Duplex —Erzählung aus Berlin (1)

Leseprobe: erstes Kapitel (“A”)

23. September 2007

Als die Tür des Flugsteigs aufglitt, endete sein Sommer. Claire lief allen voran. Ihr Halt in seinen Armen fiel knapp aus. „Ich muss mal!“ Sie folgten Wegweisern, und Claire verschwand über eine Wendeltreppe. Ihm fiel ihr Anruf vom Stopover in Heathrow ein. Da suchte sie auch schon ein Klo.
So stehengelassen, musterte Eric ihr Gepäck. Sie schleppte ihren karierten Sechziger-Jahre-Koffer mit, eckig prall, Bücher. Aus ihrer Handtasche ragte ein beige verpacktes Geschenk. Noch ein Buch, bestimmt für ihn. Gespannter war Eric auf den klobigen Rollkoffer. Es lag neue Wäsche darin, wusste er vom Telefon. Neuerdings trug sie Strings.
Claire kam die Treppe hoch. „Eng hier, das soll Berlin sein?“ Eric setzte den Trolley in Gang. Er zwickte seine Freundin, wollte sie dringend heimbringen. Sie zwinkerte wissend. „Wie lang haben wir uns nicht gesehen?“ Es waren dreizehn Wochen.
Auf dem Parkplatz staunte sie. „Ein Sportwagen? Da passt ja nichts rein!“ — „Das ist mein Z4“, erklärte Eric. Wofür hatte er ihr seinen Katalog in Kanada gelassen? „Damit sind wir in zwei Stunden an der Ostsee.“ Doch der Wagen beeindruckte sie nicht.
Tiefergelegt im Z4 fanden sie die Ruhe, einander vernünftig in die Augen zu sehen. Claire ließ einen Moment von ihrem Gurt ab. Was siehst du?, fragte ihr Augenblau. Dass du müde bist, jetlagged, sagte er sich. Und doch die Schönste. Sie hatte das Blond zurückgebunden, ihr Gesicht lag frei vor ihm. Noch klaffte der Atlantik zwischen ihnen, mental.
Der Mittagshimmel war unzweideutig blau. Die Sonne lachte dem verflossenen Sommer hinterher. Sie rauschten vorbei an Autohäusern, Schrebergärten, und da, der Gedenkstätte Plötzensee. Sollte er für sie Berlin-Infos abspulen? Aber Claire wirkte müde und abgelenkt. Sie fand ein Schild lustig: „Wedding, ist das ein Stadtteil?“
Es ging Richtung Mitte. Claire berichtete von ihrer Langstrecke. Sie hatte sich Businessklasse gegönnt. Eric fragte, wie die Weine waren. „Keine Ahnung.“ Nanu? Für teures Geld die Business buchen, und dann nicht die Vorteile auskosten?

Eric trägt ihren Stahlkoffer ins Schlafzimmer. Im sonnengefluteten Erker wirft er sich in seinen Stammsessel. Frische Luft dringt herauf, Claire hat auf der Eingangsetage Fenster aufgerissen. Seine Maisonette liegt mitten in Mitte, hinter dem nächsten Block strahlt ein Stück Gendarmenmarkt. Eric hört Claire über die Freitreppe hochsteigen. Ihre Stimme hallt, als sie das erste Urteil über sein Duplex fällt. „Hübsch — etwas unpraktisch vielleicht.“
Kurz darauf kommt sie mit nassen Haaren aus dem Badezimmer. Wirft sich aufs Bett. „Kurz Batterien aufladen.“ Dabei ist in Kanada jetzt Aufstehzeit. Bevor er etwas erwidern kann, ist sie eingeschlafen. Ihre Brust hebt und senkt sich in ruhigen Atemzügen. Eric schiebt den Vorhang zu, trennt seinen Erker vom Zimmer ab, so dass Claire im Dunkeln liegt.
Er zieht das Handy aus der Hintertasche. Da hatten am Flughafen zweimal Nachrichten vibriert. Im Sommer wäre eine der Meldungen von Stef gekommen. Sie hätte ihn bei solch einem Wetter eingeladen, mit zum Wannsee zu fahren. Doch beide SMS stammen von Lisa. Sie lockt, sie quengelt — löschen, löschen. Er schaltet das Telefon aus, lässt es für heut auf der Fensterbank liegen.
Er stellt sich eine Arschbombe vor. Ka-platsch — der See haut Eric eine Doppelwatsche. Wasser schlägt über ihm zusammen, schraubt sich in den Himmel. Parallel rauscht er in kühle Tiefen. Keine Angst! Halt dich hier auf! Doch schon heben ihn Perlen und Bläschen wieder an die Oberfläche.
Zu ihr legen, Claire nah sein, endlich? Nein. Später kann er sich an sie schmiegen, so wie bei hundert Telefonaten versprochen. Eric will Geduld üben. Claire darf ausruhen. Danach können sie für Berliner Abendluft um den Block ziehen. Und dann …
Hinter diesen Vorhängen ist im Sommer nichts passiert, da konnte Lisa locken, wie sie wollte. In diesem Erker saß Eric immer allein. Hat auf die Ankunft von Claire getrunken. Von hier aus hat er sie angerufen. Danach ist er losgestürzt, raus, an einen See, oder in die Nacht. In diesem Schlafzimmer passierte jedenfalls nichts. Er –
ist selbst eingenickt. Unternehmungslustig steht Claire vor ihm, lacht wach, klar für die Stadt. Fragt, ob sie auf einen Aussichtspunkt können. Sie hat gelesen, über dem Alex dreht sich ein Restaurant. Ihr Blick geht zum Stahlkoffer, aber Eric winkt ab. „Musst dich nicht stylen. Du bist in Berlin.“

Claire geht durch Mitte. Endlich ist sie da. Alles soll gut sein, komplett. Eric wird sie mit allem bekanntmachen. Als erstes sieht sie die Friedrichstraße. Da tummeln sich Hauptstadtausflügler, Kegler, Wahlkreise, Bayern- und Schwabengruppen. Claire hört die Nuancen nicht, sie kann kein Deutsch.
Einige Namen machen neugierig: Galeries Lafayette, Boca di Bacco … Sie freut sich darauf, mit Eric die Stadt zu erkunden. Er lotst sie über den Gendarmenmarkt, die Jägerstraße herunter, vorbei an der Townhouse-Baustelle. Die Tour geht ihr zu schnell. Er soll ihr berichten, von den Gebäuden, der Geschichte. Und von seinen Geschichten! Am Telefon hat er nicht viel erzählt.
Zickzack geht es weiter: Palast der Republik im Abriss, Berliner Dom. „Lustgarten“ liest Claire von der Bushaltestelle ab. Ihr Kommentar zur Spree: „Dieser Kanal stinkt.“ Sie verweilt vor Marx, Engels, dreht sich vor dem Denkmal in Kreis. Ihre Augen wandern über den wilden Gebäudemix, Rotes Rathaus, den Fernsehturm hoch. An Claires Konturen streichen Erics Hände aufwärts, Hüfte, Taille, Brüste. Claire kann ihn greifen, seinen einen Gedanken: hätte er sie nur gleich nach der Ankunft vernascht!

Unten im Fernsehturm stehen Automaten, Souvenirs in Plastikkapseln, ein Münzpräger — und jede Menge Touristen. Claire tätschelt ihre Magengegend. Sie seufzt. Klar, sie langweilt sich. Was die Leute in der Schlange reden, sagt ihr nichts. Die Familie vor ihnen diskutiert Eispreise. Mutti hat blondoxidierte Haare, Papi hängt die Matte in den Nacken, auch bei den Gören ist der Stil erkennbar — „Vokuhila“.
„Hereinspaziert!“ Der Liftmeister rollt das R. Claire drückt sich an Eric. Der Schnauzbart lässt den Lift gnadenlos volllaufen. Wie schon am Flughafen entdeckt Eric etwas Fragendes in Claires Augen. Es lässt sie verletzlich aussehen. „Die Aussichtsetage liegt auf zweihundertdrei Metern“, leiert der Liftmeister.
Oben legt Eric den Arm um Claire. Er hatte ihr in Ottawa einen Wilder-Film zukommen lassen, „1–2–3“. Eric zeigt, welches Berlin sie von daher kennen kann. Deutet Richtung Brandenburger Tor. Auf halbem Weg zum Tor liegt sein Wohnblock. Links davon, am Ende der Leipziger, befindet sich die kanadische Botschaft. Dort dient Eric.
Sie schauen zum Prenzlauer Berg und seinen Mietskasernen. Blicken ins Grau des Alexanderplatzes. Neben ihnen, aufs Geländer gestützt, spricht ein Pärchen über das neue Shoppingzentrum. Bei der Eröffnung musste die Polizei anrücken, alle wollten Flachbildschirme ergattern, mitten in der Nacht. Eric fällt Lisas Mann ein, der Abteilungsleiter. Hinter dem Forum Hotel steht sein Ministerium, auch so ein Ost-Bauklotz. Die Fassade wurde mit Buchstaben aufgehübscht, Romanzitate.
Schließlich sitzen sie oben im Drehrestaurant, er mit Campari, sie hinter O-Saft. Die Kellnerin klickt ihnen auf der Umlaufbahn die goldene Tischlampe an, denn die Sonne verabschiedet sich bald. Erics Fantasie fliegt zu Stef. Einen Sonntag wie diesen wird sie draußen verbracht haben, am Wannsee. Sie bringt gerade ihren Müll vom Strandtag weg, Apfelsinenschalen, Kekspapier. Vor dem Heimzuckeln nochmal schwimmen? Später, in der S-Bahn, rieselt angetrockneter Sand von ihren Waden.
„Zeit für dein Geschenk!“ Claire greift unter den Tisch. Die Hülle fällt, Claire schaut jetzt gespannt, voilà. Es ist dies schwedische Buch über das Leben vor der Geburt, ein Fotoband. Baby, im Bauch, in bunt. Das Telecafé rotiert weiter. Claire strahlt, ohne zu lachen, sie will seine Reaktion aufsaugen.
Eric begreift langsam, weiß, was zu tun ist. Er setzt sich rüber zu ihr. Nimmt ihre Hand. Hat verstanden, ist zweifellos gerührt, und lächelt sie so auch an. Berlin verschwimmt. „Du wirst Papa“, sagt Claire. Draußen, dieselbe Sonne, geht unter.

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