Niemand liest mehr E-Books! Ein Blick hinter die Schlagzeile

Foto: James Sutton, Unsplash.com

Angeblich sind E-Books auf dem absteigenden Ast, wenn man den entsprechenden Überschriften von Medien wie CNN oder Forbes glaubt (was ich nicht tue und das zu Recht, wie sich gleich zeigen wird).

Die berichten so:

Überschrift von forbes.com

Oder auch klickstärker:

Überschrit von money.cnn.com

„Echte Bücher“ erleben also ein Comeback? Ich wollte es genauer wissen, denn mich als Digitalpublisher betrifft das schließlich sehr direkt. Sofern Menschen plötzlich keine E-Books mehr mögen und ihre Buchstaben wieder auf Papier lesen wollen, würde ich das natürlich wissen wollen.

Ich habe ungefähr 10 Minuten „Recherche“ aufgewendet und bin zu folgenden Ergebnissen gekommen:

  1. Die Zahlen beziehen sich nur auf die Mitglieder der beiden Verleger-Verbände in den USA und Großbritannien. Im E-Book-Markt sind aber enorm viele Selfpublisher und Kleinverleger aktiv, die teils erstaunlich erfolgreich sind und den alteingesessenen Verlegern die Butter vom Brot nehmen. Nirgendwo wird einmal deutlich gemacht, welchen Anteil am Gesamtmarkt diese Verbände überhaupt repräsentieren. Vielleicht ist die Story also in Wirklichkeit, dass die klassischen Verlage bei E-Books abstinken, weil Einzelpersonen und Miniverlage so erfolgreich sind? Wäre gut möglich.
  2. Aber selbst wenn nicht, sind die Überschriften so wie oben dargestellt leider Unsinn. Die Zahlen geben es nicht her. Schaut man sich bspw. einmal die zu Grunde liegende Pressemitteilung des britischen Verlegerverbandes an, sieht man ein anderes Bild. Zitat: „Overall digital sales increased by 6% to £1.7bn and account for 35% of total revenues.“ Digital-Verkäufe haben also um 6% zugelegt. Das umfasst alle digitalen Medien wie zum Beispiel Hörbücher. Aber selbst wenn man sich nur E-Books anschaut, sieht man keine 20% Minus: Genau -3% sind es laut der oben verlinkten Pressemitteilung. Akademische E-Books und digitale Fachbücher haben dagegen um 6% zugelegt. Allein der „consumer eBook market“ ist um 17% zurückgegangen. Aha. Daher also die „fast 20%“. Das ist aber nur ein Ausschnitt des Gesamtmarktes.
  3. Überhaupt nirgends genannt werden außerdem E-Book-Flatrates wie Kindle Unlimited. Vor allem die schon genannten Selfpublisher und Kleinverlage sind hier aktiv. Wie wirkt sich das auf den Gesamtmarkt aus?

Generell konkurrieren Bücher heute natürlich um unsere Aufmerksamkeit. Im Publikumsbereich gibt es, unabhängig vom Trägermedium, rückläufige Zahlen. Warum der „consumer eBook market“ so besonders stark betroffen ist, wird leider nicht hinterfragt. Ich finde es sehr auffällig, dass der UK-Verlegerverband keine Erklärung dazu liefert.

Fazit

Wie so oft bleibt von den schmissigen Überschriften wenig übrig, wenn man genauer hinschaut — oder wie hier im Fall von CNN Money auch gar nichts.

Anhand der vorliegenden Fakten müssten die Überschriften ungefähr so lauten:

Einige alteingesessene Verlage, die in Verbänden organisiert sind, melden in einem bestimmten Bereich des Marktes rückläufige Zahlen für E-Books, während digitale Angebote insgesamt aber wachsen und es auch gut sein kann, dass der Gesamtmarkt wächst, aber das wissen wir nicht genau, denn wir haben nichts recherchiert, sondern uns nur auf die Schnelle eine News aus dem Ärmel geschüttelt, aufgebauscht und mit einer klickstarken Überschrift auf die Website genagelt. Danach haben wir uns einen Kaffee geholt, einmal leise geseufzt und die nächste unrecherchierte Story in die Tasten gehauen.

Es kann gut sein, dass hier irgendwo in den Zahlen eine interessante Story steckt. Aber dazu müsste man recherchieren und zum Beispiel einmal mit ein paar Leuten sprechen. Gute, alte journalistische Werkzeuge, die selbst bei großen Medien wie CNN und Forbes in Vergessenheit geraten sind, wie es scheint.

Dabei will ich übrigens nicht die Kollegen in die Pfanne hauen, die diese News geschrieben haben. Ich weiß bestens aus eigener Erfahrung, wie so ein Unsinn entsteht. Die Verantwortung für so etwas liegt aus meiner Sicht vielmehr bei Chefredaktion und Geschäftsführung, die „journalistische Integrität“ offenbar nicht als KPI ansehen.