statistiken schaut, sollen nur knapp 74.000 aus dem Bürgerkriegsland nach Deutschland gekommen sein. Wie kann es sein, dass die derart vernetzen Millenials in Entscheidungsstarre verharren und das bereits gesammelte Wissen über das Wesen von Politik-Gesellschaft-Welt konsequent ausblenden?

aus: Wired Ausgabe November 2015

3 Antworten beziehungsweise Antwortversuche.

Antwort 1: #Kaltland ist Kalkül

Kaum vergeht eine Woche, in der auf Twitter und anderswo im Netz unter dem Hashtag #Kaltland nicht von neuen Vorfällen vor Flüchtlingsunterkünften gemeldet werden. Nach Freital und Heidenau standen Clausnitz und Bautzen — wiederum Orte in Sachsen — im Fokus der medialen Öffentlichkeit. Während sich auf der einen Seite die (zurecht) Empörten sammeln, freuen sich rechtsradikale Mitläufer über lodernde Dachfirste, bräsige Dorfpolizisten und eine Justiz, die in den Taten oftmals keinen rechtsradikalen Hintergrund entdecken will. Und die Politik? Verharrt wie schon in den 90ern in Sonntagsreden und mahnt eine Willkommenskultur an, während gleichzeitig die Asylgesetzgebung massiv verschärft wird.

Dabei galt noch im Sommer: “Wir schaffen das” und Deutschland ist immer noch das Land, welches auf europäischer Ebene für eine Umverteilung der Flüchtlinge wirbt. Andererseits unterstützt man im Khartoum-Prozess mit Millionenzahlungen genau jene Regimes, vor denen die Menschen in Panik Reißaus nehmen (die Türkei soll 3–6 Milliarden Euro bekommen, um für Europa die Krise zu managen, entfacht aber gleichzeitig einen neuen Bürgerkrieg mit den Kurden). Das alles spricht nicht gerade für eine großangelegte politische Strategie, und von daher passt es eigentlich ganz gut ins (nicht vorhandene) Konzept, wenn im seit jeher schlecht beleumundeten Osten Nazis und ihre Sympathisanten den Flüchtlingen einen unbarmherzigen Empfang bereiten. Im politischen Tagesgeschäft könnte es durchaus zum Kalkül gehören, dass sich diese schlechte PR möglichst schnell unter potenziell Ausreisewilligen verbeitet — damit im Sommer ja keine weiteren syrischen oder eritreischen Familien vor den hiesigen Jägerzäunen stehen!

Die Quittung für diese zynische Haltung hat die Regierung bei den letzten Landtagswahlen erhalten, aber bislang waren die AfD und ihre Sympathisanten vorallem nützliche Idioten und mediale Quotenbringer. Um diese Rattenfänger letztlich in ihre Schranken zu weisen, braucht es Anstrengungen auf gleich mehreren Ebenen: Wir alle müssen politischer werden und vermutlich in eine der aktuellen Parteien eintreten. Universitäten und andere Institutionen sollten Menschen aus benachteiligten Ländern einladen, hier zu leben, zu wohnen und zu arbeiten und mittels dieses Umweges in ihre Heimatgesellschaften hinzuwirken — bestenfalls bis zum Wandel zum Besseren. Und ein wenig mehr Bildung darf es am Ende auch noch sein.

Antwort 2: Medienkompetenz vs Ideologie

Schon bei Hannah Arendt ist nachzulesen, dass eine (totalitäre) Ideologie und deren Anhänger erst das Andere negieren, dann Fakten ausblenden und schließlich das eigene Wissen in einer festbetonierten Kammer von der Realität abgrenzen. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert der Verfall der Kommentarkultur in Internet-Foren und sozialen Netzwerken, der etwa in “Perlen aus Freital” immer wieder neue Auswüchse zeigt. Man mag nun diskutieren, woher das rührt: Liegt das an den immer noch zu zahlreichen Hauptschülern, die unsere Bildungsinstitutionen jedes Jahr ohne Abschluss verlassen und mittels Internetanschluss zum Profi-Hater mutieren? Oder hat da eine Macht, die derzeit die “hybride Kriegsführung” perfektioniert, ihre Hände im Spiel, weil sie letztlich ein ganz anderes Europa, ohne amerikanischen Einfluss haben möchte?

Letztlich ist das auch nicht unbedingt entscheidend, aber anstelle von Minister-Appelen an die Adresse von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Hasskommentare schneller zu löschen, kann nur ein Mehr an Medienkompetenz die Lösung sein. Ich hatte das Glück, in der 9. Klasse eine hervorragende Gemeinschaftskundelehrerin zu haben, die uns in nur 2 Schulstunden die mediale Kompetenz vermittelte, von der ich heute noch zehre. Gut, ich habe auch Geschichte studiert und musste schmerzlich erfahren, wie sorgsam man seine Quellen checken muss, um nicht irgendwelche Revisionisten auf dem Referats-Handout zu verewigen, die ausgerechnet haben wollen, dass die Gaskammern in Auschwitz gar nicht die Kapazitäten hatten, derart viele Juden umzubringen. Und durch das Internet ist es heute leider kinderleicht geworden, falsche Informationen in Sekundenschnelle zu verbreiten. Zudem hat die News-Geilheit des Onlinejournalismus dazu geführt, dass nur noch eine Highlight-Berichterstattung stattfindet und die Zwischentöne völlig ausgeblendet werden — Donald Trump zeigt, dass es mittlerweile egal ist, mit welcher Schlagzeile man in den Medien ist, Hauptsache es ist irgendeine Schlagzeile.

Antwort 3: Technik für eine neue Zukunft

Auch wenn wir jetzt schon stöhnen, unsere Aufgaben sind noch viel größer (wenn etwa Klima oder Wirtschaft kippen und ganz neue Flüchtlingsströme entstehen), als wir uns vorstellen. Das Gemaule im Netz und in den Feuilletons zeigt, dass demokratische Prozesse innerhalb eines immer schneller werdenden Kapitalismus zunehmend anachronistisch erscheinen — und somit totalitären Rattenfängern, die eine neue Zeit versprechen, aber in Wahrheit nur die (braune) Vergangenheit wieder auferstehen lassen wollen, Tür und Tor geöffnet werden. Dabei können wir es uns global gesehen überhaupt nicht leisten, noch mehr Zeit zu vetrödeln.

Die Antwort auf unsere Probleme ist dabei einfach und komplex zugleich: Wir brauchen mehr Technik! Auch wenn diese als Selbstzweck erscheint, ist sie weder gut, noch böse, sondern muss ihren sozialen Nutzen erst beweisen. Wenn wir uns trauen, eine neue Zukunft ohne (oder mit anderen) kapitalistischen Zwecken zu denken, kann uns Technik helfen, diese Ziele zu verwirklichen. Die Blockchain-Technologie, die etwa hinter dem digitalen Zahlungsmittel Bitcoin steht und es ermöglicht, jede beliebige Transaktion transparent zu machen, hat einerseits das Zeug, bürokratische Prozesse, etwa bei Katasterämtern oder Notaren zu entschlacken. Andererseits besteht die Möglichkeit, dass auch diese Technik kapitalistisch absorbiert wird und letztlich staatliche Strukturen unwiederbringlich beschädigt. Ohne Ideologie geht es also auch im technischen Zusammenhang noch lange nicht.

Während also die meisten Deutschen nicht wissen dürften, was es mit dieser (und anderen) Technologien auf sich hat, beschäftigen sich bereits Banken und Investoren damit. Also nicht nur die Demokratie, sondern auch wir müssen zunächst deutlich schneller werden, um mit der Zeit zu gehen. Ein “Zurück!” ist schon lange keine Option mehr und daran ändert auch keine Demo oder der Bezug von Bio-Lebensmitteln etwas. Stattdessen müsste sich noch viel mehr Menschen Gedanken über technikbasierte und solidarische Zukunftsformen machen (Smart Cities, Besiedelung des Mars).

Auch wenn es wie eine Dystopie erscheint, die von Dave Eggers in “The Circle” herbeigeschriebene Welt aus Sensoren und Transparenz hilft, das bestehende System in seiner (totalitären) Gesamtheit zu vermessen und in einem zweiten Schritt nach globalen Gesichtspunkten umzubauen (#TeamHuman). Parallel dazu sollten neben dem Erwerb von Medienkompetenz auch Computer-Code — beispielsweise als Fremdsprache — in der Schule gelehrt werden. Wenn der Nachwuchs dann in 20 Jahren vielleicht weniger am Smartphone klebt und über gerade noch soviel Ressourcen wie ihre beraubte Elterngeneration verfügt — dann kann der Wandel auch 5 vor 12 noch gelingen.