Mein Tech4Good Dilemma

Wieso ich meine Gastgeber auf Konferenzen enttäusche

joana breidenbach
Nov 3 · 4 min read

Ich habe ein Dilemma. Als wir 2007 betterplace.org gründeten, waren wir davon beseelt das Internet für progressive Ziele zu nutzen: für soziale Gerechtigkeit, die Ermächtigung von Minderheiten, weltweiten Austausch und Zusammenarbeit. Unsere Plattform, die von mittlerweile über 30.000 gemeinnützige Initiativen fürs Fundraising genutzt wird, war ein wundervolles Beispiel für “Tech4Good”, ein Begriff, der laut Google Trends im Sommer 2007 zum ersten Mal Fahrt aufnahm.

2010 gründete ich das betterplace lab explizit mit dem Ziel sozial-digitale Innovationen bekannter zu machen. Auf unseren Feldforschungen, dem Lab Around The World, erforschten meine Kollegen und ich soziale Startups in 27 Ländern, die spannende Innovationen in Bereichen wie Gesundheit, Bildung, Mobilität, Inklusive und Umwelt entwickelten und damit sehr reale lokale Probleme lösen wollten.

Fast forward ins Jahr 2019: immer noch scouten wir im betterplace lab relevante sozial-digitale Innovationen — jüngst in 6 afrikanischen Staaten. Wir betreiben Programme für eine konstruktive digitale Debattenkultur (in Deutschland) und Menschenrechte (in Uganda), geben der Zivilgesellschaft eine Stimme im diesjährigen IGF, erforschen Themen wie digitale Flüchtlingshilfe und Algorithmen und soziale Teilhabe.

Unser Wissen zum Nutzen digitaler Technologien hat sich jedoch stark ausdifferenziert: Konzentrierten wir uns zu Beginn insbesondere auf die Potentiale, sahen wir in der Praxis, wie schwer es oft war, diese nachhaltig zu heben und zu skalieren. Immer wieder musste ich erleben, wie die gleichen Machtunterschiede und Ungerechtigkeiten der “alten” analogen Welt, sich auch in der digitalen niederschlugen. Sei es, dass auf Plattformen wie betterplace.org oder change.org Menschen mit weißer Hautfarne und hohem sozialen oder kulturellen Kapital erfolgreicher waren als andere. Oder das werbegetriebene Social Media Plattformen zu einem “Human Downgrading”, Filterblasen und Hassreden führten. Und viele engagierte soziale Startups zwar eine kleine Startfinanzierung bekamen, mangels passender Förder- oder Investitionsstrukturen an der Folgefinanzierung aber meist scheiterten.

Zudem veränderte sich mein Fokus: Technologie an sich, neue Tools, Plattformen und Apps, interessierten mich immer weniger. Sie sind mittlerweile selbstverständlicher Teil vieler Gemeinwohl-Initiativen.

Stattdessen faszinieren mich “digitale Dynamiken”, die unsere Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, ebenso wie unsere Wahrnehmungsfilter von Realität subtiler verändern. Im Zuge der langjährigen Transformation des betterplace lab in eine selbstorganisierte Unternehmung — s. mein Buch New Work needs Inner Work — erforschte ich, wie Digitalisierung neue Formen der Führung und Zusammenarbeit hervorbringt, die den Menschen und die Sinnhaftigkeit der Arbeit in den Mittelpunkt stellen (können).

Zwei gegenläufige Enthusiasmuskurven

Und genau hier entsteht mein Dilemma:

Denn die Mehrheit der Unternehmen, ebenso wie die Politik und organisierte Zivilgesellschaft hat erst vor kurzem die “digitale Transformation” entdeckt. Seit wenigen Jahren boomen die Konferenzen, Fortbildungen und Programme. Auf diese werde ich oft eingeladen. Man möchte, dass ich erzähle, wie nützlich Technologie ist und welche tollen Beispiele es im Tech4Good Bereich gibt. Hinter diesen Einladungen steht oft der Wunsch, der eigenen Zielgruppe die Angst vorm Internet zu nehmen, die unsere Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftliche Zukunft bedroht.

Zwei Enthusiasmus-Kurven, die nicht so recht zusammen passen

Ich kann diesen Wunsch gut nachvollziehen. 2007, und auch noch 2013 hätte (und habe) ich die frohe Kunde vom guten Internet gerne öffentlich erzählt. Nach wie vor fasziniert mich Digitales und ich könnte tolle Geschichten von betterplace und nebenan.de in Deutschland, von Hello Tractor in Nigeria und Kali Media in Kenia erzählen.

Doch der Fokus auf einzelne digital-soziale Unternehmungen erscheint mir mittlerweile zu eindimensional. Ich glaube, wir müssen heute (auch) andere Geschichten erzählen: davon, das obwohl diese Unternehmen reale Probleme lösen (könnten), sie fast alle riesige Schwierigkeiten haben, Kapital zu bekommen. Davon, dass so viele bewundernswerte Sozialunternehmer*innen erschöpft und entmutigt sind. Davon, dass digitale Transformation ganzheitlich gedacht werden muss und wir uns neben der Technologie damit beschäftigen müssen, wie wir als Menschen dem schnellen Wandel stand halten und ihn gestalten können, ohne von ihm überrollt zu werden.

Spannungen aushalten

Wenn ich für öffentliche Auftritte angefragt werde, warne ich meine Gastgeber, dass sie von mir nicht nur die glanzvollen Tech4Good Geschichten hören werden, die sie gerne als Auftakt oder Abschluss einer Konferenz legen, damit die Zuhörer energetisiert werden und Lust auf Digitalisierung bekommen. Ich denke, es muss möglich sein, der tiefen Verunsicherung und dem Misstrauen vor Digitalem anders zu begegnen, als mit Hochglanz-Geschichten. Ich möchte öffentlich nur über Themen und auf eine Art sprechen, die mein eigenes Empfinden widerspiegelt. Alles andere wäre gestellt und falsch. Momentan bin ich manchmal begeistert und inspiriert, aber auch ratlos, frustriert und verärgert.

Doch an den Reaktionen mancher Gastgeber merke ich, dass sie enttäuscht sind. Sie hatten sich etwas anderes gewünscht, als diese Mischung aus Potential und Gefahr, diesem Fokus auf Innerem statt Äußerem, dem Blick aufs Komplex-Systemische, dem Aufzeigen von Missständen und eigenen Fehlern.

Was kann ich machen? Ich spüre in mir einerseits den Wunsch “zu gefallen” und den Erwartungen anderer zu entsprechen. Andererseits hat mir die letzte Dekade gezeigt, dass ein vorschnelles Aufspringen auf “Lösungen”, die allgegenwärtigen “digital solutions to social problems” wenig bringen. Je dringender unsere Probleme werden, desto wichtiger erscheint es mir diese nicht durch feel-good Botschaften zu verschleiern. Und so versuche ich die Spannung widersprüchlicher Erfahrungen und Erwartungen innerlich auszuhalten und erwarte von meinen Zuhörern, das sie dies ebenfalls können. Erwarte ich zu viel?

joana breidenbach

Written by

anthropologist, co-founder of betterplace.org and betterplace lab, most recently co-founder of Das Dach

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