Eine Wohnung erzählt (22/24)

Wieviel Kartons werden es am Ende sein? Studenten bringen sie. Ich habe schon würdigere Umzugspacker gesehen, und auch kräftigere. Kräftigere Packer tragen zwei Kartons übereinander. Und würdigere Packer tragen Latzhosen mit Firmenaufschriften, nicht Jeans und zerfusselte Pullover wie diese Jungs.
Ulrike überwacht die ganze Aktion. Sie steht im Flur, an der Ecke zur Küche, hat sich dort ein Glas Leitungswasser eingeschenkt. Sie hat den Eingangsbereich im Blick und auch das Balkonzimmer, das sich nach und nach mit den Kartons füllt. Ihr Gesicht ist unbewegt. Die Idee muss sie irgendwann gehabt und sich dann ans Planen gemacht haben.
Der Transporter mit der blauweißen Aufschrift parkt mit Warnblinklicht direkt vor dem Haus, blockiert einen Behindertenparkplatz. Es muss anscheinend alles sehr schnell gehen.
Ob die Jungs, Studenten wohl, eine Ahnung von den Hintergründen haben? Selbst wenn, dürften sie nur mit den Achseln gezuckt haben. Es sind Gelegenheitsjobber, die hier einige Scheine Schwarzgeld verdienen möchten. Sie können kaum älter als zwanzig sein, Erstsemester vielleicht, und die Spielchen von Leuten im Alter von Ulrike und Nico werden ihnen egal sein.
„Danke“, sagt Ulrike, als sie den Jungs drei grüne Geldscheine aushändigt. Die Jungs trampeln aus dem Bild, die Treppe hinunter.
Zurück bleibt eine jetzt verbissen dreinschauende Frau, die sich auf den letzten Karton setzt, der noch hinterher gekleckert kam. Sie lässt den Blick über die Kartons schweifen. Die Kartons sind unbeschriftet, und so wie sie jetzt hier aufgetürmt wurden, dürfte niemand mehr nachvollziehen können, was wohin gehört. Die Kartons haben nur den Zweck erfüllt, Gegenstände eilig einzupacken und hierhin zu verschaffen.
Damit hat sie Nico also hinausgeworfen.
Ich weiß, dass er wieder auf einer Dienstreise ist. Er wird noch nichts von dieser Aktion wissen. Ich kann mir vorstellen, was nun noch kommt. Ulrike wird sich einen Handwerker bestellt haben, der die Schlösser bei ihnen auswechselt. Und vielleicht hat sie sogar schon jemanden bestellt, der ihre Sache vor Gericht vertritt. Dort regeln die Menschen ihre Trennungen. Am Ende, wenn einige Zeit verstrichen ist und alle Fragen geklärt sind, heißt das dann Scheidung.

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