Wie Falschmeldungen im Netz entstehen

…und wie wir dafür sorgen können, dass sie weniger werden.


Zusammenfassung für eilige Leser.

Die wichtigsten Gründe für Falschmeldungen und sensationsheischende Überschriften:

  • Zu wenig Sachkenntnis und Vorwissen beim Blogger oder Journalisten über das Thema.
  • Zu wenig Zeit, um das Thema selbst zu recherchieren und bspw. die Originalquelle anzuschauen.
  • Hoher Erfolgsdruck von Seiten der Redaktion oder des Verlags, weil die Klickzahlen maximiert werden müssen.

Das derzeit favorisierte Modell der Refinanzierung von Onlinemedien fördert diese Probleme, weil es allein auf die Abrufzahlen schaut. Es braucht Nachfolger, dazu einige Vorschläge:

  • Langfristiges Sponsoring zum Fixpreis.
  • Bezahlmodell für Werbung, das u.a. mit einbezieht, wie intensiv sich die Leser mit den Inhalten auseinandersetzen.
  • Intelligente Lösungen für bezahlte Inhalte und Services.

Wir erleben es immer wieder: Einzelne Schlagzeilen oder ganze Meldungen, die entweder komplett falsch sind, in hohem Maße unzutreffend oder irreführend. Ein Beispiel aus meinem Bereich der Tech-Berichterstattung aus der letzten Zeit: „Microsoft beerdigt den Internet Explorer“.

Sascha Pallenberg hatte vor einigen Tagen darüber geschrieben. Er hat darin einige Beispiele versammelt und lobenswerterweise dabei das eigene Projekt Mobile Geeks nicht ausgelassen:

Zum Hintergrund: Microsoft entwickelt unter dem Codenamen „Project Spartan“ einen neuen Browser für Windows. Das ist alles andere als neu: Bereits vor zwei Monaten wurde das bekannt gegeben, wie man z.B. hier bei Ars Technica nachlesen kann. Darin ist ebenfalls zu lesen, dass dieser Browser letztlich den Internet Explorer ablösen wird. Dabei wird der IE schon aus Gründen der Kompatibilität zunächst an Bord bleiben. Er wird für den Normalnutzer allerdings nicht mehr prominent in Erscheinung treten.

Die Überschriften oben sind somit in zweierlei Hinsicht misslungen:

  1. Die angebliche Neuigkeit ist im Kern gar keine.
  2. Sie sind in ihren Formulierungen ungenau bis falsch.

Woher kommen mit zwei Monaten Verspätung alle diese Überschriften? Sie beruhen offenbar auf einer wesentlich weniger spektakulären Neuigkeit: Die Browsermarke „Internet Explorer“ hat einen schlechten Ruf und Microsoft gibt sie vermutlich zugunsten eines neuen Namens auf. Dass es solche Überlegungen gibt, war bspw. bereits im August letzten Jahres bekannt geworden. Nun berichtete u.a. The Verge, dass Microsoft aktiv nach einem neuen Namen sucht und dabei verschiedene Möglichkeiten testet. Das hat Marketingchef Chris Capossela erklärt. The Verge illustriert das wie folgt:

Quelle: The Verge

Wie man sieht: Es ergibt für Microsoft wohl nicht viel Sinn, an der alten Marke festzuhalten. Aber der Internet Explorer selbst wird deshalb nicht von heute auf morgen eingestellt.

Auslöser für Falschmeldungen

Es gibt sicherlich viele Gründe, wie Falschmeldungen oder eben auch ungenaue und irreführende Überschriften zustande kommen. Hier einige davon:

  1. Der betreffende Journalist oder Blogger missversteht die Quelle, auf der sein Bericht basiert. Das passiert bspw. sehr leicht unter Zeitdruck oder wenn man sich mit dem Thema eigentlich nicht auskennt — im schlimmsten Fall trifft beides zu.
  2. Der Schreibende macht sich nicht die Mühe oder hat nicht die Zeit, die Originalquelle einer Information zu suchen und selbst nachzuprüfen, inwiefern eine Meldung stimmt. Stattdessen wird der Einfachheit halber von jemandem abgeschrieben, der das bereits aufbereitet hat (und hoffentlich ordentlicher arbeitet als man selbst).
  3. Man steht unter Erfolgsdruck durch Klicks und Shares im Web— ein harter Verdrängungswettkampf, der immer wieder aufs Neue beginnt. Eine sensationelle Meldung verbreitet sich natürlich besser als eine langweilige. Insofern gehört das „Zuspitzen“ von Themen und Schlagzeilen für viele zum Alltag. Dabei ist es außerdem wichtig, schnell zu sein. Insofern: Haben die Konkurrenten ein Thema bereits aufgegriffen, sieht man sich selbst in Zugzwang mitzugehen und idealerweise noch eine Schippe draufzulegen. Manchmal wird eine Überschrift auch erst beim Redigieren z.B. durch den Redaktionsleiter geändert. Daraus entstehen dann bisweilen Schlagzeilen, die mit den tatsächlichen Fakten und manchmal auch dem Artikel wenig bis gar nichts zu tun haben.

Verzerrte Wirklichkeit

Solche Beispiele wie oben zum Internet Explorer begegnen mir jedenfalls in der Tech-Berichterstattung jeden Tag. Und auch wenn der Online-Journalismus weder die Falschmeldung noch die Sensationsgier erfunden hat, gibt es im Netz doch zu viel davon.

Eine Ursache aus meiner Sicht: Zu viele Verlage und Website-Betreiber setzen allein auf Werbung für die Refinanzierung ihrer Angebote. Bei diesem Modell zählen nur die Abrufzahlen. Ein Klick auf ein Katzenfoto hat dabei für den Betreiber prinzipiell den gleichen Wert wie ein Klick auf eine aufwändig recherchierte und geschriebene Reportage. Und eine „griffige“ Überschrift führt zu mehr Klicks als eine sachliche, auch wenn damit die Grenze zur Irreführung immer wieder überschritten wird. Schnelligkeit ist ebenfalls bares Geld wert.

Ein weiteres Problem damit: An sich irrelevante Themen und Meldungen werden bevorzugt, wenn sie mehr Klicks versprechen.

The Verge titelte im Beispiel oben: „Microsoft is killing off the Internet Explorer brand“. Das ist zwar immerhin dicht an den tatsächlich vorliegenden Fakten, aber auch sehr plakativ und spekulativ. „Microsoft is testing names for its new browser“ wäre dichter dran, allerdings ganz schön langweilig. Wer will das schon wissen?

Man merkt also, wenn man genauer hinschaut: Die eigentliche Meldung ist nur begrenzt interessant und genau genommen unwichtig. Aber auf dem Internet Explorer herumzuhacken bringt zuverlässig Klicks. Also wird die nebensächliche Information über den neuen Browsernamen „zugespitzt“ anstatt die Zeit der Redaktion auf ein wichtigeres Thema zu verwenden. Andere schreiben in der Folge ab und machen es noch ein bisschen sensationeller. Dieses Spiel wiederholt sich einige Male und bald darauf wird aus „Microsoft testet Namen für neuen Browser“ plötzlich „Microsoft stellt Internet Explorer ein“.

Sensation ist wichtiger als Wahrheit

Wenn jeder Klick Geld bringt, gewinnt man als Betreiber nun einmal nicht dadurch, dass man seine Leser besonders gut informiert, sondern allein dadurch, dass man sie auf die eigene Seite lockt. Entsprechend ändern sich wie erläutert die Prioritäten bei der Themenauswahl, beim Schreiben und bei der Überschriftenfindung. Prominente Namen sind dann wichtiger als der eigentliche Nachrichtenwert. Sensationen sind wichtiger als die Wahrheit. Schnelligkeit ist wichtiger als Genauigkeit.

Hinzu kommt, dass so manche Newswebsite und so manches Blog vor allem die Zahl der Meldung maximieren will und die Kosten pro Inhalt möglichst niedrig halten muss. Die Redakteure und Blogger schreiben somit unter verschärftem Zeitdruck und haben vom eigentlichen Thema eventuell nicht einmal wirklich Ahnung. Aber wenn sie eine „spannende News“ woanders sehen, reagieren sie natürlich darauf oder werden vom Vorgesetzten schlichtweg dazu verdonnert.

Sich in das Thema einzulesen und die Informationen anhand der Originalquelle zu überprüfen ist dann Zeitverschwendung und vom Arbeitgeber im Zweifel gar nicht gewollt — das könnte schließlich dazu führen, dass man die lukrative Sensationsmeldung der Konkurrenz überlässt und selbst leer ausgeht. Also machen alle fleißig mit und versuchen sich noch gegenseitig zu übertrumpfen.

Korrigieren könne man ja hinterher immer noch, ist eines der oft gehörten Argumente. Mit der Sorgfaltspflicht des Journalisten hat das allerdings nichts mehr zu tun. Und jeder weiß doch: Die sensationelle Falschmeldung verbreitet sich oftmals schneller und weiter als die Korrektur. Manche dieser Nachrichten-Enten sind gar so hartnäckig, dass sie in regelmäßigen Abständen wieder auftauchen.

Zeit für mehr „gelassene Medien“

Ich bin sicher nicht der einzige, der sich mehr „gelassene Medien“ wünscht, die mich als Leser ernst nehmen und die klassischen Ideale des Journalismus wieder in den Vordergrund stellen. Ich glaube, gerade wegen all des sensationsheischenden Geschreis im Netz und in anderen Medien gibt es dafür eine erhebliche Marktlücke — für Technews, aber auch Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und viele andere Bereiche.

Dafür braucht es natürlich neue Wege der Refinanzierung. Einige Ideen und Gedanken dazu:

Solche Angebote könnten sich dann beispielsweise (auch) über langfristige Sponsoren finanzieren, die einen monatlichen Fixpreis bezahlen. Diese erscheinen dann in einem hochwertigen Umfeld mit einer garantierten Sichtbarkeit.

Die Zeit ist zudem hoffentlich bald reif, die Ad-Impressions als wichtigste Maßzahl in der Online-Werbung abzulösen. Als Werbetreibender sollte es doch wichtig sein, auch das Umfeld einzubeziehen, in dem man zu sehen ist. Wie lange beschäftigen sich die Leser eigentlich mit der Seite, auf der meine Werbung erscheint? Wie viele andere Werbemittel sind zu sehen? Weitere Frage, die zu selten gestellt wird: Wie kann ich Werbung so gestalten, dass sie am Ende sogar einen Mehrwert für die Nutzer hat? Mögliche Folge aus all diesen Überlegungen: Qualität wird wichtiger als Quantität.

Aber Sponsoren und intelligentere Formen der Werbung können nicht alles sein. Ich denke, solche „gelassenen“ Angebote werden sich darüber hinaus über die Nutzer refinanzieren, die fürs regelmäßige Lesen oder für besondere Inhalte und Angebote einen angemessenen Beitrag bezahlen. Im Gegenzug wissen diese Nutzer dann, dass man nicht ständig versucht, sie mit sensationellen Überschriften hereinzulegen. Sie hätten eine verlässliche Informationsquelle. Ist das nicht etwas wert? Ich denke schon.

Auf diesen Arten werden wir Falschmeldungen und Sensationsgier nicht abschaffen. Aber es wird sich hoffentlich ein stärkeres Gegengewicht dazu entwickeln. Dazu braucht es am Ende natürlich ebenfalls Verlage, Redaktionen und Blogger, die diesen Weg bewusst gehen und den täglichen Wettstreit um die aufregendste Überschrift nicht mehr mitmachen.

P.S.: Ja, auch ich habe schon Fehler gemacht, in einer Schlagzeile übertrieben, eine Falschmeldung verbreitet oder gar selbst produziert — und das nicht nur im Netz, sondern auch auf bedrucktem Papier. Dieser Artikel soll niemanden anschuldigen und anklagen. Vielmehr sind meine eigenen Erfahrungen ein starker Antrieb, um es gemeinsam mit Falk Hedemann und Sebastian Schürmanns beim UPLOAD Magazin anders zu machen. Paid Content plus Exklusivsponsor ist hier das Modell, von dem wir auch nicht abrücken werden.


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