Wellbeing inspires Welldoing

Vor einigen Wochen verbrachte ich vier magische Tage auf Ekskäret, einer wunderschönen einsamen schwedischen Insel. Unsere Tage begannen mit einem phantastischen Frühstück im gut designten Haupthaus und endeten mit ausgiebigen Saunagängen am anderen Inselende. Im Anschluss tauchten die Mutigen unter uns ins eiskalte Meerwasser unter. Danach schlief ich wie ein Baby.

Hier ist der Blick aus meinem Schlafzimmer:

Das Setting war Programm: Gemeinsam mit einem Dutzend anderer Sozialunternehmer und Stiftungsmanager war ich auf Ekskäret um über Wellbeing/Wohlbefinden und seine Bedeutung für Welldoing/Gutes Tun zu reflektieren. Wir waren Teil des Ecosystem Networks des Wellbeing Projects. Einer Gruppe von Menschen, die interessant sind, Gesundheit und Ganzheit innerhalb des sozialen Sektors weltweit zu erforschen und fördern.

Was ist das Wellbeing Project?

Der Ausgangspunkt für das Wellbeing Projekt war die Erkenntnis, dass die überwältigende Mehrheit von Sozialunternehmern großem Stress ausgesetzt ist. In einer ersten Bestandsaufnahme von Ashoka-Fellows gaben 95% an, sie würden unter Burnout, Depressionen, massivem Druck, unglücklichen Beziehungen u.ä. leiden. Was auf den ersten Blick schockierend klingt, wird verständlich, wenn man bedenkt das viele Sozialunternehmer durch eine tiefgreifende persönliche Traumatisierung überhaupt erst zu ihrer Berufung gefunden haben; z.B. wenn sie Opfer sexueller Gewalt waren und ihr Berufsleben genau dieser Thematik gewidmet hatten.

Initiiert von Aaron Pereira, einem kanadischen Ashoka-Fellow und Gründer der Spendenplattform CanadaHelps, zielt das Wellbeing Projekt darauf ab im sozialen Sektor eine neue Kultur zu etablieren; eine Kultur, in der nicht nur das Wohl der Begünstigten im Mittelpunkt steht, sondern die Social Changemaker selbst einen nachhaltigeren Lebens- und Arbeitsstil verfolgen.

Das Projekt ist auf 2 Jahre angelegt und besteht im Kern aus einem Inner Development Programm für 3 Gruppen á 20 Sozialunternehmer. Dieses sind alles Fellows der bekannten Sozialunternehmer Netzwerke Ashoka, Schwab, Skoll und Synergos. Die ausgewählten Führungspersönlichkeiten durchlaufen ein 18-monatiges Programm, bestehend aus drei einwöchigen Retreats, sowie auf ihre jeweiligen Bedürfnisse abgestimmte Coaching und Therapiebegleitungen über den gesamten Zeitraum. Das Programm wird von einem wissenschaftlichen Evaluationsteam begleitet, welches die Erkenntnisse wiederum in ein größeres Netzwerk aus Vertretern maßgeblicher sozialer Sektor-Organisationen hineinträgt (Institutionen wie die Rockefeller, Kellog und Ford Foundations, die Bosch Stiftung, aber auch betterplace).

Diese Lernpartner sind wiederum in verschiedenen Gruppen zusammengefaßt und treffen sich quartalsweise online, sowie einmal jährlich persönlich. Die Ekskäret Stiftung hatte „meinen“ Network Circle nach Schweden eingeladen und in den folgenden Tagen reflektierten wir nicht nur die Entwicklung und Evaluation des Inner Development Programms, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen mit Wellbeing.

Die Leiterin des wissenschaftlichen Evaluationsteams, Nora Murphy, war ebenfalls anwesend und berichtete über ihre bisherigen Erfahrungen. Hier ein paar erste Beobachtungen:

Die Teilnehmer der ersten Kohorte, alles erfahrene, erfolgreiche Sozialunternehmer, klagten zu Beginn des Programms über Gefühle der Leere und Isolation. Viele lebten in einer Welt des Mangels; zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Wertschätzung.

So sagte eine von ihnen:

Funding is a significant challenge, and how to establish personal financial stability/security while also trying to find this for the charity. I worry about the money all the time (…) It is exchausting. The other big challenge I find is that of being a mother and a social entrepreuneur. This isn’t a 9–5 job (…)

Ein anderer Teilnehmer beschrieb seine Situation so:

To give birth to my organisation and to guarantee its continuity and grow was always a real struggle. It is an independent institution and it required all my energy, attention (…) so this led me to a personal situation in which I feel all the time responsible for my organisation’s survival and my own survival. It is a very tense way of living, all the time. So lately (the last 3–4 years) I have been feeling deeply suffocated (…)

Sie standen unter einem enormen Druck und fühlten sich oft von Gefühlen überwältigt und der Erschöpfung nah. Manche hatten chronische gesundheitliche Probleme. Im Rahmen des Wellbeing-Programms erhofften sie eine ausgewogenere Arbeit-FreizeitBalance zu erlangen. Öfter zum Yoga zu gehen, mehr zu joggen, andere Freizeitaktivitäten in ihren Alltag zu integrieren. Aber auch eine bessere Distanz zu ihrer Arbeit zu gewinnen um anstehende wichtige Entscheidungen überlegter zu treffen.

Ganzheitlichkeit statt mehr Freizeit

Im Laufe des Programms, so eine der bisherigen Erkenntnisse, verändert sich dieses ursprüngliche Verständnis von Wellbeing. Durch die Gruppenarbeit, angeführt von herausragenden Therapeuten und Prozessbegleitern, sowie dem intensiven Austausch untereinander, reifte die Erkenntnis unter den Sozialunternehmern, dass es für sie nicht nur um eine bessere Life-Work Balance geht.

Vielmehr erforschten sie wie wichtig Selbstkontakt, Offenheit, Verletzbarkeit, Trauma- und Schattenintegration sind. Immer mehr stand Wholeness/Ganzheitlichkeit im Mittelpunkt ihres Prozesses; sie erfuhren wie heilsam es ist, sich als ganzer Mensch zu zeigen. Den „inneren Kritiker“ zu beobachten, das „innere Kind“ wertzuschätzen. Sie sahen, wie wichtig es für ihren inneren Wachstumsprozess ist nicht nur die intellektuellen Kapazitäten zu kultivieren, sondern Herz (Emotionen) und ihren Körper miteinzubeziehen.

In den Retreats geht es nicht um die Arbeit der Sozialunternehmer, sondern explizit um ihre persönliche Entwicklung. Ob sich diese auch auf die Gesundheit und Wirksamkeit der Organisation ausweiten wird, ist anzunehmen, steht aber nicht im Zentrum. Viele Teilnehmer berichten wie entlastend sie es finden, dass sie nicht immer nur als Gründer/CEO ihrer Organisationen gesehen werden, sondern ihre persönliche Situation im Vordergrund steht. Aber auch dies kann herausfordernd sein, denn wer ist man, ohne seine Organisation?

Die Erfahrungen der insgesamt 60 Sozialunternehmer bilden den Kern vom Wellbeing Programm. Meine Gruppe, eine der Ecosystem Network Circle, dient dazu, die wissenschaftlich erarbeiteten Erkenntnisse in breiteren Kreisen im sozialen Sektor bekannt zu machen und zu verankern.

Eine neue Erfahrung: Sharings im Kollegenkreis

Auf Ekskarät wechseln sich deshalb Reflektionen über den bisherigen Lernpfad der Sozialunternehmer damit ab, dass wir unser eigenes Verständnis von Wellbeing erforschen. Für mich sind die Tage auch deshalb so spannend, weil ich zum ersten Mal erlebe wie bestimmte Formate, die ich bislang nur von meinen Meditations- und Selbsterfahrungsgruppen kenne — Triadenarbeit, „Sharings“, große Offenheit und Bereitschaft sich „als ganzer Mensch“ zu zeigen — mit meiner sozialunternehmerischen Tätigkeit zusammenkommen und im Kreise von Kollegen reflektiert werden.

Gemeinsam erforschen wir Fragen wie „Was sind meine Kraftquellen für die Arbeit?“, „Wie resilient bin ich?“ aber auch „Wie gesund ist meine Organisation?“. Um letztere Frage nach dem Wellbeing unserer eigenen Organisationen zu erforschen können wir unserem Spieltrieb freien Lauf lassen und basteln unsere Organisationslandschaft.

Wellbeing bei betterplace.org und dem betterplace lab

Für mich ist es spannend darüber nachzudenken, wie ich „Ganzheit“ in den Begegnungen leben kann, die von Machtungleichgewichten gekennzeichnet sind. Als Beispiel nahm ich eine Situation, in der ich der Leiterin einer großen Förderorganisation gegenüberstand und ein Projekt pitchte. Schon nachdem ich den ersten Satz gesagt hatte, merkte ich, wie sich mein Gegenüber energetisch verschloss. Sie nickte zwar noch mit dem Kopf und tat interessiert, aber mir war 100% klar, dass wir nicht zusammenkommen würden. Ich stand vor einem Dilemma: es wäre stimmig gewesen, ihr meine Wahrnehmung schon nach den ersten Sekunden mitzuteilen: „Ich spüre, dass Sie dieses Thema nicht interessiert. Lassen wir es dabei und sprechen über etwas anderes. Was interessiert Sie denn?“ Stattdessen redete ich einfach weiter, beschrieb, wieso dieses Projekt so toll war und wieso es so gut zu ihrer Organisation passen würde. Das schale Gefühl nach diesem Pitch verfolgte mich noch länger und ich hoffe in einer Wiederauflage diese Situation anders zu (re)agieren.

Gegen Ende des Retreats trugen alle Teilnehmer ihre persönlichen und organisatorischen Wellbeing-Praktiken zusammen. Die Sammlung kann sich sehen lassen (und sobald sie online aufbereitet ist, stelle ich sie hier zur Verfügung):

Gesammelte Wellbeing Praktiken

Die Beispiele reichten von regelmäßigen Walking-Meetings durch den Wald bis zur Checkout-Praxis des betterplace labs. Nach längeren Meetings tauschen wir uns im Team kurz zu drei Fragen aus:

  1. Wie fühle ich mich und wie war der Gruppenprozess für mich persönlich? (Ich-Ebene)
  2. Wie ging es mir mit der Gruppe? Waren wir konstruktiv, wertschätzend, hatte jeder eine Stimme? (Wir-Ebene)
  3. Wie zufrieden sind wir mit dem Ergebnis unserer Arbeit? Ist es innovativ und qualitätsvoll? (Es-Ebene)

Nachdem ich jetzt zehn Jahre im sozialen Sektor tätig bin und Hunderte von Sozialunternehmern, NGOlern und anderen Weltverbesserern kennengelernt habe, bin ich überzeugt, dass das Wellbeing Programm einen wertvollen Beitrag dafür leisten kann eine gesündere und ehrlichere Kultur zu etablieren. Ich finde es sehr ermutigend, dass so viele Förderorganisationen sich dieser Reise angeschlossen haben. Wenn diese zukünftig wirklich einen Fokus auf Wellbeing, Resilienz und Reflexivität legen und Sozialunternehmern die dafür nötigen neuen Freiräume ermöglichen, kann die weitverbreitete Selbstausbeutung im Sektor vielleicht beendet werden. Es würde allen zugute kommen, denn gesunde Menschen werden wirkungsvollere Arbeit leisten können.

Auf Ekskäret Island