Wenn spielen zur Sucht wird …

14.10.2014 auf http://www.mittelhessen.de

INFOTAG Experten raten dazu, Kompetenz für neue Medien zu entwickeln

GLADENBACH Wer das Wort “Sucht” hört, denkt meist unweigerlich an Drogen oder Alkohol. Um ganz andere Abhängigkeiten ging es beim Gladenbacher Suchthilfetag: Neue Medien und Spielsucht.

Gerade für Kinder und Jugendliche stelle beides eine große Versuchung dar, betonte Bürgermeister Peter Kremer (parteilos) bei der Eröffnung. Sie nutzten das Internet ausgiebig und seien damit auch dessen Gefahren ausgesetzt. Deswegen waren vor allem die Klassen 5 bis 10 der Europaschule sowie die Jugendgruppen der Sportvereine in der Stadt zum Vortragsabend eingeladen — ohne großen Erfolg. Gerade einmal eine Handvoll Jugendliche interessierte sich für das Thema und lauschten zusammen mit rund 40 anderen Zuhörern den drei Referenten, die keineswegs nur mahnten.

Dieter Schmitz

Medienpädagoge Jan Rathje etwa appellierte an die Eltern, Verständnis für die veränderte Lebenswelt ihrer Kinder aufzubringen. Dazu gehöre es, neue Medien wie das Internet nicht von vornherein zu verteufeln, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen. In der Geschichte sei es schon immer so gewesen, dass neuen Technologien zunächst stets mit Ressentiments begegnet wurde, erklärte Rathje. Das sei beim Buch nicht anders gewesen als beim Fernseher oder jetzt eben beim Internet. Dass Eltern möglicherweise mit den Seh- und Spielgewohnheiten ihres Nachwuchses nichts anfangen können, liege auch daran, dass der “visuelle IQ”, also die Fähigkeit, optische Reize aufzunehmen und zu verarbeiten, in den vergangenen Jahrzehnten stetig gestiegen ist. Erwachsene hätten mitunter Schwierigkeiten, die Menge an Informationen aufzunehmen, die etwa in einem Computerspiel auf Kinder und Jugendliche einprassele.

Jan Rathje

Die Kinder kämen damit aber ganz gut zurecht, so Rathje. Er riet den Eltern stattdessen, mit den Kindern über die bewusste Nutzung zu reden und so eine entsprechende Kompetenz dafür zu entwickeln.

Dazu gehört etwa das Wissen, wie man sich gegen so genanntes Cybermobbing, also Beschimpfungen und Diffamierungen im Internet zur Wehr setzt, aber auch das Verständnis dafür, dass kein Sendeformat im Fernsehen ohne Drehbuch auskommt — auch nicht Sendungen wie “Deutschland sucht den Superstar” oder “Germanys Next Topmodel”.

Dem Thema Glücksspiele und Spielsucht widmete sich anschließend Dieter Schmitz, Fachberater beim Diakonischen Werk. Das Bewusstsein, dass auch Glücksspiele abhängig machen können, habe sich leider erst in den vergangenen Jahren richtig entwickelt, sagte Schmitz. Hessenweit gebe es jährlich bis zu 1600 Beratungsfälle von Spielsüchtigen. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind es deutlich über 100. Das Hauptalter der Betroffenen liege dabei zwischen 18 und 25 Jahren, sagte Schmitz, was deutlich mache, dass vor allem jüngere Menschen von dieser Suchtform betroffen seien. Denn obwohl Glücksspiel erst ab 18 Jahren erlaubt ist, belegten Untersuchungen, dass viele Jugendliche mehrmals im Monat an Glücksspielen teilnehmen.

Beim Spiel an Automaten verdienen die Kommunen auch mit

Das Internet trägt daran sicherlich eine Mitschuld, glaubt der Experte. Denn das weltweite Netz erlaube es der Glücksspielindustrie, ihren Wirkungskreis deutlich zu erhöhen und noch mehr potentielle Spieler zu erreichen. Der dadurch entstehende Schaden für die Betroffenen lasse sich durchaus in Zahlen ausdrücken, sagte Schmitz. So werden allein in Gladenbach im Laufe eines Jahres rund 1,4 Millionen Euro in Geldspielapparate investiert. Kreisweit seien es sogar 13 Millionen Euro.

Für die Kommunen ergebe sich dadurch eine Doppelmoral, wie Helmut Kretz, Leiter des diakonischen Werks, feststellte. Einerseits bemühten diese sich, Spielsucht einzudämmen, andererseits erzielten sie durch die Spielgerätesteuer erhebliche Einnahmen.

Als dritter Referent ging Sebastian Reinhard schließlich auf die Sucht nach Computerspielen ein. Diese sei auch deswegen so tückisch, weil die Spieler oftmals gar nicht merkten, dass etwas mit ihnen passiert. Sie tauchten in ihre Spielewelt ein, um den Alltag ein Stück weit hinter sich zu lassen und abschalten zu können. Dagegen sei grundsätzlich natürlich nichts einzuwenden, sagte Reinhard. Problematisch werde es allerdings, wenn die Spieler das reale Leben dadurch vernachlässigten. Dann müsse mit ihnen über ihr Verhalten geredet werden. Für die sportliche Einlage zwischen den Referaten gab es Speed Stacking einer Gruppe des TSV Bicken/Ballersbach. Diese zeigte, wie rasant sie kleine Türmchen aus Plastikbechern aufschichten und wieder abbauen können.

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