Sömmerda – Ein hoffnungsloser Fall

2014: Die Ausländerbehörde Sömmerda gerät unter massive Kritik, ausgelöst durch eine Reportage des ARD. Konsequenzen wurden nicht gezogen, im Gegenteil: Der Landrat Harald Henning (CDU) stellte sich hinter den Angestellten und den Leiter der Behörde. Was allerdings nicht gezeigt wurde: Jeder, ob Flüchtling oder Deutscher, wird so behandelt.

Maria M.
Maria M.
Sep 9, 2018 · 8 min read

Sömmerda. Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises mit knapp 19.000 Einwohnern. Der Marktplatz, trotz kosmetischer Maßnahmen, ist von leeren Immobilien und einigen überteuerten Läden umgeben. Manchmal hat man Glück der Musikschule beim Proben zuzuhören; Diese ist gleich gegenüber vom Rossmann. Auch nicht weit von hier befindet sich der Stadtpark – karg, verlassen und meistens sehr vermüllt. Giftköder werden hier regelmäßig ausgelegt; hier gibt es genug Hundehasser. Geht man weiter Richtung Krankenhaus, kann man erkennen, dass es dort nur eine sehr geringe Anzahl an Parkplätzen gibt: drei am Hintereingang und, je nachdem wie viele Leute zur Sparkasse, zur Polizei oder Ähnlichem müssen, meistens nur zwei und das auf der anderen Straßenseite. Auch der Bahnhof wird täglich zugeparkt. Die Stimmung ist überwiegend gedrückt; die Lustlosigkeit steht den meisten Sömmerdaern quasi ins Gesicht geschrieben.

Mir ist es peinlich zuzugeben, dass Sömmerda meine Geburtststadt ist. Das ist allerdings nicht erst seit 2014 der Fall; seit meiner Kindheit kann ich diese Stadt einfach nicht leiden. Mein Vater bezeichnete sie immer als „Drecksloch“ und damit hatte er nicht übertrieben. Seit ich nun mehr nach Sömmerda fahren muss, da die anderen Kleinstädte im direkten Umkreis kaputtgespart wurden, kann ich nur raten diese Stadt so gut wie es geht zu meiden, egal ob Ausländer oder Deutscher.

Und bitte denkt erst recht nicht darüber nach hier herzuziehen! Die meisten Behörden verrichten ihre Arbeit hier entweder nur halbherzig oder gar nicht.

Landratsamt I & Arbeitsamt

Zu Beginn und zum Ende meines Freiwilligen Ökologischen Jahres gab es nur grobe obligatorische Fehler seitens des Landratsamtes. Falsche Verträge wurden mir zugesandt, keine Teilnehmerurkunde (erst auf Anfrage), keine Beurteilung. Währenddessen gab es Streit zwischen meinem Träger – die GJS in Kölleda – und meiner Betreuerin – Leiterin des Grundschulhortes – um meine Rolle. Die Hortleiterin behandelte mich wie einen Erzieherazubi und mir wurde ein Projekt zugeteilt, was, dank der Umstände zu dieser Zeit, nicht machbar war. Nach ein paar Monaten wollte sie mich feuern; ich wäre „frei von Kindern“. Mein Träger stellte sich quer und meinte, dass das nicht in ihrer Hand liege. Zu meiner Verabschiedung – zwei Tage eher als geplant, da ich noch Resturlaub angesammelt hatte – hatte sie dann eine Stunde früher Feierabend gemacht. Dass die Situation zwischen mir und der Hortleiterin mehr als schlecht war, war sowohl meinem Träger als auch dem Landratsamt bekannt. Konsequenzen gab es keine.

Nach meinem FÖJ ging es dann zum Arbeitsamt, da ich keine passende Ausbildung für mich gefunden hatte. Fragt mal einen Erfurter, was der von Sömmerda hält; das Erste, worüber er meckern wird ist das Arbeitsamt. ALG I für den Übergangszeitraum zu beantragen war kein Problem, aber die Berufsberatung und Betreuung waren schrecklich! Dass die Deutsche POP, ohne Überprüfung, als Ausbildungsstätte anerkannt wurde und ich somit aus der Statistik rausgefallen bin, schockiert mich heute noch. Auf meine Wünsche während des Beratungsgespräches nach meiner Kündigung wurde kaum eingegangen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich bereits, dass ich in meinem Umkreis keine passende Ausbildung finden werde und ich mich somit nach einer Ausbildung im Ausland (Österreich) erkundigen wollte. Dies wurde mir sofort ausgeredet; ich solle lieber ein Fachabitur mit Fokus auf Grafikdesign an einer Schule in Weimar ablegen „obwohl es heutzutage von Fachhochschulen belächelt wird und Leute von der Uni sowieso bevorzugt werden“. Die Anmeldefrist war zu diesem Zeitpunkt bereits abgelaufen, trotzdem sollte ich es versuchen.

Natürlich ist das noch harmlos im Vergleich zu der Situation von meiner Mutter. Teilweise wurde sie behandelt wie ein Mensch zweiter Klasse. Ihre Betreuerin ging noch weniger auf ihre Wünsche ein und log ihr sogar direkt ins Gesicht! Im Foyer hing eine Anzeige des Schloss Beichlingens, die Minijobber suchten. Die Betreuerin war der festen Ansicht, dass das Arbeitsamt keine Minijobs anbieten würde und zwängte meine Mutter beinahe in einen Job, der am anderen Ende des Bundeslandes war und zu diesem Zeitpunkt weit unter dem Mindestlohn lag. Um ihre Witwenrente nicht zu verlieren, lehnte sie das Angebot ab und meldete sich nie wieder dort.

Der Erfurter würde jetzt bestimmt sagen, dass alle Leute, die dort arbeiten, sich in ihren Büros einschließen und Arbeitssuchende ohne jeglichen Grund warten lassen. Das stimmt auch. Die Angestellten laufen mit ihrem Schlüsselbund durch die Gänge, meistens Richtung Toilette oder Aufenthaltsraum, um sich einen Kaffee zu holen. Danach geht es wieder in ihre Büros, wo sie sich teilweise mehrere Stunden darin befinden. Ohne Jemanden aufzurufen.


Landratsamt II

Dies gibt es allerdings nicht nur dort; die KFZ-Zulassungsstelle ist genauso schlimm. Es fängt schon bei den kurzen Öffnungszeiten an und hört beim Personal auf.

Bild: Martin Geißler

Durch die kurzen Öffnungszeiten staut es sich jeden Tag gewaltig in den Fluren des Amtes. Erst letztes Jahr wollte ich mein Auto neu anmelden – denn auch so funktioniert ein Wechsel der KFZ-Versicherung – und saß von um 9 bis halb 12 mit duzend anderen Personen, die ihr Auto/Anhänger anmelden/ummelden oder ihren Führerschein abholen wollten. Eine knappe Stunde lang wurde keine einzige Person aufgerufen oder Nummern, die gar keiner hatte. Als ich endlich an der Reihe war, wurde ich von hochmotivierten Mitarbeitern begrüßt. Hochmotiviert bedeutet hier: genervt, am Lästern mit den Kollegen, kein Blickkontakt, das Wappen wird nur halbherzig draufgeklebt, ein kurzes „tschüss“. Wenigstens war die Dame am Schalter besser gelaunt. Blöd nur, dass sie am Ende zwei Versicherungen benarichtigt hat und ich somit für zwei Versicherungen zahlen sollte. Die Allianz zeigte sich kulant und nahm alle Forderungen zurück als herauskam, dass die Zulassungsstelle zwei verschiedene Versicherungen angegeben hat. Meine derzeitige Versicherungen zeigte sich verärgert über den Vorfall, denn das war mehr als ein grober Fehler.

Und ich bin nicht die Einzige, die Probleme mit dem Landratsamt II hatte.


DRK-Krankenhaus

Wer glaubt, es könnte nicht schlimmer werden, irrt sich gewaltig. Mein Vater wurde nach seinem Führerscheinentzug zum Pflegefall. Als seine Beschwerden immer schlimmer wurden, ließ meine Mutter ihn ins Krankenhaus fahren. Diagnose: Ein Geschwür am Darm. Die OP verlief zunächst erfolgreich… bis dann herauskam, dass er sich einen Darmkeim eingefangen hatte und somit nach seinem Aufenthalt auf der Intensivstation alleine auf einem Zimmer, abgeschottet und nur von Besuchern in Schutzkleidung besucht werden darf, verlegt wurde. Nur zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendessen schaute eine Schwester einmal vorbei.

Zur Reha ging es dann in das Krankenhaus in Sondershausen, wo er sich schnell wieder erholte. Er hatte einen Zimmergenossen und Schutzkleidung wurde auch nicht benötigt. Wieder zu Hause kamen nicht nur die alten Beschwerden wieder, sondern auch Neue. Der Bereitschaftsdienst wurde gerufen. Wieder im Krankenaus Sömmerda durfte mein Vater eine ganze Nacht in der zugigen Notaufnahme schlafen. Als er nach einem Glas Wasser fragte, wurde er nur pampig angemacht. Am nächsten Tag wurde er wieder in ein abgeschottetes Zimmer verlegt und als meine Mutter mit einer Schwester der jeweiligen Station reden wollte, kam nur eine Antwort: „Das ist kein Pflegeheim hier!“

Zu dieser Zeit wurde auch ein zweiter Keim entdeckt, in seiner Nase.

Sein vorletzter Aufenthalt war im Helios-Klinikum Erfurt. Kardiologie I. Nun kamen auch Probleme mit seinem Herzen dazu. Seine Tabletteneinnahme wurde um ganze 90 Prozent gesenkt! „Die in Sömmerda hab‘n doch‘n Vogel“, wurde uns gesagt. In Sömmerda bekam er täglich mindestens zehn, manchmal sogar mehr, Tabletten – in Erfurt nur zwei.

Und dieser eine Satz von ihm ein paar Stunden vor seinem Tod jagen mir heute noch Alpträume ein: „Schickt mich ja nicht wieder nach Sömmerda!“

Mit Anzeichen eines Herzinfarktes wurde er vom Krankenwagen, gegen seinen Willen, nach Sömmerda gebracht. Wir besuchten ihn kurz nach neun. Er war gut gelaunt und erzählte uns, wie er die Schwestern ärgern möchte. Gelacht wurde viel. 12:10 Uhr kam dann der erschreckende Anruf. Herzinfarkt. Die Wiederbelebungsversuche wurden schnell aufgegeben. Er war angeblich auf dem Weg zur Toilette und ist davor zusammengebrochen. Da er keinen Zimmergenossen hatte, hatte er keine Chance sofort Hilfe zu bekommen. Die Schwestern, die sonst immer durch die Gänge stürmten, waren wie vom Erboden verschluckt worden.

Mein Vater wusste, was passieren wird. Und wir sind nicht allein mit unserem Schicksal.


Zu guter Letzt: Polizeiinspektion

Wer mit meiner derzeitigen Situation vertraut ist, wird ahnen, warum ich dorthin musste. Mein Stalker hatte mir gedroht mir das Leben zur Hölle machen zu wollen und da ich in einem Jahr nun genug Beweise hatte und nun auch endlich die Rechte für Stalkingopfer gestärkt wurden, wollte ich Anzeige erstatten. Und wurde die ganze Zeit missverstanden.

Schon bei der Aufnahme hatte ich ein schechtes Gefühl im Bauch. Die junge Dame am Schalter hörte mir kaum zu und das, was sie abgetippt hatte, war voller Rechtschreib- und Grammatikfehler. Die PI leitete dann diese Schande weiter an die KPI Erfurt, wo ich erst einmal erklären musste, dass die Hackerangriffe auf meine Social Media – Konten & Weitergabe meiner persönlichen Daten an Dritte nicht mein größtes Problem waren, sondern eine ehemalige Freundin, ihr Verlobter und ihr bester Freund, die mir jeden Tag entweder Beleidigungen, sexuelle Anspielungen oder borderline psychopatische Nachrichten („der Mensch, den du am meisten hasst, wird Teil deiner Familie“) schicken. Leider wurde dieser Fehler zu spät korrigiert und meine Anzeige wurde nicht weiter verfolgt.

Die Anzeige wurde Ende August 2017 gestellt; bis die Ermittlungen allerdings erst aufgenommen wurde, verstrichen einige Monate. Die Anzeige von ihr wegen Beleidigung trudelte hingegen schon nach knapp zwei Wochen nach Anstragstellung in meinen Briefkasten. Diese wurde zwar auch eingestellt – es ist eine Bagatelle – und ich musste nichts befürchten, trotzdem war ich maßlos enttäuscht von der PI Sömmerda. Auch als ich nachts von zwei Autos verfolgt wurde – die Fahrer waren unter Drogen und schmissen Chinaknaller aus ihren Fenstern – und die Polizei rief, kam erst nach 30 Minuten eine Streife vorbei und wurde von den Polizisten nur belächelt. Mir war zwar nichts passiert und die Typen waren sofort abgehauen als ich mein Handy zückte, aber dennoch habe ich Angst, weil es hier inzwischen Alltag geworden ist und die Reaktion der Polizisten mir das Gefühl geben, dass ich im Ernstfall nicht auf die Hilfe der PI zählen kann.


Zusammengefasst ist Sömmerda eine Stadt, die sich von der Wende und ihren negativen Folgen nie richtig erhohlt hat. Mit dem Untergang der DDR verloren viele Menschen ihre Arbeit: Betriebe wurden geschlossen, einige Ausbildungsabschlüsse wurden nicht mehr anerkannt, nur wenige Kulturgüter überlebten den Wandel, auch heute nimmt die Anzahl der Einwohner in den östlichen Bundesländern ab und das Durchschnittseinkommen liegt noch immer unter dem bundesweiten Durchnitt. Thüringen hatte sich jahrelang als Billiglohnland an Logistikunternehmen verkauft und bietet somit nicht für alle Individuen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt an. Mit der Globalisierung wird dieses Problem gerade hier verschärft; die Kleinunternehmen, die hier die Städte geprägt haben, sterben aus. Da der Osten nicht nur den Nationalsozialismus, sondern auch eine realsozialistische Diktatur, die den Kommunismus propagierte, durchleben musste, ist gerade hier die Skepsis gegebüber Medien und Politik am Größten.

Eine gebürtige Sömmerdaerin meint, dass wir überhaupt nicht stolz auf diese Stadt sein sollten. Die schlechten Seiten des Kapitalismus und des Sozialismus tragen hier nun ihre Früchte in voller Pracht. Sowohl die Politik, als auch die Menschen in Sömmerda, haben versagt.

Maria M.

Written by

Maria M.

East German history, state/political & social philosophy. Autodidact. [ GER | EN ]

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