Digitales Mobbing: Anmache ohne Pause

Artikel im Darmstädter Echo vom 4.4.2017

Im Rahmen eines Elternabends wurde ich vom Darmstädter Echo zu Whatsapp interviewt:

Von Thomas Wolff

DARMSTADT — Paul ist der Typ, der schon mal einen heftigen Spruch raushaut. Auf dem Schulhof, aber auch über “Whatsapp”. Was der zwölfjährige Gymnasiast per Smartphone über den Instant Messaging-Dienst absondert, bekommt er postwendend zurück, derbe bis beleidigend — so erzählt es sein Vater beim Medien-Elternabend in der Justus-Liebig-Schule. Paul (Name geändert) “ist regelrecht angefeindet worden” in der Whatsapp-Gruppe. Was tun? Die Gruppe schließen? Elternsache, sagt die Schule. Der Vater riet, Paul sollte sich “einfach eine Weile zurückziehen”. Gute Idee, aber im Alltag nicht so einfach.

Denn “Whatsapp” dient der Mehrheit der Jugendlichen als zentrale Kommunikations-Plattform, Tag und Nacht — “viele können gar nicht abschalten”, sagt Anne Korbach, die die Schulsozialarbeit in der Innenstadt organisiert. Das hat Folgen in der Schule wie im restlichen Leben.

Paul, den sein Vater als “Whatsapp-Opfer” beschreibt, ist ein typischer Fall. Schnell ist man in eine Gruppe eingeladen, um Hausaufgaben auszutauschen, Referate gemeinsam zu planen oder sich einfach nach Schulschluss zu verabreden. Aber genauso fix ist man wieder rausgeworfen und vom Instant-Draht abgehängt.

Frustrierte Mädchen und Jungen tauchen immer häufiger in den Büros der Schulsozialarbeiter auf, berichtet Korbach. An wem die Kommunikation vorbeiläuft, “der fühlt sich regelrecht gemobbt.” Anders als in vor-digitalen Zeiten geht der Terror nach Schulschluss weiter: “Der Schonraum zuhause ist nicht mehr da.”

Das ist einer der Gründe, vor allem die Eltern über ihre Verantwortung aufzuklären. Die suchen selbst verzweifelt Rat. Wenn Korbach zu Whatsapp-Vorträgen einlädt, ist die Aula voll. 70 Eltern löcherten den Medienpädagogen Jan Rathje in der Liebigschule. Die Fragen, sagt er, sind immer dieselben — und “nicht zu beantworten”.

Wie viel Medienkonsum ist gut für mein Kind? Wie kann ich das Smartphone sichern? Ersteres müssten die Eltern selbst einschätzen, sagt Rathje. Und das mit dem Sichern und Kontrollieren könne man sich abschminken. “Die Kinder lernen als erstes, wie man solche Sperren umgeht”; so genannte “Jailbreak”-Befehle seien leicht verfügbar. Rathje rät vielmehr, “dass sich die Eltern die Technik erstmal von ihren Kindern erklären lassen”. Es falle aber nicht jedem leicht, mal die Rolle des Lernenden anzunehmen.

Dann müssten die Eltern klar machen, dass sie für alles gerade stehen, was ihre Kinder mal eben schnell an Beleidigungen und unvorteilhaften Fotos senden: “Sie haben ja den Handyvertrag unterschreiben”, nicht die Schüler, nicht die Lehrer.

Der Darmstädter Rathje, der als Experte hessenweit unterwegs ist, sieht das Hauptproblem in der verführerischen Schnelligkeit des Dienstes und im Alter der Benutzer. Zwischen 12 und 16 Jahren wird Whatsapp am meisten benutzt. “Da sind viele voll in der Pubertät, ihr Gehirn flippt aus, die Hormone spielen verrückt”, sagt Rathje — “sie können gar nicht abschätzen, was sie am nächsten Morgen mit dem anrichten, was sie in der Nacht geschrieben haben.” Und dass es übers Internet Kreise zieht. Den Opfern helfe daher auch keine Entschuldigung. Einmal gesendet, bleibt die üble Anmache im Gruppen-Protokoll. “Auf Whatsapp”, sagt der Fachmann, “lernt man nicht unbedingt Empathie.” An allen Darmstädter Schulen herrscht zwar Handy-Verbot. Aber überall haben sich auch “Klassen-Gruppen” via Whatsapp etabliert — in denen die Lehrer fleißig mitfunken. Das sei jedem Pädagogen überlassen, sagt Wolfgang Germann, Leiter der Liebigschule. “Was in diesen Gruppen nachts um zehn geschieht, geht uns nichts an.” Allerdings: “Es hat Auswirkungen auf die Akzeptanz der Schüler und auch auf ihre schulische Leistung.”

So landet der Ruf nach mehr “Medienbildung” doch wieder an den Schulen. Fachmann Rathje rät, damit weit vor dem kritischen Alter anzufangen. Schon Viertklässler seien mit dem alten Smartphone der großen Schwester unterwegs. Und probieren aus, wie weit sie gehen können. Im Auftrag der Stadt gibt er Grundschülern Tipps. In der Broschüre “Hallo Medien” erfahren sie, wie praktisch Whatsapp sein kann — aber dass es “auch nerven kann”. Einen einfachen Rat gibt es da für ungestörte Nächte: das Smartphone in den Flugmodus schalten. “Dafür muss man nur einen Knopf drücken” — kinderleicht, eigentlich.

Paul hat sich nach seinem Rückzug übrigens beruhigt, und seine Gruppe auch — auf dem realen Schulhof wie in der digitalen Welt. “Whatsapp”, sagt der Vater, “ist nur das Symptom, nicht die Ursache.” Aber oft “auch der Verstärker”.


Tipps und Adressen

Damit Kinder und Jugendliche lernen, reflektiert mit digitalen Kanälen wie Whatsapp umzugehen, betreibt die Stadt gemeinsam mit Partnern unter dem Titel “Mediendiplom” ein Programm mit Workshops. Die werden schon für Grundschüler angeboten.

Themen sind unter anderem Umgangsformen im Netz, Apps, Kostenfallen und Cybermobbing. Die zugehörige Broschüre ist als pdf über die Seite www.mediendiplom-darmstadt.de herunterzuladen. Für Tipps zum Thema “Sicherheit im Internet” empfiehlt der Darmstädter Medienpädagoge Jan Rathje beispielsweise die Website klicksafe.de.

Wie lange darf gesurft, gechattet, gesimst werden? Vorschläge für Vereinbarungen zwischen Eltern und Kindern gibt es auf www.mediennutzungsvertrag.de.


Kommentar: Ping!

Von Thomas Wolff

Schon wieder dieses hohe Klingeln, das jedes Gespräch unterbricht, das sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ping! Und nochmal: Ping! Grad ist wieder eine wichtige Nachricht per Whatsapp eingegangen. Aus einer wichtigen Gruppe. Wichtig, gleich das Smartphone zu zücken, die Message zu überfliegen und zu antworten. Aber sofort! Solches spielt sich nicht nur ab und zu vor dem Schulgelände, in der Straßenbahn, daheim im Kinderzimmer ab, sondern permanent.

Whatsapp ist natürlich nicht der erste Instant Messaging Kanal, über den Jugendliche sich austauschen — Hausaufgaben, Shoppingtipps, aber auch fiese Bilder und Mutproben-Videos. Es ist aber der Kanal der Stunde. Der Segen der sofortigen Kommunikation ist auch ihr Fluch: Wer immer gleich antworten will, keine Message verpassen darf, muss ständig am Draht sein. Die Nächte hindurch macht’s Ping im Kinderzimmer. Viele Eltern heben resigniert die Hände: Was soll man machen?

Nun, eine Menge. Sich informieren, zusammen mit den Kindern. Sich von ihnen erklären lassen, was daran für die Kids so wichtig ist. Und dann Regeln festlegen, wann das Ping stummgeschaltet wird — es ist ziemlich einfach. Auch die Jungen wissen es zu schätzen, wenn ihre Nerven mal geschont werden. Die Erwachsenen aber müssen den ersten Schritt machen — und auch das eigene Smartphone mal abschalten.

twolff@darmstaedter-echo.de


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