Duplex — Erzählung aus Berlin (2)

Leseprobe: zweites Kapitel (“B”)

1.Oktober

Beim Einschlafen spürt sie, Eric liegt in Gedanken. Claire kennt das aus Kanada, am Ende des Tages hat er wenig Lust auf Gespräche. Er tappt durch seinen Kopf. Fegt Begebenheiten in Ecken. Er sollte seinen Dad anrufen, findet sie. Eric hat ihm noch nicht eröffnet, dass er Opa wird. Doch auf eine Woche kommt es auch nicht mehr an.
Nach der Arbeit stößt er auf eine Claire, die sich seit Stunden auf ihn freut. Es geht ihr gut, sie hat die Schwangerschaft im Griff. Kochen macht ihr wieder Spaß, Kotzen war in Ottawa. Sie zeigt Eric, was sie im Duplex zurechtgerückt hat. Kurz streiten sie, wieviel Platz ein Baby braucht. Bei Tisch erzählt Claire, was sie heut in Mitte besichtigt hat. Erzählt von ersten Kontakten mit Mitbewohnern, Vicky und Tom, ein deutsch-britisches Pärchen über ihnen, „junge Eltern“.
Peinlicher Moment, als sie Eric fragt, welche Tipps er in der
Botschaft eingeholt hat. Sie sucht einen Gynäkologen und einen Deutsch-lehrer. Eric hat sich nicht gekümmert. Sie versteckt ihre Enttäuschung hinter einem Lachen. „Wo hast du deine Gedanken?“ Sie will den Arzttermin für Eric, zur Anschauung. Für sich selbst hat sie alles in Kanada checken lassen.

In der Botschaft wahrte Eric Distanz. Er hatte in seinem Einführungskurs miterlebt, wie Kollegen Kontrahenten wurden. Die kramten dann im Ordner „Privat“ nach belastendem Material. Nur mit Isabelle machte Eric mal ein Päuschen. Als Sekretärin kannte sie die besten
Geschichten. Soeben hatte man sie nach Ottawa zurückgerufen, ins Lagezentrum. Nun saß niemand Interessantes mehr auf dieser Etage.
Die Visastelle war ein Großraumbüro und förderte doch keine
Kommunikation. Tag für Tag war alles auf pünktliche Flucht hin durchorganisiert. Morgens um neun schob man sich in seine Ecke. Die Antragsstapel kippten einem entgegen. Quentin, der Visastellenleiter, schlurfte ohne ein Wort an Eric vorbei. Die Tür seines Einzelbüros blieb geschlossen bis zum allgemeinen Abflug, Punkt halb sechs. Alle anderen erzählten beim Kaffee bestenfalls, was sie am Wochenende
unternommen hatten.
Eric musste eh den halben Tag reden. Und zwar freundlich! Oder zumindest sachlich, mit zugemüllten Ortskräften, frustrierten Visa-bewerbern. Da gab es die Telefonsprechstunde, bei der Eric den Ortskräften beisprang. Noch vertrackter waren Bewerbergespräche in der Botschaft. Denen konnte Eric oft nicht entgehen. Auch heute würde ihm wieder ein Spund auf den Mund schauen, Aram hieß er, sechsundzwanzig Jahre alt wie er selbst, Aussichten auf ein Visum gleich null.
Eric rief bei Yves in Damaskus an. Sie hatten im Einführungskurs nebeneinander gesessen. Yves diente jetzt in Syrien, und Aram hatte als Heimat „Syrisch-Kurdistan“ angegeben. Der Kurde hielt sich mit Duldung in Berlin auf, jobbte im Kopierladen eines Onkels. Wollte nun nach Dundas, Ontario. Sein Bruder führte dort eine Kfz-Werkstatt, nächsten Monat heiratete er. Die Einladung war eine ausgedruckte
E‑Mail mit Blumengirlanden.
Erics Gespräch mit Aram war ein Nachspiel. Den Antrag auf ein
Touristenvisum hatte Erics Ortskraft abgelehnt. Daraufhin hatte Arams
Onkel eine Beschwerde an den Botschafter gefaxt. Aber Kanada
würde immer wieder ablehnen: „Rückkehrbereitschaft fraglich“. Selbst wenn Eric sich auf die Hochzeitseinladung einließ, würden die Sicher-heitschecker in Ottawa den Antrag killen. Darum war Eric dieser
Höflichkeitstermin so lästig — vergeudete Zeit. Anstelle dessen hätte er unkomplizierte Fälle abarbeiten können.
Als Yves ans Telefon ging, schaute Eric ihm in die Augen. Auf dem Jahrgangsfoto in seiner Büroecke standen sie nebeneinander ganz
hinten. „Kannst du mir zu Syrisch-Kurdistan helfen? Der Länder-bericht taugt nichts.“ — „Den hab ich geschrieben!“ Yves tat empört. „Lies gefälligst genau, schau bei den Ereignissen von 2004.“
Der Großraum war zum Lunch, Eric konnte frei reden. „Claire ist schwanger!“ — Yves gratulierte, wünschte alles Gute, fragte. Wurde nur wortkarg, als Eric zurückfragte, wie es bei ihm zuhause lief. Yves zog andere Themen vor. Erzählte von Syrerinnen, die noch im achten
Monat ihren Bauch in einen Flieger schmuggelten. „Nur, um ihre
Babys in Kanada zur Welt zu bringen!“

Xaver, der Pförtner, drückte die Schleusentür auf. Die Botschaft entließ ihr Personal auf den Leipziger Platz. Draußen der Herbst war zum in die S1-Springen. Nach durchwachsenem Wetter war gestern der Himmel aufgerissen, passend zum Berlin-Marathon, den ein Weltrekord krönte. Eric schlenderte. Claire erwartete ihn nicht vor sieben. Dann wollte sie ihm Lachs auftischen.
Wohin? Im Sommer war seine erste Station stets das Eiscafé in den Arkaden. Von dort ging es bei Regen weiter ins Kino. Bei schönem Wetter stoppte Eric im Duplex, rein in die Jeans, dann in die Strandbar Mitte, seinen Buddy Micha treffen. Sie hingen mit Bier in Deckchairs, tratschten. Winkten linkisch den Spreeboot-Touristen zu. Manchmal sackten sie im Greenwich ab, Michas Lieblingsbar.
Mehrere Wochenenden im Juli verbrachte Eric mit Stef. Die hatte ihn am Potsdamer Platz angehauen. Sie musste Eric aufs Korn genommen haben. Stef betreute Flüchtlinge, jagte stets nach Infos, um noch besser zu beraten. Eric nahm ihre vielen Fragen und Kommentare in Kauf. Sie fuhr Vespa, zeigte ihm, was ihr in Berlin gefiel. Es war ein Spiel.
Ein Papa mit Buggy zog vorbei, schreckte Eric aus seinen Erinnerungen. Auf das Baby konnte Eric keinen Blick erhaschen. Der Wagen aber prägte sich ein: vorn verkümmerte Räder, futuristischer Plastik-aufbau, daran das Körbchen wie eine Nussschale. Das also war Erics Zukunft. Er wurde Papa, mit Doppel-A: Paapaa! Oder triple a: aaah! Eric wusste es nun seit einer Woche, hatte aber weder Rat noch Plan.
Er ging am alten Gebäude vom Tresor vorbei. Bog ab in die Wilhelmstraße. Er würde gleich den Pariser Platz links liegenlassen, um eine Weile die Spree entlangzutraben. Danach könnte er einen Abstecher zum Kulturkaufhaus machen. Mit Büchern würde er Claire eine Freude bereiten. Ein Vornamenlexikon wäre lustig. Vielleicht würde sie dem Baby einen deutschen Namen dazu packen.
Die Wilhelmstraße ließ Eric an den August zurückdenken. Beim Sommerfest in der Tschechenbotschaft waren er und Micha abgestürzt. Das Ostblockambiente war surreal. Ein Militärattaché hatte ihnen
erklärt, wo es zu Hitlers Bunker ging, ganz früher. Jetzt stand da ein China-Restaurant. Eric ging schneller. Die Strecke bis zur Spree bot auch nur versunkene Geschichte.
Die Friedrichstraße wimmelte um diese Uhrzeit von Leuten.
Touristen standen im Drogeriemarkt an. Consultants glotzten bei Starbucks aus der Vitrine. Ein paar Beamte zog es schon zur S-Bahn,
mit der sie dem Stadtrand zuflüchteten. Unten im Kulturkaufhaus checkte Eric das Konzertangebot. Fand sich ein Event für Claire?
The Dubliners lebten noch.

Die Ratgeberwand in der ersten Etage war breit und hoch.
Hunderte Bücher drehten ihm den Rücken zu. Eric scheiterte an dieser Mauer. Was brauchte er doch gleich? Schwangerschaft, Geburt und Kindheit waberten hinüber in die Pubertät, ein dickes Kapitel für sich. Auf einem Bord lagen Bestseller bereit. Eric griff zum „Lexikon der Vornamen“.
In den Schwangerschaftsratgebern fand er Stellen über Sex. Die meisten Texte waren so vom Schlage: „Alles, was Ihnen gut tut, ist
erlaubt“. Und natürlich: „Reden Sie immer über alles!“ Das galt auch für Sex. Es wurden Stellungen bebildert, die auch im achten Monat noch funktionieren sollten. Claire und er müssten besprechen, ob
etwas lief. Bisher war nicht viel gelaufen.
Eric fühlte sich in die Pubertät zurückversetzt. Wie ein Junge schlich er hier herum, als flüsterten diese Bücher ihm etwas zu. Er
erblätterte ein paar Infos. Da stand, mit Sex ließen sich die Wehen einleiten. Ein paar Regale weiter sortierte eine junge Frau Bücher, eine Azubi wohl. Als sie aufblickte, schaute er weg, zog einen ayurvedischen Ratgeber aus dem Regal. Demzufolge sollte er das Kinderbett nach Osten ausrichten.
„Kann ich — Ihnen helfen?“ Das Mädchen stand jetzt neben ihm. Sie hatte rote Haare, mit Locken, die an Orange grenzten. Sie war zwei Regaletagen kleiner als Eric, er konnte ihr Namensschild nicht erkennen. „Danke, ich schaue mir den Bücher an.“ Sein Akzent war ein Reflex: Er wollte fremd klingen. „Ich suche ein Geschenk für meinem Freund.“
Aha, sein Freund wurde Papa. Bevor Eric wusste, wie ihm das raus-rutschen konnte, beriet sie ihn. Musterte ihn dabei aus grünen Augen. „Wer weiß, wie viele dieser Bücher Ihr Freund schon kennt. Bringen Sie ihm mit, was er später braucht!“ Sie hielt ihm ein Taschenbuch
unter die Nase. Es hieß: „Lexikon der Erziehungsirrtümer.“
Eric nahm das Buch aus ihrer Hand. „Danke“, sagte er. Sie lächelte
ihn an. Sie hatte diese weiße Haut, so typisch für Rothaarige, einschließlich Sommersprossen. „Nach dem Bezahlen verpacken lassen!“ riet sie ihm. Dann ging sie zurück in ihre Ecke. Die Locken reichten ihr bis zur Taille.
Noch im Erdgeschoss war sein Gesicht leicht errötet. Die „Erziehungsirrtümer“ legte Eric irgendwo ab. Das Vornamenbuch langte für heute. Vor dem Kaufhaus stach die Luft, kühler als sonst. Bald würde die Berliner Kälte einbrechen, von der Micha ihm vorgejammert hatte. Einen Moment suchte Eric zwischen den Häusern den klaren Himmel. Dann setzte er sich in Bewegung.

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