Das Verkorkste Gesundheitssystem — Digitalisierung die Rettung?

Seit dem ich Vater geworden bin und etwas mehr Zeit in Kliniken, in Krankenhäusern und in Arztpraxen verbracht habe, kommt bei mir das Gefühl auf, dass wir uns in einer gesellschaftlichen Lethargie befinden. Eine Lethargie hervorgerufen durch den Status Quo “es ist halt so” und der Ohnmacht nichts machen zu können. Ich beobachte Patienten, die in Wartezimmern mit zombigen Zügen und Ärzte die Patienten wie am Fließband abfertigen.

Klopf klopf, ich trete ein in meine Hausarztpraxis. Die Zombies betrachten dich aus dem Augenwinkel. Kein “guten Morgen” und ja keinen direkten Augenkontakt! Als wären Augenblicke ansteckend. Die Praxishelferin sitzt geduckt an Ihrer Rezeption mit Blick in die Akten. Kassenkarte übergeben und ab zurück ins Zombiezimmer. Nach einer gefühlten Ewigkeit ruft eine Stimme “Herr Vu”. Ich dackele in Zimmer Nummer 1 und warte bis ich abgefertigt werde. Der Arzt tritt ein, blickt mich schweigend an. “Guten Tag, ich bin der Herr Vu und Sie?” grüßte ich Ihn provokativ mit einem Lächeln.

Das war meine erste Begegnung mit Herrn Doktor in meinem aktuellen Wohnort. Höflichkeit und das Einmaleins zwischenmenschlicher Beziehungen verliert man wohl im Hamsterrad des Gesundheitssystems. Er kehrt seinen Blick auf den Bildschirm zurück, ich dachte ich sei als digitaler Native dem Screen unterworfen, doch nein, auch ein Arzt scheint den Bildschirm als Kommunikationspartner gefunden zu haben. Also spricht er mit dem Bildschirm und schlägt in seine Tasten ein. Nickt dabei und spielt weiter auf seinem QWERT-Klavier die Anamnese in Moll.

Die Würfel sind gefallen. Antibiotika, Schmerzmittel oder Blutabnahme. Ein medizinisches Roulette mit bunten Pillen-Smarties.

Keine Schwarzmalerei unseres Gesundheitswesen

Sicherlich denkst Du, “ach das ist doch nur ein Einzelfall” oder “mein Arzt ist viel besser”. Bestreite ich nicht, unsere Praxis ist auch gut. Und wenn man die Menschen etwas näher kennt und ein paar mal “Patient” gewesen war und seine Wehwehchen zeigt, gibt es auch ein Lächeln und ein “guten Morgen”. Doch das ist meiner Meinung nach die “User / Customer Experience”, die viele erleben. Und ich wette mit dir, dass jeder von Euch die gleiche Erfahrung gemacht hat.

Und hier steigen Startups ein. Sei es Amazon (ja, ist kein Startup aber automatisiert und die nehmen Service und User Experience Ernst!), Uber, Debitoor oder wie sie alle heißen. Sie steigen da ein, wo verkorkste Organisationen / Systeme das Ende des Produkt-Lebenszyklus erreicht haben und sich nur über Marketing, Bestandskunden und den Status Quo über Wasser halten. In der Gesundheitsbranche wünsche ich mir ein solches Startup. Der Besuch zum Arzt soll Spaß machen, man möchte sich als Mensch und Patient fühlen. Ob gesetzliche oder private Versicherer. Doch der Veränderungszahnrad in der Wohlstandsgesellschaft kombiniert mit politische Stagnation gepaart mit diskussionsmüden selbstverliebten Politikern dreht sich langsam, manchmal denke ich sogar rückwärts.

Wie können wir die Patienten Experience verbessern? Dadurch, dass der Arztbesuch wieder menschlich wird. Auf Augenhöhe, mit Herz und mit Leidenschaft. In meinen Beratungsgesprächen mit Kunden zitiere ich den Satz “Die Digitalisierung verspricht einen besseren Kundenservice, in dem sich Mitarbeiter wertschöpfender Arbeit (wie z.B. Support und Beratung) widmen können und wertlose Arbeit durch Automatisierung ersetzt werden.” Ist es wirklich die Aufgabe eines Arztes ein Patientengespräch abzutippen? Muss sich eine Arztpraxis mit Rechnungen / Krankenkassen herumschlagen?

Ein kurzer Ausflug in die Zukunft — Amazon Alexa für Patienten und Ärzte

Das Behandlungszimmer besteht aus zwei Stühlen und einem kleinen Tisch. Ausgestattet wie ein IKEA Wohnzimmer. Modern aber doch gemütlich. Ein kleines Gerät liegt zwischen mir und dem Arzt, idealerweise nicht sichtbar. Er fragt wie es mir geht. Ich fange an zu erzählen. Er schaut mir in die Augen und beobachtet meine Hände, Haut, Haare und hört auf die Intonation meiner Sprache. Meiner Meinung nach hilft eine gründliche und Beobachtung und ein konzentriertes Zuhören viel. Das Gerät zeichnet alles auf. Strukturiert meine Sätze in Taxonomien, klassifiziert diese, lässt den generierten Text durch ein neuronales Netz laufen und gibt uns Wahrscheinlichkeiten und Indikationen einer oder mehrerer Krankheiten an. Eine computerunterstützte Anamnese und am Ende sogar Diagnose. Nichts Neues. Auch Google arbeitet mit DeepMind in der Medizin an einer Lösung.

Krankheit ist ein menschliches Problem und braucht auch den Menschen. Ob es eines Tages ein Deep Thought wie aus dem “Film Per Anhalter durch die Galaxis” als Arzt fungiert, denke ich nicht.

Dennoch, das Gesundheitswesen braucht drastische Veränderungen. Ich bin mir sicher, dass folgende Fragen und Probleme heutzutage durch Technologie beantwortet und teilweise gelöst werden können.

a) Warum muss ich als Patient meinen Blutergebnissen nach telefonieren?

b) Warum sind Blutergebnisse für den Patienten unverständlich?

c) Warum werden Medikamente verschrieben, die ganz klar durch den Hinweis der Packungsbeilage nicht gut für dich sind (ist meiner Frau passiert)?

d) Warum müssen Menschen mit Schmerzen 11 Stunden in der Klinik warten bis ein (Ober)Arzt kommt?

e) Warum muss ich zwei Hausärzten aus der gleichen Praxis das gleiche erzählen?

f) Warum misstrauen wir Ärzten und fragen nach einer zweiten oder dritten Meinung?

Die Fragen kann ich endlos fortführen. Gerne möchte ich die Frage a) in einem meiner nächsten Beiträge auseinander nehmen. Warum? Weil ich krankheitsbedingt innerhalb von 2 Monaten viermal Blut abgezapft bekommen habe. Zudem lebe ich hier in einer Stadt in der einer der größten Labore in Europa ansässig ist, die unter anderem Blut analysiert. Vor kurzem hatte ich eine kurze Besichtigung durch den Neubau erhalten. Beeindruckend sage ich euch!

Wie in meinem ersten Beitrag habe ich zu viele Hirngespinste. Also werde ich in meinem nächsten Beitrage ein Business Model Canvas für mein fiktives Startup sangu.io vorstellen. In der Hoffnung, dass eines Tages einer dieser Labore mehr machen als nur Blut zu analysieren und damit die Patienten Experience fühlbar und drastisch verbessern!

Menschen tendieren schneller gesünder zu werden, wenn Sie in einem positiven Umfeld sich befinden. Für diese Erkenntnis brauchen wir keine Statistiken oder Forschungen. Zombies, Fließbandarbeiter und Ducker unterstützen das positive Umfeld nicht. Aus diesem Grund brauchen wir eine wirkliche Disruption in der Gesundheitsbranche. Die Digitalisierung kann helfen!

Übrigens kennt Ihr schon mein privates Projekt? Die Gesundheits-API?