Ein neues Haus für eine solidarische Zukunft

Seit Mittwoch ist es offiziell. betterplace übernimmt das Umspannwerk in Berlin Kreuzberg und wird es gemeinsam mit der Jugendorganisation KARUNA, als Haus des sozialen Engagements bespielen. Google ermöglicht das Ganze, indem es nicht nur den Um- und Ausbau des 3000m2 großen Fabrikgebäudes bezahlt, sondern auch die Miete inkl. Nebenkosten für die nächsten fünf Jahre übernimmt.

Das alte Umspannwerk am Paul-Linke Ufer. Das neue Haus sitzt im niedrigeren, vorderen Teil des Gebäudes.

Dem Schritt liegt eine bekannte und bewegte Geschichte mit Protesten und Besetzungen zugrunde: eine breite Koalition von besorgten Bürgern (Stichwort: Gentrifizierung) über lokale Aktivistinnen bis hin zu internationalen Globalisierungsgegnern, hatte seit zwei Jahren gegen Googles Pläne für einen Startup Campus Front gemacht. Google kam zum Schluss, dass in dieser Atmosphäre die ursprünglichen Pläne keinen Sinn machten; zumal viele Gespräche mit Kiez-Vertretern, sozialen Einrichtungen und Gemeinwohlunternehmen (darunter auch betterplace) ergaben, dass diese einen wesentlich größeren Bedarf an Räumlichkeiten hatten, als die Startup Szene, die mittlerweile in Berlin gut mit Co-Working Büros und Acceleratoren ausgestattet ist.

So kam es, dass wir seit dem Sommer mit dem Google for Entrepreneurs Team rund um Rowan Barnett und Mayra Frank eine alternative Nutzung diskutierten. Ich freue mich sehr, dass diese nun Realität wird.

Auf betterplace #komminshaus wird der aktuelle Stand der Pläne grob beschrieben. Dabei wird deutlich, wie viel Raum für gemeinschaftliches Gestalten, neudeutsch Co-Kreation, mit interessierten gemeinwohl-orientierten Gruppen, besteht.

Neue und alte Hausherren auf der (noch) Baustelle: Carolin Silbernagl (betterplace), Jörg Riechert (KARUNA), ich und Rowan Barnett (Google for Entrepreneurs)

Wenig feste Arbeitsplätze, aber jede Menge Platz für Treffen, Co-Working, Veranstaltungen und Programme
Eine schlechte Nachricht jedoch vorab: Im Gebäude gibt es nur wenige feste Arbeitsplätze und momentan sieht es so aus, als würden keine davon an andere Organisationen vermietet werden können.

betterplace und KARUNA werden zwar mit einzelnen Mitarbeitern ins Umspannwerk einziehen (so werden die 10 Mitglieder des betterplace labs, vor Ort sein, ebenso wie ein Team von KARUNA), aus arbeitsrechtlichen Gründen gibt es im Haus aber nur wenige weitere offiziell genehmigte Arbeitsplätze. Die großen anderen Flächen, insbesondere im Souterrain, dürfen nur temporär genutzt werden. Das ist super schade, denn die ersten Anfragen zeigen, wie viele Kreuzberger Initiativen festen Büroraum suchen.

Aber das Haus bietet jede Menge anderer Möglichkeiten: ein großes Auditorium für bis zu 200 Teilnehmer, viele Besprechungszimmer unterschiedlichster Größe für Versammlungen und Workshops, und zwei lange Tische, an denen Mitmacherinnen arbeiten können. Diese ganze Infrastruktur wird so erschwinglich wie möglich zur Verfügung gestellt, denn auch wenn Google die allermeisten Kosten übernimmt, müssen wir die Aufwände für den Betrieb des Hauses refinanzieren. Unser Ansatz ist, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag leistet und wir so die Kosten gemeinsam tragen. Wir sprechen also von wenigen Euro für einen Meetingraum für eine kleine soziale Initiative und etwas höhere Beträge für finanzstärkere Organisationen.

Das Programm des Hauses wird teilweise von KARUNA und betterplace gestaltet. So bringt betterplace seine Projekte zu den sozialen Potenzialen digitaler Technologie mit ins Haus. Unter anderem werden Das Nettz — die Vernetzungsstelle gegen Hatespeech”, und Demokratie.io, ein Wettbewerb zur Demokratieförderung, dort anzutreffen sein — und mit ihnen z.B. die Fördergewinner 2017 Aula — Schule gemeinsam gestalten und Abgeordnetenwatch, genauso wie viele der 27.000 Projekte, die auf betterplace.org Mittel für ihre gemeinnützigen Projekte sammeln. KARUNA wird seine Hilfsangebote für Obdachlose sowie Programme zur Drogenprävention einbringen, u.a. auch die Redaktion der Straßenzeitung KARUNA KOMPASS. Mit der Jugendinitiative MOMO — the Voice of disconnected Youth, die sich im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes um die Bundeskonferenzen der Straßenkinder kümmert, ziehen die Jüngsten in das Haus am Paul-Lincke-Ufer ein.

Welches Programm möchtest Du einbringen?
Aber wir werden nicht die einzigen sein, die dauerhaft im Haus Angebote gestalten. So haben wir Platz für 2–4 weitere Partner und ihre Werkstätten, Ateliers oder Büros. Prinzipiell kann sich jeder einbringen. Unter drei Vorraussetzungen: die Angebote sind offen, d.h. stehen allen Nutzer*innen zur Verfügung, sie stärken den kollaborativen Ansatz des Hauses und sie stoßen auf den Bedarf der Engagierten.

Als Beispiel: wenn eine Werkstatt mit einzieht, dann wünschen wir uns, dass es sich z.B. um eine sozialunternehmerische Schreinerei für nachhaltige Möbel handelt, die ein offener Ort ist, der auch anderen sozialen Initiativen zur Verfügung steht.

So suchen wir momentan zum einen Verstärkung für unsere Kernthemen (wie Integration/Migration, Armutsbekämpfung, Demokratie, Digitale Transformation, Finanzierung sozialer Innovationen), zum anderen Organisationen, die eigene interessante inhaltliche Schwerpunkte aufbauen wollen und diese in kleinen und großen Veranstaltungs- und Vernetzungsformaten, aber auch technischen oder künstlerischen Interventionen anbieten (Ausstellungen, Maker Spaces etc.).

Ich persönlich träume davon ein Programm aufzubauen, welches sozialen Akteuren die Möglichkeit bietet ihre individuellen inneren Ressourcen zu stärken, d.h. ihre Fähigkeit zu Selbstkontakt und Selbstreflektion, Empathie und Multiperspektivität. Denn wir wissen sowohl aus der Forschung als auch aus vielen persönlichen Begegnungen, dass Menschen, die fürs Gemeinwohl arbeiten mit ihrer eigenen Gesundheit oft wenig nachhaltig umgehen. Wie aber sollen wir eine gesunde Zukunft erschaffen, wenn wir selbst am Rande des Burnouts und der Selbstausbeutung taumeln? Mein Vorbild dabei ist das globale Wellbeing Projekt, über das ich schon viel geschrieben habe.

Ideen und Fragen zur Nutzung des Hauses könnt ihr am besten an haus@betterplace.org richten. Wir werden die nächsten Wochen dazu nutzen möglichst viele Ideen einzusammeln, Gespräche zu führen und Pläne zu schmieden. Nachdem seit der Bekanntgabe des Hauses schon viele Dutzend Kooperationsvorschläge eingetrudelt sind, ist das eine Aufgabe, auf die sich Caroline, Jörg und ich sehr freuen. Zudem haben wir ab Mitte November jeweils Mittwochs von 14–16 und Freitags von 10–12 im Container vor dem Haus eine Sprechstunde eingerichtet, zu der alle Interessierten zum Kennenlernen und Austausch hinkommen können.

Im Sprechcontainer

Wir gehen davon aus, dass alle Umbauten bis März erfolgt sind und wir ab April die Türen öffnen können.

Weshalb ist ein Haus des sozialen Engagements so wichtig?
Haus des sozialen Engagements” ist bislang ein Arbeitstitel — wir suchen noch nach einem passenden Namen und auch hier ist eure kollektive Intelligenz sehr willkommen. Ungeachtet des Namens: weshalb freut es mich so, dass Google uns das Haus übertragen hat?

Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks und der industriellen Revolution. Mit den äußeren Umwälzungen entstehen viele Unsicherheiten, denn die tradierten Werte und Gepflogenheiten verlieren an Gültigkeit. Oder, wie Karl Marx im Kommunistischen Manifest so schön schrieb: “Alles ,was fest ist, schmilzt in der Luft”. Es herrscht ein Visionenvakuum, denn das global, digitale Zeitalter wird andere Leitbilder haben müssen, als sein national, industrieller Vorgänger. Politik, traditionelle Wirtschaft und viele zivilgesellschaftlichen Organisationen sind von dem Wandel zutiefst verunsichert. Die einzigen Akteure, die ambitionierte zukunftsgerichtete Visionen, und zudem auch die Ressourcen haben um sie umzusetzen, sind die großen Technologiekonzerne. (Natürlich gibt es spannende Alternativen á la Doughnut Economics etc., aber diese sind insgesamt fragmentiert, (noch) in der Nische und haben ein anderes Kaliber als die Moonshots.)

Wir brauchen aber eine intensive breite gesellschaftliche Debatte darüber, in was für einer Welt wir leben wollen. Eine Debatte, die nicht allein von technologischen Möglichkeiten, unternehmerischem Profitstreben oder staatlichen Überwachungsbedürfnissen geprägt ist, sondern von unseren menschlichen Bedürfnissen und unserem Entwicklungspotential.

Ich verbinde mit dem Haus die Hoffnung, das wir einen Ort der Visionen und handfesten Maßnahmen für “eine solidarische Zukunft” schaffen. (Den Begriff der solidarischen Zukunft verdanke ich unserem neuen Partner KARUNA). Dazu gehören Themen wie nachhaltige Wirtschaftsformen, gelungene gesellschaftliche Integration, neue politische Partizipationsformen, Besinnung auf menschliche Beziehungen und seelische Gesundheit.

Die organisierte Zivilgesellschaft hat Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit, aber diese sind zu oft fragmentiert und unzureichend mit Ressourcen ausgestattet. Das gut genährte Haus bietet die Chance, das sich die Zivilgesellschaft ihrer selbst bewußt wird, gemeinsame Visionen entwickelt und diese kraftvoll umsetzt. Und da die Herausforderungen systemisch und global sind, können Antworten nur ko-kreativ gestaltet werden — unter Beteiligung von Grassroots Organisationen, Aktivisten und Ehrenamtlern, ebenso wie Unternehmen und politischen Kräften. Wir brauchen alle Perspektiven an Bord!

Für die anstehende Transformation ist Digitalisierung eine der maßgeblichen Treiber, aber auch eine der großen Antworten — nicht nur was die Technik angeht, sondern auch die damit einhergehenden subtilen “digitalen Dynamiken” (mehr dazu in diesem Post von Keks Ackerman). Doch die potentiell progressiven Auswirkungen digitaler Technologie — wie Dezentralisierung, Kollaboration, Potentialentfaltung, Transparenz und globozentrisches Bewußtsein — werden heutzutage von den wenigsten Akteuren realisiert. Statt dessen sehen wir wie digitale Technologien für veraltete und reaktionäre Ziele (einseitige Gewinnmaximierung, belanglose Effizienzgewinne, erdrückende Überwachung etc.) eingesetzt wird. Meine Vision ist, dass wir im neuen Haus diese ungenutzten digitalen Potenziale aufzeigen können und zugleich die notwendigen Kompetenzen (innere und äußere) entwickeln und vertiefen können, um sie umzusetzen.

Die Medienreaktion: Startrampe für verfestigte Ideologien
Vor diesem Hintergrund einer in der Transformation befindlichen Gesellschaft widerspreche ich auch den Stimmen, die den Rückzug von Google im Umspannwerk mit dem Argument beklagen, Berlin sei damit zur “No-Go Area für Tech-Unternehmen” geworden und die Übertragung an Sozialunternehmen sei ein „schwerer Rückschlag für den Wirtschaftsstandort Berlin”.

Da frage ich mich ob ein Tech-Sozialunternehmen wie betterplace, mit 50 Mitarbeitern und einem erwirtschafteten Jahresumsatz von 4 Millionen Euro kein Wirtschaftsfaktor ist? Brauchen wir nicht vielmehr ganz neue Formen von Unternehmertum im Mainstream, die neben ihrer Profitabilität auch einen Blick auf ihre systemischen gesellschaftlichen Externalitäten werfen und Erfolg entlang multipler Dimensionen, wie Umweltverträglichkeit, sozialer Gerechtigkeit und Euros bemessen?

Darüber hinaus: wünschen wir uns nicht eine vielfältigere Startup Szene? So sehr ich mich über die neueste Ausgabe von Berlin Valley zu Startups, die sich um ökologische und soziale Wirkung bemühen, freue, so sehr einfältig, nämlich weiß und männlich, sind immer noch fast alle Konferenzen, Accelerator und VC Firmen, denen ich begegne. Dabei wissen wir aus der Kreativitäts- und Innovationsforschung, dass Neues aus der Peripherie kommt und Vielfalt jede Einfalt übertrumpft (dazu auch Farsighted, das neueste Buch von Steven Johnson). Ebenso wichtig ist, dass wir eine Zukunft schaffen, die inklusiv ist und möglichst allen Menschen die Chance gibt sich mit ihren Bedürfnissen und Hoffnungen zu beteiligen. Der aktuelle Trend, die Regression zu autoritären und populistischen Haltungen, ist eng mit unserem (d.h. der Elite) Unvermögen verbunden, zu sehen, was und wen wir alles nicht auf dem Schirm haben.

Während die Reaktion auf das neuen Haus von über Hundert sozialen Unternehmen und Vereinen (via E-Mail, Facebook und direkt persönlich) herzlich und grandios war, hat mich die mediale Reaktion enttäuscht. Die meisten nutzten die Nachricht als Startrampe für ihre eigenen ideologschen Interessen. Neugierde und Offenheit wären schöner. Dies gilt für Google Kritiker genauso wie für diejenigen, die der Berliner Politik eins auswischen wollen. Der zynische Blick auf Google, sie würden mit der Übergabe an soziale Unternehmen Greenwashing betreiben und der Umkehrschluss, betterplace und KARUNA würden sich für diesen Imagegewinn instrumentalisieren lassen, geht auch an den Tatsachen vorbei: nachdem Google sich gegen den Bezug des langfristig angemieteten Hauses entschieden hatte, hätte es das Umspannwerk auch leer stehen lassen können. Stattdessen wurde eine Lösung angestrebt, die der Stadt einen wirklichen Mehrwert, im Einklang mit lokalen Bedürfnissen, verspricht. Ich bin für diese Chance sehr dankbar und fühle mich mit verpflichtet das Haus zum pulsieren zu bringen.

Belonging and becoming
Ich träume davon, dass es betterplace und KARUNA gelingt, in Kreuzberg einen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich auf Neues, Emergentes einlassen. In den nächsten Jahrzehnten wird es darum gehen, große Teile der Welt neu zu gestalten. Nicht nur im Äußeren — neue Technologien, Geschäftsmodelle, Arbeitsformen, Sozialsysteme — sondern auch im Inneren — wie wir mit uns selbst und miteinander umgehen.

Zugleich wissen wir, dass Innovation auf Sicherheit basiert. Nur wer sich ausreichend sicher und zugehörig fühlt, kann hinaus in die Welt gehen, Risiken eingehen und sich Neuem öffnen. In der Balance zwischen Zugehörigkeit und Selbstausdruck (belonging and becoming) liegt der Schlüssel für gesunde Entwicklung; des Einzelnen ebenso wie der Gesellschaft.

Lasst uns das schöne Haus zu einem Ort machen an dem Belonging und Becoming, Digitales und Analoges, Äußeres und Inneres, dynamisch miteinander verwoben sind. Auf dieser Basis können wir die nächsten Schritte in eine solidarische Zukunft gehen.

#Komminshaus