Besinnungsaufsatz

Veröffentlicht im “Bielefeldbuch”, Verbrecher Verlag 2003

Im Frühjahr 1978 nahm mich mein Vater bei der Hand. Wir sollten doch mal die Einweihung der Endstation sehen gehen. Wenn ich mich recht erinnere, fuhr da einfach eine schützen-festmäßig geschmückte Stadtbahn vor. Es gab immerhin ein für Milser Verhältnisse großes Gedrängel, Leute aus Brake und Altenhagen mussten da sein. Und es gab „Freibier“, da bin ich mir noch ziemlich sicher. Eine traute Gemeinde aus drei Vororten begoss, dass Milse nun Endhalt der Linie 2 war. Später sann ich manchmal in der leeren Bahn ab „Rabenhof“ nach, wen da die Raben fraßen, und warum ein mit Wohnblöcken zugestellter Ort „Baumheide“ hieß. „Milse ist Emils slime“, dachte ich dann.

„Bie-le-feld! Bie-le-feld!“ Dieser Schlachtruf für eine anerkannte Fahrstuhlmannschaft hat sich in mein Hirn gefräst. Der Ruf konnte irre hochbrausen, wenn ein Tor gefallen war und nur noch offen schien, ob die Welt sich links- oder rechts um die Sparrenburg drehte. Oft war es allerdings nur Trotzgeschrei und klang wie Büüüü-lö-fällt!“ Ich kann mich an kaum ein Spiel erinnern, bei dem nicht hinterher unter dem Krachen zertretener Plastikbecher verbittertes Murmeln zu hören war – geredet wurde vom nun wirklich letzten Mal, dass man sich so was antue. Trost war dann, wenn sie im Radio den „Hexenkessel“ der „Alm“ lobten. Beeindruckend war der Pfeifer von Block 8. Jeder kannte ihn, denn sein schrilles, zunächst langgezogen abfallendes Pfeifen, das in ein „Tsitsi-pü-tsitsi-pü“-Trillern mündete, drang noch in jede Konferenzschaltung. Hörte ich sein Pfeifen gar abends in der Sportschau, stellte ich mir vor, wie er jetzt zufrieden dem Fernseher zuprostete. Wie der Pfeifer mieden auch meine Eltern den Fanblock. Da, wo wir hingingen, irritierte die Leute am ehesten meine schwär-merische Schwester, indem sie erst jahrelang bei jedem Spiel lautstark auf die Einwechslung von „Stolper-Harry“ (Ellbracht) drang, und dann, nachdem Harry den Verein gewechselt hatte, nur noch zu 1860 München hielt.

Ostwestfalen ist blitzsauber, was Einheimische nicht mal merken. Obgleich Helfer bei einer Viehzählung Mitte der 80er – Fazit: Milse hält weiterhin die Hühnerzucht in Ehren – kann ich mich kaum auf Gerüche besinnen, außer Misthaufengestank bei den wenigen Bauern, die ihr Land nicht an Haushälftenbauer gaben. Es gab auch den sengenden Duft des Einschweiß-brenners bei Cornelsen. Jeden Sommer zog ich dort mit dem Handkarren durchs Lager und stellte Schulbücher zusammen. „Einschrumpfen“ nannten sie den Vorgang, bei dem ein Plastikverhüterli über Büchertürme gestülpt wurde, die dann mit einer Art Flammenwerfer an die Palette gepappt wurden. „Achtung, ich schrumpfe!“ hieß es da öfter.

Ende der 80er veränderte sich meine Jugendkrippe, das PC 69. Mehr und mehr marschierte dort Dance Music ein, und bald standen statt tiefschwarzer Sisters oder kitschlederner Mission nun Gruppen wie De La Soul auf der Bühne. Die wussten meist nicht mal, wo sie spielten, ließen uns aber mit einem 50-Minuten-Witz von Auftritt wissen, dass dies keine wichtige Stadt sein konnte. Der bunter werdende Mix an Samstagen und Mittwochen sorgte für Drängelwechsel auf der Tanzfläche. Mancher hetzte von der Empore los, um nicht plötz-lich auffunkelnde Klassiker wie „Headhunter“ zu verpassen, und stieß dann auf der Treppe mit genervt flüchtenden Jeansjackenpoppern zusammen. Hattest du deinen Platz erobert, spürtest du in der Tanzmasse bei allem Andrang immer auch Abstand. Durch diese Coolness pflügten Waver, die du außerhalb des PC höchstens beim Griechen nebenan treffen konntest. Mir gefiel am besten die sagenumwobene Riesenfrau mit dem Vogelnest aus nachtfarbenem Haar.

Damals ertrug mich unter anderem ein nettes Mädchen aus Frunse, heute Bischkek. Sie hatte sich mit ihrer Familie von Kirgistan aus gen Baumheide gemacht. Weil sie viel rauchte, schmeckten ihre Küsse irgendwie immer nach großer Weite. Übernachtete ich bei ihr, lag ich mit dem Rücken zu einer Weltkarte. Und begann andere Orte zu erahnen.