Themendynamik in der Internetöffentlichkeit

Wie hat sich das Internet in den letzten zwei Jahrzehnten verändert? 
Prof. Dr. Christoph Neuberger gab in seinem Hangout Ende November Einblicke. Dieser Text soll beschäftigt sich mit den sogenannten “Verheißungen des Internets” — und, ob diese auch halten, was sie versprechen.

Am 25. Oktober 1995 ging in Deutschland die erste journalistische Website (Spiegel Online) online. Seither hat sich viel getan; traditionelle Massenmedien (z.B. TV) wurden durch das Internet in den Hintergrund verdrängt. Kein Wunder: Wird das Internet doch allein in Österreich von 80,6 Prozent der Bevölkerung genutzt. Ein wenig mehr sind es in den Nachbarländern Deutschland (84,0%) und Schweiz (86,7%).

Das begeisterte Surfen im World Wide Web bringt aber nicht nur verstärkte Kurzsichtigkeit mit sich (beinahe jeder zweite 25–29-jährige Europäer ist mittlerweile kurzsichtig). Viel versprechen auch die “Verheißungen des Internets”. Hier stellt sich die Frage, inwieweit das Internet folgende Punkte erfüllen kann:
- mehr Freiheit
- weniger Ungleichheit
- mehr Vielfalt
- stärkere Vernetzung
- bessere Verständigung
- höhere Qualität der Informationen

Für jeden dieser Punkte gibt es befürwortende Argumente, aber auch Gegenthesen. Diese seien folgend zusammengefasst und kommentiert:

@ Freiheit
These
: Das Internet ermöglicht den Usern mehr Freiheit gegenüber dem Staat und Unternehmen ( → z.B. Einsatz von Social-Media-Diensten wie Twitter im “Arabischen Frühling”)
Gegenthese: Im gleichen Maße bestehen Freiheitsbeschränkungen seitens Staaten und Unternehmen. ( → z.B. NSA-Spionage-Skandal, der durch Edward Snowden aufgedeckt wurde oder die Informationskontrolle durch die chinesische Regierung, …)
Kommentar: “Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren”, sagte einst schon Benjamin Franklin. Beschränkungen dieser Freiheit führen zu Unsicherheit und Misstrauen in der Bevölkerung sowie den Versuchen, Restriktionen auf unterschiedliche Art und Weise zu umgehen. Entsprechend kritisch sind vorherrschende Freiheitsbeschränkungen zu betrachten; die erst aufgebrachte These wäre ein Wunschdenken. Natürlich muss aber auch hier aufgepasst werden — nicht jedes Gedankengut sollte ungefiltert oder überhaupt verbreitet werden (z.B. im Bezug auf den Nationalsozialismus).

@ Weniger Ungleichheit
These
: Das Internet verringert soziale Ungleichheit ( → besserer Zugang zu Wissen & mehr Mitsprachemöglichkeiten)
Gegenthese: Das Internet stabilisiert oder vergrößert soziale Ungleichheit (ungleiche Rezeption, Partizipation und Aufmerksamkeitsverteilung sowie möglicher Einfluss auf öffentliche Meinungsbildung).
Kommentar: Es ist nunmal leider so, dass auf dieser Welt nicht jeder mit denselben Rechten geboren wird. Wer keinen Internetzugang besitzt, dem wird dadurch auch der Zugang zu einer völlig neuen Welt (der virtuellen) verschlossen bleiben. Auf der anderen Seite erhalten aber natürlich jene Menschen, die aufgrund ihres Status, ihrer Lokalität etc. einen Internetzugang besitzen, diesen aber aufgrund von Beeinträchtigungen (z.B. körperlicher Natur) nicht nutzen können/konnten, verstärkt Möglichkeiten, diese Welt zu betreten ( → “Accessibility”).

@ Mehr Vielfalt
These
: Im Internet erhöht sich die Vielfalt durch den leichteren Zugang, mehr Binnenvielfalt sowie räumliche und zeitliche Expansion.
Gegenthese: Das Internet reduziert die Vielfalt durch das geringe Interesse selbst an politischer Kommunikation zu partizipieren, Ko-Orientieriung, crossmediale Verbreitung und geringe Nutzungsvielfalt)
Kommentar: Hier gibt es das Problem, dass zwar allen Menschen die Möglichkeit geboten wird, im Internet zu kommunizieren, Informationen zu verbreiten, zu kommentieren etc., aber meist nur einige wenige hier einen (zu) großen Beitrag leisten. Dieser kann natürlich von positiver Natur, oftmals aber auch von negativer sein. Vor allem beim Teilen politischer Ansichten fällt dieser Gap auf. Hier wird aus dem bekannten Leitsatz “Tue Gutes und rede darüber” oftmals “Rede über schlechte Taten und teile deine (negativen) Ansichten möglichst oft”.
Außerdem: Durch das Internet ist es nicht nur möglich, 24/7 erreichbar zu sein, sondern auch in diesem zeitlichen Ausmaß von Informationen und Informationsbruchstücken beschossen zu werden. Das kann einerseits positiv gewertet werden: Da Mitteilungen rasend schnell im World Wide Web verbreitet werden, erreichen einen News oftmals schon, bevor ein großes Medienhaus diese gefiltert und (minimal) neu aufbereitet seinem Publikum präsentieren kann. Vor allem bei Breaking News wie terroristischen Anschlägen ist das von Vorteil: Können doch Warnungen und Hilferufe in wahnsinniger Schnelle verbreitet werden. Auf der anderen Seite muss hier natürlich auch mit Vorsicht konsumiert werden.

@ Stärkere Vernetzung
These
: Das Internet führt zu einer stärkeren Vernetzung im Hinblick auf unterschiedliche politische Meinungslager, Themeninteressen und Kulturen.
Gegenthese: Das Internet fördert den Zerfall der Öffentlichkeit, führt zur “Filter Bubble” und Grenzen entlang von Sprach- und Kulturräumen.
Kommentar: Natürlich führt die Nutzung des Internet zu einer Netzwerkgesellschaft. Man ist ständig erreichbar und nutzt permanent ein Device um online zu bleiben — ein leerer Akku führt da schon beinahe zum seelischen Kollaps. Fragwürdig ist für mich im SEO-Bereich natürlich auch die “Filter Bubble”, also die personalisierte Suche im Web. Erst, seit ich selbst in diesem Bereich tätig bin, ist mir bewusst, wie stark mein Suchverhalten im öffentlichen Modus auch meine Suchergebnisse beeinflusst.

@ Bessere Verständigung
These
: Das Internet sorgt nicht nur für einen offenen Zugang zu Diskursen. Auch die Qualität nimmt dadurch zu.
Gegenthese: Das Internet erhöht die Qualität nicht. Stattdessen kommt es zu einer Polarisierung in Konflikten sowie einer Zunahme von Respektlosigkeit, Irrationalität und negativen Emotionen.
Kommentar: Natürlich nimmt in bestimmten Bereichen die Informationsqualität zu. Aber es liegt auch auf der Hand, dass diese in bestimmten Segmenten abnehmen muss. Eine österreichische Studie zur Wien-Wahl demonstrierte etwa, dass das politische Diskussionsverhalten der User auf eher niedrigem Niveau angesiedelt war. Hierbei handelt es sich natürlich nicht nur um eine geringe Anzahl von Kommentaren auf z.B. Facebook: Allein 30.000 Tweets hatten das Geschehen während des Wahltags kommentiert.

@ Höhere Qualität an Informationen
These
: Das Internet ermöglicht es, die journalistische Informationsqualität zu verbessern.
Gegenthese: Der professionelle Journalismus nutzt das technische Potenzial nicht zur Gänze; der “Bürgerjournalismus” wird seiner Rolle als Äquivalent nicht gerecht und das Informationsverhalten der User verändert sich.
Kommentar: Jeder, der will, kann sich in Österreich als Journalist bezeichnen — schließlich handelt es sich hier um keine geschützte Berufsbezeichnung. Qualitätsunterschiede sind aber in der Regel zwischen den Artikeln ausgebildeter Journalisten und den selbsternannten bemerkbar. Der sogenannte Bürgerjournalismus entsteht oft ohne Rücksichtnahme auf journalistische Qualitätskriterien, Ehrenkodizes etc. — bemerkt wird das aber nicht immer von den Usern. Eine reflektierte Betrachtungsweise kommt leider zu selten zum Einsatz; durch emotionalisierende Inhalte aufgewühlt werden Wahrheitsgehalt und Qualität zu wenig hinterfragt. Außerdem betont Prof. Neuberger auch eine schrittweise Veränderung im Bezug auf das Informationsverhalten der User. Diesen scheint es heutzutage nicht mehr so wichtig zu sein, von welchem Medium/welcher Quelle sie Informationen beziehen.

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