Wie 96 noch die Klasse halten kann

Kaum ist der 18. Spieltag der Bundesliga vorbei, wird über den aktuellen Tabellenletzten — mein Herzverein Hannover 96 — der Stab gebrochen. Nicht nur die üblichen Hater, sondern auch die eigenen Fans haben nach der Stagnation der vergangenen beiden Jahren den Glauben an den Klassenerhalt scheinbar verloren. Aber natürlich ist rechnerisch nach wie vor alles möglich, deshalb nun meine 50 Cent zum Thema:

  1. Mit Doppelsechs zurück zum Erfolg 
    Auch wenn ich es bei “Hannoverliebt” noch für eine gute Idee hielt, Hoffman defensiv, Prib und Sané außen sowie Schmiedebach auf der offensiven Rauten-Position aufzubieten, zeigte sich spätestens nach dem Ausgleich der Gäste die mangelnde Balance und im Fall der beiden Außen auch fehlende Klasse der Formation (für weitere Erläuterungen hier). Die erfolgreichste Zeit hatte 96 jedoch mit einer Doppelsechs — hierfür sind nach den Transfers in der Winterpause und Rückkehr der Verletzten auch genügend Alternativen verfügbar. Im Abstiegskampf ist es wichtig, sich zunächst defensiv zu stabilisieren. Gerade “Raumdeuter” Schmiedebach formte mit Sergio da Silva Pinto eine der besten Doppel-Sechsen der Geschichte bei 96 — warum also nicht wieder?
  2. Hoffmann in die Abwehr
    Vor der Saison war ich fest überzeugt, dass André Hoffmann wieder eine tragende Rolle spielen würde. Als Frontzeck ihn allerdings auf der Bank versauern ließ und Wechselgerüchte die Runde machten, war es höchste Zeit für ein Comeback auf dem Platz. Dabei ist es Hoffmanns Fluch und Segen zugleich, bei 96 auf mehreren defensiven Positionen eingesetzt werden zu können und gleichzeitig einer der besten Fußballer des Teams zu sein. Gegen Leverkusen dürfte er mit Sicherheit für den gesperrten Schulz in der Innenverteidigung auflaufen; er hat diese Position auch schon erfolgreich gespielt. Ich hoffe, dass André künftig in der Verteidigung seine feste Position findet und von dort aus für Stabilität und einen besseren Spielaufbau sorgt.
  3. Rauschhafte Außen 
    In der Geschichte von Hannover 96 gab es selten herausragende Außenverteidiger/mittelfeldspieler (vielleicht mit Ausnahme von Mourad Bounoua, der nach seiner Einwechslung häufig durch seine Schnelligkeit einen Platzverweis für seinen Gegenspieler heraufbeschwor), dennoch braucht es für den Klassenerhalt einen Qualitätssprung. Schaaf muss im Training nun Automatismen trainieren und seine Außen stark quatschen. Offensive Gedanken sollten diese erst entwickeln dürfen, wenn sie sich defensiv stabilisiert haben (siehe Entwicklung von Kocka Rausch bei 96).
  4. Mehr Neururer bei Standards 
    Die Standards sind eine Geißel des modernen Fußballs und selbst Weltmeistertrainer wie Jogi Löw müssen mitunter Jahre warten, bis ihre Teams Tore nach Ecken feiern können. Ganz anders ist die Lage jedoch bei Peter Neururer: egal, wo der Welttrainer auf dem Platz steht, werden im Training zunächst Ecken und Standards geübt. Das fruchtete auch bei 96 und man blieb acht Spiele ungeschlagen — ein derartiger Punkteregen käme im Abstiegskampf nun sicherlich gelegen (Andererseits ist das Phänomen der kniehohen Ecken seit Krupnikovic und seinem Wiedergänger Edgar Prib im Niedersachsenstadion weit verbreitet — hier muss also dringend gehandelt werden).
  5. Offensive Balance
    Ein Stürmer, hängende Spitzen, zwei Kanten im Strafraum — auch Schaafs Mastermind ist nun gefragt. Eine Frage wird sein, ob sich Almeida nicht zu schade ist, bei engen Spielen als Joker aufs Feld zu kommen, um mit seiner physischen Präsenz gegnerische Abwehrreihen zu zermürben und Räume zu öffnen. Mit der Rückkehr von Hiroshi Kiyotake (vermutlich Anfang Februar gegen Mainz) wäre auch der wichtige Zehnerraum bei 96 endlich wieder besetzt. Das Trainerteam muss hier aber unbedingt weitere personelle Szenarien entwickeln, falls Verletzungen oder Spielverläufe die eigene Lieblingstaktik unmöglich machen.
Die Aufholjagd beginnt

Als Berufsoptimist glaube ich, dass am Wochenende in Leverkusen bei einer verbesserten Defensive durchaus ein Punktgewinn möglich ist, denn die Werkself kommt traditionell eher schwer aus der Winterpause. Gegen Mainz ist dann schon wieder mehr Spielintelligenz gefragt — hier hat Schaaf hoffentlich viele ähnliche Ideen wie die oben beschriebenen.