Eine Wohnung erzählt (23/24)

Es muss Freitagabend sein. Mehr Leute als sonst sind unterwegs, um die Kneipen am Platz aufzusuchen. Inzwischen stehen schon die Stühle draußen. Bis hier oben hin ist fröhliches Plappern zu vernehmen.
Nico ist da. Ob er bei Ulrike vor verschlossener Tür stand und deshalb zu Sanne kam? Sanne hatte ihm auch eine Botschaft gesendet, als sie hier eintraf und die Kartons sah. Sie hatte einen der Kartondeckel angehoben, hineingelugt, nach Luft geschnappt.
Er sagt das Offensichtliche, immer wieder. „Sie hat mich rausgeworfen.“ Er geht um die Kartonstapel herum, überschlägt, wie viele Kartons es eigentlich sind. Die Balkontür lässt sich kaum noch öffnen, der Raum ist voll. Einen Spalt schiebt Sanne dennoch auf, das ist ihr dringend, als ginge von all diesen Kartons ein pestender Muff aus.
Das Schlafzimmer ist unberührt. Niemand von beiden kommt auf die Idee, sich jetzt dorthin zurückzuziehen.
Nico setzt sich auf denselben, einzelnen Karton, auf dem vor ein paar Tagen seine Frau ausruhte. Ich habe nicht mitbekommen, wie er anfing zu weinen. Sein Gesicht ist jetzt nass, die Tränen tropfen auf die Pappe. „Das ist so — gemein. So gemein!“
Für Menschen haben Veränderungen nie das richtige Tempo. Mal geht alles zu schnell, mal zu langsam.
Sanne hat Nico beobachtet. Sie scheint unter Schock. Weiß nicht, was sie fühlen soll. Am ehesten wirkt es wie Wut, aber noch ohne Deutlichkeit, worauf. Sie bleibt ruhig. „Rache nennt man das. Sie muss es schon lange gewusst werden. Und du hast nichts gemerkt. Wir beide nicht. Wir haben einfach weitergemacht wie immer.“
Seine Niedergeschlagenheit lässt sie verstummen. Das also ist Nicos Einstellung. Er könnte ja auch lachen und sich freuen, dass eine Entscheidung für ihn getroffen wurde. Über Dramatisches kann man doch genausogut lachen wie weinen.
Nico schweigt lange. Von unten dringt die Fröhlichkeit, die Sorglosigkeit des Frühlingsabends hoch.
Ulrike hat für die beiden entschieden, genau das ist jetzt das Problem. Nico soll hier bleiben, in dieser kleinen Wohnung, und Sanne soll ihn beherbergen. Darauf waren beide nicht eingestellt.
Sannes Gesicht gibt mir Rätsel auf. Es sieht ein wenig nach Ekel aus, ein Gesicht, das ich von ihr kenne, wenn sie am Sonntag auf Schnittkäse Schimmelspuren entdeckt. Ist es die schiere Masse der Kartons, die sie verunsichert? 
Sie hat die Rufe vom Platz gehört. „Weißt du was, wir gehen raus und essen erstmal was. Dann wird uns schon einfallen, wie es weitergeht.“
Er nickt.
So habe ich das schon oft erlebt. Den Menschen wird ihre Wohnung zu eng, oder es sind ihre Sorgen und Ängste, oder Überdruss, die ihnen in der Wohnung zu groß werden, und dann gehen sie raus, und nur deshalb können all diese Kneipen und Cafés überhaupt bestehen.

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