Quo vadis, XING: Klartext, ein Rohrkrepierer?

XING’s Klartext ist ein interessantes publizistisches Experiment. Das Format verpasst jedoch die Chance, eine gewichtige Stimme in der gesellschaftlichen Debatte zu werden.

Header der XING-Klartext-Ankündigung von Roland Tichy

Vergangene Woche bin ich oft gefragt worden, wie ich zu Klartext stehe, dem neuen Format für Debatten über Wirtschaft, Beruf und Karriere von XING, herausgegeben von Roland Tichy. Die Beschäftigung mit dieser Frage hat solche Freude gemacht, dass ich meine Argumente gerne zugänglich machen möchte — und nun gespannt bin auf die Sichtweisen Anderer.

XING liegt mir am Herzen

Ein bisschen wundere ich mich selbst, dass ich mich an dieser Innovation des deutschen Professionals-Netzwerks so abarbeite. Es ist so: XING liegt mir eben am Herzen. Ich selbst bin bereits Mitglied seit Anfang 2004, als es noch openBC hieß. Und ich bin Enthusiast digitaler Vernetzung: Bei LinkedIn gehörte ich sogar zum ersten Prozent der Mitglieder — und das war zum Zeitpunkt des Börsengangs, das Netzwerk ist seither erheblich weitergewachsen.

Seither beobachte ich die Entwicklung von XING mit Sorge: immer größerer Innovationsrückstand, kaum Aktivität mit Substanz, wenig Möglichkeiten zur Interaktion mit Inhalten, die Nutzer teilen (im Vergleich zu Facebook und Twitter beispielsweise). Eine Mobil-App, die im Vergleich zu anderen sozialen Plattformen deutlich zurücksteht.

Um so gespannter war ich, als letzten Montag “Klartext” an den Start ging.

Als Online-Zeitung brauchbar, …

Zum Start der “Plattform für Expertenmeinungen und Diskussionen” wurden vier Schwerpunkte gesetzt: Wirtschaftswunder China, Banken und FinTechs, Flüchtlinge als Arbeitskräfte, Gehältertransparenz. Das sind interessante, aktuell relevante Themen. Die Auftakt-Beiträge stammen von profilierten Autoren, die überwiegend Originelles zum Thema zu sagen haben, beispielsweise von Marianne Stroehmann, Director Travel & Finance bei Google Germany, die in einem besonders lesenswerten Artikel zeigt, dass Banken den ‘WhatsApp-Moment’ fürchten sollten.

Header eines XING-Klartext-Artikels.

Mit Post-Chef Frank Appel, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und Deutsche-Bank-Vorstand Marcus Schenk (um nur einige Autoren zu nennen) hat XING Persönlichkeiten gewonnen, die aufhorchen lassen. Deren Artikel sind erfreulich prägnant, lesenswert, und tatsächlich meinungsstark.

“Neben der Auswahl der Themen und Autoren kann auch die Aufbereitung überzeugen”, findet denn auch David Hein im ‘Horizont-Check’. Er kommt zum Schluss, das publizistische Experiment “könnte klappen”.

Wir dürfen nun also gespannt sein auf die Themenauswahl und die Köpfe der “zweiten Welle” (denn neue Themen wurden seit dem Start noch nicht gesetzt).

… aber fundierte Vernetzung und Debatte finden so nicht statt

Was jedoch fehlt, und zwar erschreckenderweise auf der ganzen Linie, ist die Dynamik, die soziale Netzwerke so einzigartig macht. Man hat den Eindruck, hier habe jemand die Stärke seines eigenen Produktes nicht verstanden.

Warum haben die Klartext-Autoren keine XING-Profile, so dass man mit ihnen in Kontakt treten kann? Selbst bei denjenigen, die XING-Mitglieder sind, ist der Verweis auf das Profil versteckt auf der “Autorenseite” von Klartext (und öffnet sich in einem separaten Browserfenster). Das Angebot steht damit auf eigentümliche Weise neben dem sozialen Netzwerk, ist ein Fremdkörper.

Außerdem: Wie werden eigentlich die im Netzwerk bereits vertretenen, profilierten Meinungsbildnerinnen zu Klartext-Autoren? Zwar gefällt die Auswahl bisher, doch meine These ist: Ein zentral-redaktionell gesteuerter Selektionsprozess bleibt viel zu oberflächlich und langsam. Geschickter wäre, alle XING-Mitglieder zu Beiträgen aufzufordern, und dann, abhängig von Substanz und viralem Erfolg, zu kuratieren, welche Glossen man durch Plazierung auf der Klartext-Agenda adelt.

Wie will XING schnell an Reichweite und Relevanz gewinnen, gerade im Vergleich zu LinkedIn ‘Pulse’ oder vor allem auch Medium, wo durch die extrem einfache Bedienung wie von selbst gute Texte entstehen, auf die die Autoren stolz sind, und die sich durch die nahtlose Integration mit Twitter und Facebook wie von alleine kreuz und quer im Netz verbreiten?

Doch nicht nur das Potenzial, die Meinungsführer auch untereinander zu vernetzen, wird verschenkt. XING lässt auch jede Menge Möglichkeiten liegen, zu einer breiten und engagierten, am Ende auch gesellschaftlich relevanten Debatte beizutragen, statt nur große Thesen gegeneinander zu stellen: Die Kommentare unter den Artikeln laufen lediglich linear von oben nach unten. Es gibt keine Antwortmöglichkeit auf Kommentare, keine Zitierung, keine Darstellung der Diskussionsbeiträge in einem Thread.

Damit fehlt jede Möglichkeit, in einem Kommentar auf Aussagen eines anderen Nutzers Bezug zu nehmen. Nicht mal eine Zitierung unterstützt die Plattform, geschweige denn gängige Verfahren aus sozialen Netzwerken, um Inhalte sinnvoll zu verknüpfen und zu strukturieren (beispielsweise ein ‘mention’). Solche Mechanismen bringen nicht nur Ordnung in die Debatte, sondern ermöglichen es den Teilnehmern am Diskurs auch, alarmiert zu werden, sobald neue Argumente auftauchen — und motivieren damit dazu, sich im Verlauf erneut zu engagieren, wodurch schnell Eigendynamik entsteht.

Noch viel besser wäre wohl gewesen, die Klartext-Artikel annotieren zu lassen, eine Technik, bei der Kommentare nicht erst am Ende stehen, sondern einen klaren Bezug zu einer Passage im Artikel haben. Wegweisende Online-Plattformen, beispielsweise Quartz und Medium, tun dies schon relativ lange. Die Folge sind prägnante, fundierte Debatten, wo Argumente im richtigen Kontext ausgetauscht werden.

Quartz-Artikel (links) mit einer Annotation (rechts), die sich auf einen Absatz bezieht.

Die Meinungsäußerungen unter Klartext-Beiträgen sind oft fundiert und deshalb längst nicht alle schlecht. Sie stammen aber folglich eher von Leuten, die sich selbst gerne reden hören, statt Argumente aufzunehmen und fundiert zu kontern. Im sicher kontroversen Thema ‘Flüchtlinge als Arbeitskräfte’ sind zudem momentan die Kommentarfunktionen ganz deaktiviert (Stand 25.10. 08:30). Das sieht nicht gut aus:

Ich fürchte, dieses Experiment wird schnell langweilig werden. Am Ende bleibt eine Sammlung von Glossen, wie man sie genauso auch im Handelsblatt, in Capital, in der FAZ, der Süddeutschen oder im manager magazin lesen könnte.

Fazit

Schade, es hätte mich sehr gefreut, wenn dieser Befreiungsschlag gelungen wäre.

XING hat die Chance verpasst, zu zeigen, welche Rolle soziale Netzwerke in der breiten gesellschaftlichen Debatte spielen könnten; gerade jetzt, wo Facebook demonstriert, dass es zum Umgang mit furchtbarem Hass gegen Flüchtlinge nicht willens oder fähig ist — also auch nicht dazu, mit seiner bahnbrechenden Technologie auch zu einer modernen, offenen Gesellschaft auf dem Boden geltender kultureller Werte und Gesetze beizutragen. Eine starke und eigenständige europäische Stimme als kultureller Gegenpol zur beeindruckenden, streckenweise aber auch beängstigenden Reichweiten- und, ja, auch Zensurmacht der Silicon-Valley-Tech-Giganten bleibt ein Traum. Schade, dass Klartext-Autoren und Diskutanten sich nicht auf Augenhöhe begegnen können.

So, fürchte ich, versinkt das Netzwerk früher oder später in der Bedeutungslosigkeit, wie schon einige soziale Netzwerke vor ihm. Erinnert sich noch jemand an StudiVZ oder wer-kennt-wen?

Was meinen Sie?

Wie gefällt Ihnen Klartext? Gefallen Ihnen die Beiträge, und sind Sie gespannt auf die kommenden Themen, die die Redaktion setzen wird? Beteilligen Sie sich selbst an den Diskussionen?

Ich freue mich über Anmerkungen direkt hier am Text, oder melden Sie sich auf Twitter, wo man übrigens auch hervorragend diskutieren kann.

Jochen Adler ist Social Workplace Consultant bei netmedia. Er ist dort zuständig das Beratungsgeschäft zu digitalen Vernetzungsstrategien für die verteilten Belegschaften in namhaften Unternehmen, beispielsweise in den Branchen Energie, Logistik, Baudienstleistungen, Lifestyle-Artikel und Nahrungsmittel.