Arbeiten im Café — so Klischee…

Mein persönliches „Arbeiten 4.0“

Während der Recherchen zu diesem Beitrag im UPLOAD-Magazin über das Schlagwort „Arbeiten 4.0“ ist mir aufgefallen, dass ich den beschriebenen Wandel genutzt habe, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein.

Gut zehn Jahre ist es beispielsweise her, dass ich meine damalige Chefin fragte, ob ich denn auch halbtags arbeiten könne. Weil es organisatorisch gut passte, war sie einverstanden. Natürlich verzichtete ich auf Einnahmen, allerdings wirkte sich das netto viel weniger aus als man denken könnte. Zudem hatte ich mir natürlich vorher ausgerechnet, was ich monatlich bräuchte, um meine Grundversorgung zu sichern. Was ich gewann, war jeden Menge Freiheit.

So manchen in meinem Umfeld irritierte meine Entscheidung allerdings dennoch. Schließlich gilt es in der deutschen Gesellschaft heute noch immer als Norm (und somit als erstrebenswert), eine Festanstellung in Vollzeit zu bekommen. Die Verwirrung steigerte sich noch, wenn ich auf die Frage nach meinen Plänen wahrheitsgemäß antwortete: „Ich weiß noch nicht, was ich mit der Zeit anstellen werde. Das werde ich dann schon sehen.“

Naiv oder einfach planlos? Das dachte sich wahrscheinlich so mancher im Stillen. Ich für mich aber wusste: Ich hatte genug Dinge im Hinterkopf, die ich endlich einmal machen oder lernen wollte. Zugleich wollte ich meine neu gewonnene Zeit aber nicht gleich komplett verplanen. Und was soll ich sagen: Es folgte einer meiner produktivsten Lebensabschnitte. Ich startete ein neues Webprojekt, brachte mir bei, mit HTML, CSS, PHP und MySQL meine eigenen Ideen online umzusetzen, gab Bücher und E-Books heraus, stieg in WordPress ein und vieles mehr. Nebenher arbeitete ich dann und wann als freier Journalist, um etwas dazuzuverdienen.

Letztlich profitiere ich heute noch davon, was ich damals gelernt habe. Und es hat dazu geführt, dass ich immer wieder zu diesem dualen Modell tendiere: ein Hauptjob, der mir meine monatliche Miete und meine Einkäufe absichert und ergänzend sowohl Zusatzverdienste als auch Nebenprojekte, um etwas Neues auszuprobieren.

Nur deshalb gibt es beispielsweise das UPLOAD Magazin, das ich Ende 2006 gestartet habe. Nur dadurch konnte ich es gemeinsam mit Falk Hedemann und Sebastian Schürmanns im Sommer 2013 neu starten.

Zugegeben: Mein kinderloses Lebensmodell kann man nicht verallgemeinern. Das will ich auch gar nicht behaupten. Wer nicht nur für sich allein verantwortlich ist, sondern zugleich für andere, wird wohl mehr auf Sicherheit bedacht sein. Das kann ich bestens verstehen, denn ich gehe selbst nur überschaubare Risiken ein. Deshalb habe ich eben nicht meinen Job gekündigt, um etwas Neues anzufangen. Ich habe mir ein bisschen mehr Freiheit gegönnt, dafür auf etwas anderes verzichtet, aber am Ende viel gewonnen.

Mit „Arbeiten 4.0“ hat das alles insofern zu tun, als dass die Digitalisierung meines Berufs des Journalisten mir das alles stark erleichtert hat. Dadurch konnte ich beispielsweise sowohl Digitalnomade sein als auch Leitender Redakteur (in Teilzeit übrigens). Ich kann inzwischen von jedem Ort der Welt aus arbeiten, sofern es dort eine Internetverbindung gibt. Strom ist auch noch vorteilhaft. Das war’s im Wesentlichen. Und nicht nur meine Arbeit kann ich darüber erfüllen, sondern mich auch organisieren und kommunizieren.

Der Medienwandel hat in den letzten Jahren viele Jobs im Journalismus gekostet. Er hat aber auch neue Chancen eröffnet. So jedenfalls ist das aus meiner ganz persönlichen Sicht.

Heißt das nun, dass man es mir nachmachen sollte? Nein, ganz sicher nicht. Wie erwähnt befinde ich mich in einer sehr besonderen Situation. Das gebe ich zu. Andererseits glaube ich, dass viele Menschen sehr viel mehr aus sich und ihrem Leben machen könnten, wenn sie sich das nur trauen würden. Es muss nicht immer der radikale Wandel sein. Kleine Schritte reichen. Und für die gibt es mehr als genug Platz: Wir alle verschwenden jeden Tag Zeit mit Dingen, die uns nicht voranbringen, nicht hilfreich sind und an die wir uns schon bald kaum noch erinnern können.

Es ist beispielsweise verführerisch, eine TV-Serie nach der anderen zu schauen, sich mit Spielen abzulenken oder sein Leben auf Facebook zu verbringen. Ich weiß, wovon ich spreche. Und ich würde auf nichts davon ganz verzichten wollen. Aber es gibt für alles ein gesundes Maß. Deshalb bin ich fest überzeugt: Jeder hat die Möglichkeit, sein Leben in die Hand zu nehmen — „Arbeiten 4.0“ hin oder her. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Tipp zum Weiterlesen: In einem Artikel nehme ich das Schlagwort „Arbeiten 4.0“ genauer unter die Lupe. Der Beitrag ist Teil des UPLOAD Magazin 31 mit dem Schwerpunkt „Digitale Transformation“. Wer keinen UPLOAD-Artikel verpassen will, sollte den Newsletter bestellen.