Eine Wohnung erzählt (4/24)

Vorhin knallte noch ein Mülltonnendeckel im Hinterhof. Seither ist endgültig alles still. Vor dem Haus kommen kaum noch Autos vorbei. Hin und wieder höre ich einen Rückwärtsgang, wenn jemand seinen Wagen abstellt. Vor ein paar Stunden klangen hinter allen Türen nur gleichförmig Fernseher, kaum etwas anderes war zu vernehmen, und es war, als wären den Menschen hier im Haus die Worte ausgegangen.
Es ist diese besondere Abendstille, und so glaube ich, morgen ist das, was die Menschen Montag nennen. Heute waren die Menschen im Haus ruhiger als sonst, kaum jemand stürzte morgens durchs Treppenhaus zur Tür, nur zwei oder drei Menschen liefen in Sportkleidung los. Der Mann vom Paar nebenan kam mit einer Brötchentüte zurück.
Sie nennen es Wochenende. Diese Zeiteinteilung scheint ein Menschentrick zu sein, um dem Vergehen der Tage mehr Sinn zu verleihen. Als hätten die Menschen beschlossen, bestimmte Stücke abzuteilen, um im Tageseinerlei Unterschiede fühlen zu können.
Am Samstag atmen Menschen durch. Die jüngeren werden abends übermütig, richten ihre Schönheit her, dann verschwinden sie und kommen irgendwann singend oder kichernd oder torkelnd zurück. Die älteren versuchen sich an Tätigkeiten, für die sie sonst keine Zeit haben. Jene, die Kinder haben, schleppen tüten- und kartonweise Einkäufe heran. 
Am Sonntag holen dann alle wieder Luft für das, was sie die nächste Woche nennen. Zum nachmittag hin meine ich schon zu fühlen, wie sich die Gedanken einiger auf die kommenden Tage richten, darauf, morgens wieder aus dem Haus zu eilen, ihre Autos anzulassen oder ihre Fahrräder rauszustellen.
Sanne schläft. Zuvor hat sie sich Zeit genommen im Bad. Sie hat lange geduscht und sich dann am ganzen Körper eingecremt. Im Gesicht hat sie eine grünliche Creme aufgetragen, die sie dann abwusch. Weil sie so lange für all dies Wirken an sich brauchte, dachte ich schon, sie rechnet mit Nico.
Sie hat mit ihm telefoniert, gestern und heute. Beide Male hatte er angerufen. Es war ein Gespräch zwischen Verliebten, das war deutlich.
Liebe nennt sich ein Gefühl, das zwei Menschen verbinden kann. Verliebtsein heißt, dass die Liebe ganz frisch ist. Die Mischung aus Frische und Liebe ist sehr kraftvoll. Oft sorgt sie dafür, dass die Menschen ihr altes Leben hinter sich lassen, oder zumindest, dass sie es mit neuen Augen sehen.
Verliebte haben starke Gefühle, die sie verwirren. Sie wissen nicht gut, wie sie das in Worte fassen sollen, deshalb reden sie viel, hoffen, dass dann irgendein Satz ihnen selbst und der anderen Personen erklärlich macht, was in ihnen vorgeht. Es gibt ein paar Sätze, die Verliebte immer sagen. Gern sagen sie Dinge wie: „Ich muss die ganze Zeit an dich denken.“ — „Ich auch“, sagt dann die andere Person. Das sagen sie sich oft hintereinander. Hin und wieder schweigen sie sich auch am Telefon an, und dann seufzen sie oder lachen verlegen.
Als Sanne duftend aus dem Bad kam, wirkte sie einsam auf mich. Sie trug einen karierten Bademantel, ihre Haut leuchtete hell darunter, ihre Füße suchten zerstreut vor dem Badezimmer die Schlappen, und sie kam mir zerbrechlich vor. Ihr Blick ging zur Schlafzimmertür, dann drehte sie den Kopf zur Küchenzeile, sie trat an den Kühlschrank, schwang die Tür auf und nach einer Weile wieder zu, dann ging sie zum Balkon, sah aus dem Fenster, dann wandte sie sich dem Rosenstrauß zu und atmete tief durch, dann ging sie zaghaft zurück Richtung Schlafzimmer und ich sagte mir, nein, Nico kommt heute nicht.
Und in dem Moment kehrte sie um, ging ins Balkonzimmer und holte sich den Blumenstrauß. Den setzte sie im Schlafzimmer auf einen alten Koffer, den sie als Ablage benutzte.
Und jetzt ist alles still.
Wenn Sanne schläft, fühle ich mich immer besonders stolz. Diese schöne Frau hat hier bei mir ihren Schutz! Sie ist etwas Besonderes, und ich bin es auch, weil ich sie beherberge. Beide geben wir uns etwas. Sie hat das Schlafzimmer ganz wunderbar weiß hergerichtet, weiße Bettwäsche, ein weißer Schrank, weiße Vorhänge, das alles wirkt kostbar, nur der Koffer und der Untersetzer für ihr Wasserglas sorgen für dunkle Punkte im Raum.
Ob sie träumt?
Als sie neu eingezogen war, hatte sie ein Notizbuch neben sich ans Bett gelegt. Sie wollte sich ihre Träume notieren, sobald sie wach war. Ein paar der Träume erzählte sie ihrer besten Freundin. Sie erzählte mal von einem Traum, in dem sie Geburtstag hatte. Sie war ein kleines Mädchen, an ihrem Stuhl hingen Girlanden. Ein Mann sollte die Kerzen auf ihrer Torte anzünden, aber die erste Kerze war wie verhext, sie wollte nicht angehen. Der Mann probierte es ein paarmal, dann lachte er verlegen, schließlich zündete er alle anderen Kerzen an, was tadellos funktionierte, und als dachte er, jetzt habe er die eine, erste Kerze überlistet, oder als könne er sie überrumpeln, war sein Feuerzeug wieder zu der ersten Kerze zurückgekehrt. Und noch bevor sie erkennen konnte, ob es diesmal klappen würde, war Sanne wach geworden.
Auf dem Flur, an der Wohnungstür, steht wieder ein Koffer. Es ist ein größerer Koffer als beim letzten Mal, und wenn ich es recht verfolgt habe, ist mindestens zweimal mehr Wäsche darin als bei ihrer letzten Reise, die so überraschend lange gedauert hatte.
Also wird sie morgen wohl wieder verreisen. Glücklich scheint sie nicht darüber zu sein. Ich konnte es spüren, als sie den Koffer packte, es dauerte lange, und zwischendurch ging sie zum Balkonfenster, um rauszuschauen, dabei war draußen schon alles dunkel, es gab nichts Vernünftiges zu beobachten.
Und jetzt wird die Tür aufgeschlossen.
Er ist es, Nico.
Er lugt ins Schlafzimmer. Ihr Anblick bringt ihn in Unruhe. Er atmet schnell und durch den Mund, als er beginnt, sich in einem irren Tempo auszuziehen. Nur eine schwarze Unterhose behält er an. Er steht vor dem Bett und sucht sich eine Seite aus, auf der er zu Sanne krabbeln will. Sie liegt so ziemlich in der Mitte. Schließlich hat er sich für die rechte Seite entschieden. Noch bevor er die Decke anhebt, hat sie ihn gehört. Vielleicht hat sie ihn schon vorher wahrgenommen, halb, im Schlaf? Jedenfalls zeigt sie keinerlei Erschrecken. Sie haucht, „Och“, so klingt das, und sie dreht sich ihm sofort zu. Er schaut sie an. Wie er schaut, ist kaum zu sagen, es ist gar kein Schauen, er reißt seine Augen auf, als könnte er sie damit verschlingen, und er kuschelt sich an sie, er dreht sie sich auf die Seite und umarmt sie so, dass ihr Rücken sich an seinen Oberkörper presst.
„Wie schön“, sagt sie. „Du verrückter Kerl. Wie spät ist es?“
Es küsst sie am Nacken, und ihr Gesicht zieht sich wohlig zusammen.
„Ich fahr dich nachher zum Flughafen“, sagt er.

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