Europa.
Werte.
Gemeinschaft.
Die Ära der Europäischen Union unter Merkel hat das Wesen Europas endgültig tot-verwaltet. Es wird Zeit, dies nicht nur einzugestehen, sondern auch zügig Gegenmassnahmen einzuleiten.
Wenn heute am 14.9.2015 in Brüssel wie üblich hektisch und planlos die nationalen Innenminister zusammenkommen, um mit gegenseitigem Starrsinn über realitätsferne Quotenregelungen für Flüchtlinge und die Ausgestaltung des Euphemismus “Sicherer Drittstaat” zu reden, nur um am Ende einen faulen und sowieso morgen wieder hinfälligen Kompromiss zu präsentieren, dann wird deutlich, wie gefährlich es ist, diese ideenlosen Verwalter Europa repräsentieren zu lassen.
Wenn heute schon die Scharfmacher der deutschen Konservativen wie Jens Spahn selbst den kleinste Funken einer Weiterentwicklung im deutschen Temperament auslöschen mit der üblichen faschistoiden Angstmaschine.
Wenn gleichzeitig der “Nachwuchs” der neoliberalen Elite wie Julia Klöckner lieber von einem “Arbeitsmarktanwerbegesetz” statt von einem Einwanderungsgesetz sprechen wollen. Ganz im Duktus desselben Neusprechs, das uns tödliche Worte wie “Humankapital” einbracht und das Leben total-ökonomisiert hat. Dann wird deutlich, dass die Flüchtlingsherausforderung ein viel tieferliegendes Problem Europas noch deutlicher offengelegt hat, als dies bereits bei der unsäglichen inhumanen Abservierung Griechenlands für viele zu ahnen und zu erkennen war.
Europa ist ein ideen- und visionsloser Kontinent, auf dem sich eine überalternde Gesellschaft mit unveränderter Gier und Uneinsichtigkeit unverantwortlich schützend über ihre Pfründe und Ansprüche wirft. Pfründe, die bereits in den letzten Jahrzehnten Ressourcen verbraucht und vernichtet haben; Ansprüche, die bereits seit langem jegliche echte Vernunft und jegliches Empfinden und Einstehen für eine bessere globale Realität vergiften.
Gleichzeitig wird mit der Verweigerung von Asyl in osteuropäischen Ländern nun deutlich, dass die westlichen Werte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sich eben nicht so selbstverständlich in jahrzehntelang anders indoktrinierte Völker einpflanzen haben lassen. Das Verständnis und der Respekt für Demokratie und Menschenrechte fallen nicht einfach vom Himmel. Der Westen hat dem Osten zwar die Kunst der Gier neu gelehrt, aber offenbar hat er vergessen, dass der innere Kern, der ihn zusammenhält und stark machte, nicht mit Geld zu erwerben ist.
Es ist das große Versäumnis der letzten 25 Jahren, nicht gemeinsam nach 1990 über ein mögliches Modell einer guten Gesellschaft nachgedacht, nachgefühlt und experimentiert zu haben, weil die neoliberale Elite und die dieser Ideologie des Ökonomischen verfallene Öffentlichkeit dachte, der Kapitalismus hätte gewonnen und die Geschichte wäre zuende.
Anstatt die anstehende formende Arbeit an einer guten Gesellschaft für das 21. Jahrhundert anzunehmen und zu gestalten, wurde der Osten Europas kapitalistisch und militärisch erbeutet und Gesamteuropa ein williger Diener des Kapitals.
Das aktuelle Führungspersonal Europas, weitesgehend die verwöhnte und unreflektierte Generation der Babyboomer, hat genug Zeit und Leben anderer vergeudet, um ihr krankes Modell einer neoliberalen Gesellschaft im Herzen Europas zu implementieren. Man sollte sie aus den Stuben und Ämtern jagen, lieber gestern statt heute.
Aber das verseuchte Denken hat uns alle durchdrungen, die Widerstandskräfte der Aufklärung und des Humanismus, einst Wegweiser für den Europäischen Weg, sind geschwächt durch das parasitäre Wesen einer neoliberalen Ökonomie- und Gesellschaftsideologie. Es gibt keine Heilung durch die bloße Amputation von Uneinsichtigen, sondern nur den anstrengenden Weg durch ein ernsthaftes Auskurieren des Virus, den wir (fast) alle in uns tragen.
Um eine neue Balance zwischen Wettbewerb und Empathie zu finden, muss das ideologische Bündel der letzten Jahrzehnte abgeworfen werden. Dieses Kapitel muss enden und seine Protagonisten abtreten.
Um Demokratie, offener Gesellschaft und sozial-ökologisch verantwortlicher Marktwirtschaft eine Chance zu geben, in Europa eine tatkräftige und innovative Heimat im 21. Jahrhundert zu finden, braucht es nicht nur Menschen, die bereit sind sich diesem Reboot Europas zu stellen, sondern auch innere Stärke, um sich der noch herrschenden kalten Ideologie entgegenzustellen und gleichzeitig die apokalyptischen Reiter bereits überwunden geglaubter Nationalismen und anderer Angstwesen in Schach zu halten.
Ich werde diesen Weg zu einem aufgeklärtem und humanistischen Europa nicht alleine gehen, aber aktuell lassen sich diejenigen, die diesen Weg auch gehen wollen, im Nebel des komplexen Jetzt nicht erkennen. Zeit an Erkennungszeichen und ersten Wegmarken für dieses andere Europa zu arbeiten.