Hayats Tasche

Eine Fortsetzungsgeschichte (Advent 2018)

1
Samstag, ein perfekter Tag zum Handtaschenklauen. Unter der Weihnachtsbeleuchtung drängen sich die Leute. In dieser kostspieligen Jahreszeit wird es früh dunkel. Viele haben Lohn bekommen und die Taschen sind voll.
Frauen bewahren all ihre Wertsachen in einer Handtasche auf. Hast Du Dir das bewusst gemacht und Du brauchst Geld, ist es nicht mehr weit bis zum ersten Mal. Wenn Du möchtest, nehme ich Dich mit.
Vorab zwei Dinge. Erstens beklaue ich keine klapprigen alten Damen. Das wäre unfair. Erwischte man mich, würde ich vor einem Richter als besonders gemein dastehen. Wir leben eh in einer Rentnergesellschaft, in der wir Jungen einen schweren Stand haben.
Übrigens führen die meisten alten Damen nur Krimskrams in ihren Handtaschen mit sich, Klappschuber mit Fotos von ihrem Mann, der seit zehn Jahren tot ist, oder gammlige Bananen als Wegzehrung. Alte Damen führen immer Essen mit sich, und natürlich Taschentücher, oft noch echt aus Stoff, und oft auch schon benutzt. Woher ich das weiß? Als wenn ich keine Oma hätte!
Zweitens beklaue ich Frauen, von denen ich denke, dass es denen nicht schaden wird. Nein, ich studiere diese Frauen nicht stundenlang. Das würde auffallen. Aber für einen prüfenden Blick langt meine Zeit.
Ich beklaue am liebsten dumme Ziegen. Meistens sind die zwischen Zwanzig und Dreißig. Ich entscheide nach den Schuhen. Eine, die mir hinterherläuft, kann ich natürlich nicht brauchen. Also hochhackige Ziegen, wie wir sie alle kennen, gern auffällig geschminkt und mit teuren Frisuren. Ich möchte in der Handtasche später ja schon ein lohnendes Portmonee finden. Mit ein paar Tampons ist mir nicht geholfen.
Du kannst es so sehen: Ich beklaue junge Frauen, die damit früh im Leben noch etwas lernen können. Sie lernen, vorsichtiger zu sein. Begreifen, dass uns in dieser Welt alles abhanden kommen kann. Eine Erkenntnis, die niemand beim Samstagsshopping sucht, aber jeder gebrauchen kann. 
Auf meine Art bin ich geradeheraus. Schleiche mich nicht an, sondern gehe offen hinter den Frauen her und starte dann durch. Ich klaue nicht, ich entreiße. Immer gäbe es eine Möglichkeit, dass wer die Verfolgung aufnimmt, zum Beispiel ein edler Ritter. Es gibt diese Idee vom edlen Ritter. Man sieht ihn halt nie, aber es muss ihn geben da draußen. Er kann sich nicht um alles kümmern.
Du zögerst? Vorschlag: Ich erzähle Dir morgen, was bei mir herausgekommen ist. Denn die Zeit rast, gleich ist Ladenschluss.

2
Meine Beute habe ich am gleichen Abend vertrunken. Es waren 130 Euro. Damit kann man was unternehmen. Zum Beispiel gegen Ende des Abends eine Mieze einladen, auf meiner Knipskarte mitzutrinken, oder die Schluckspechte in meiner Clique glücklich machen. André war gestern dabei und noch zwei Kollegen aus dem Betrieb. Jeder gibt mal einen aus. 
So bin ich überhaupt auf die Handtaschen gekommen. War an einem letzten Samstag vom Monat mal wieder so richtig klamm und wusste, am abend bin ich dran mit Bezahlen.
Samstags wird einfach gesoffen. Ich kenne es nicht anders. Wir haben im Betrieb so ältere Typen, die funktionieren die ganze Woche nur auf Sprit. Niemand sagt etwas, wenn die sich zwischendurch zum Trinken verziehen. Das ist nicht mein Stil, und wird es auch hoffentlich nie. Aber Samstags muss schon ein bisschen was laufen. Da wird nicht viel gefragt, wir starten mit ein, zwei Cocktails, wissen, in welcher Bar großzügig eingeschenkt wird, irgendwann kommen die Schnäpse dazu.
Und jetzt sitze ich hier mit einem Kater und einem Problem.
Anders als sonst habe ich die gestrige Handtasche nicht entsorgt. Normalerweise räume ich die Handtasche an einem passenden Ort aus und lasse sie da auf einer Bank liegen. So bekommen die Frauen ihren Ausweis zurück, ihre Chipkarten für ihre Büros, ihre Kalender und so.
Gestern kam es nicht dazu.
Da vorn in der Ecke steht das gute Ding, zwischen Küchenspüle und Mülleiner, hellbraunes Leder in einem A4-Format. Findet man selten, diese Art. Hängt glatt von einer Schulter, der A4-Behälter baumelt senkrecht ab der Hüfte. 
Vielleicht ganz gut, dass ich letzte Nacht keine Frau abgeschleppt habe. Spätestens heute hätte die natürlich wissen wollen, wem diese Tasche gehört. Hätte wahrscheinlich glatt reingeschaut, und ich so unter der Dusche derweil, nichtsahnend.
In der Tasche stecken: das gestern schon um die Geldscheine erleichterte Portmonee, ein älteres, an einer Ecke schon gesplittertes Handy von Samsung, ein Döschen mit simpler Schminke, zwei lose Tampons, immer dasselbe, ein Paket Taschentücher, ein Schlüsselbund ohne Autoschlüssel, ein Döschen mit Hustenpastillen, eine Zigarettenpackung mit noch einem Dutzend Luckies drin sowie ein rotes Feuerzeug, mit in der Schachtel. Doch was noch drin war in der Tasche, und das hat mich aus dem Konzept gebracht: Da lagen so feuchte Wischtücher drin, eine grüne Packung mit einem lachenden Baby drauf, und ein paar Spielzeugautos.
Kurz vor Ladenschluss hatte ich diese Tasche einer Frau entrissen. Die wollte gerade runter in die U-Bahn, im Tiefgeschoss am Alexanderplatz, wo die Treppen abgehen zu gleich drei U-Bahn-Linien. Da ist das Menschendurcheinander immer optimal und es gibt viele Fluchtwege nach oben. Frag mich nicht warum, aber die Polente patrouilliert immer nur oben am Brunnen. Meine Beute lasse ich noch im Laufen in einer grünen Kaufhoftüte verschwinden, mit der hier eh viele rumlaufen. Später fische ich da dann das Portmonee raus und das Handy und was sonst noch brauchbar ist.
Spielzeugautos hatte ich noch nie bei meiner Beute.
Nachdem ich mich aus dem Staub gemacht hatte, saß ich auf einer Bank in sicherem Abstand, im Nikolaiviertel, und fand die Spielzeugautos in der Handtasche. Es waren vier Autos. Genaugenommen drei, denn da war ein Eselskarren dabei, ganz aus Plastik. Der Esel drehte sich blöd in seinem Geschirr, als ich ihn mir, meine Brille abgesetzt, auf der Handfläche ansah und den Karren dabei senkrecht stellte. Die Autos waren ganz klassisch aus Metall, ein Porsche war dabei, rot, ein Krankenwagen und ein grüner Bulli.

Ich saß an der Spree und fühlte mich schlecht damit, eine junge Mama beraubt zu haben. Sprang auf und lief ohne noch groß zu denken weiter bis zur Leipziger Straße, um da irgendeinen Bus nordwärts zu nehmen. Eh ich mich versah, war ich mit der kompletten Beute zuhause. Ich knallte die Tasche in die Ecke und stürzte los, erst ausgiebig Billardspielen mit André und dann ab in die Disse.

3
Kennst Du das, wenn Dir eine Idee kommt und Du nicht mehr Drumherumdenken kannst? Sie steht Dir sozusagen im Weg. Du willst Deinen Weg machen, an sich eine gerade Gasse, und da steht diese Idee und blockiert.
Ich würde dieser Hübschen gern ihre Tasche zurückgeben.
Muss mich ja nicht entschuldigen. Muss nicht sagen, dass ich es war, der geklaut hat. Ich möchte ihr die Tasche halt gern zurückgeben, und die Sache damit für mich ungeschehen machen.
Das Geld ist versoffen, okay, sorry. Aber das wäre in jedem Fall geschehen, auch, wenn ein anderer die Tasche geklaut hätte. Doch sonst wäre noch alles drin. Ich wäre der ehrliche Finder, der ihr das Ding bringt, mit Perso und allem anderen wichtigen Zeug, das sonst so nervig wäre neu zu besorgen.
Passfotos sind nie echt schön. Aber diese Hayat sieht gut aus auf ihrem. Muss ein türkischer Name sein, doch geboren ist sie hier, ein Jahr vor mir. 22 scheint mir verdammt jung, um Spielzeugautos in der Tasche zu haben. Aber was weiß ich schon. Ist vielleicht ganz normal in ihren Kreisen. Würde ich vielleicht erfahren, wenn sie und ich noch ein bisschen reden. Vielleicht lädt sie mich auf einen Drink ein. Klar, das würde sich seltsam anfühlen.
Bei der Polizei war sie bestimmt schon, die Hayat.
Ich google nach der Adresse in ihrem Perso. Ist nicht weit vom Westhafen, keine berühmte Ecke, aber auch nicht heruntergekommen. Mit dem Rad könnte ich in zwanzig Minuten dorthin.
Wo war der kleine Junge überhaupt in dem Moment? Ich denke mal, es ist ein kleiner Junge, einfach wegen der Autos. Wahrscheinlich hat sie den bei ihrer Verwandtschaft gelassen, wollte mal kurz in Mitte was erledigen, eine Freundin treffen, irgendwas besorgen. Oder einfach mal abspannen, wer braucht das nicht am Wochenende? Und dann ich so, versau es ihr.
Da gibt es natürlich auch einen Papa zu dem Jungen. Ich sollte vorsichtig sein. Genauer gesagt: sollte diese ganze Tasche zurück in die Kaufhoftüte tun und sie irgendwo entsorgen.

4
Normal hätte ich die Tasche am gleichen Tag entsorgt. Einfach in meiner Transporttüte neben einem Mülleimer absetzen, oder oben drauf auf den Behälter, oder auch reinwerfen, je nach Lage und Laune.
Mit dem Handy von Hayat hätte ich zu Job gehen können, um etwas Geld raus zu schlagen. So heißt der Typ echt: Job.
Job arbeitet in einem Handyladen nicht weit vom Humboldthain. Ich hab ihn da mal an der Theke kennengelernt, in so einer Disse, wo ich schon zu den Älteren gehörte. Hatte mich da rein verirrt, wollte nur oben in einem Laden Döner essen und hörte dann das Wummern von unten, Eintritt 2 Euro. War ein lustiger Laden, sie hatten Tischtennisplatten auf die Tanzfläche gestellt. Viele der Mädchen hatten enge Trainingsjacken an und spielten eifrig. Hinter der Theke hing das beste Schild in Leuchtschrift: „8 Bier 24 Euro“. Job sprach mich auf mein Google Handy an.
Handys waren glaub ich von Beginn an Jobs Leben. Er ist ein Bastler, hat sich alles selbst beigebracht. Der Laden gehört seinem Opa. Der hat von Handys keine Ahnung, weiß aber, wie man ein Geschäft führt. Ist so gut wie nie im Laden, dieser Opa. Es ist Jobs Reich.
Job stellt keine großen Fragen, wenn ich Montag für Montag mit einem neuen alten Handy bei ihm antanze. Bei Job fühle ich mich auch selbst nicht verpflichtet, etwas zu erklären. Im Gegenzug handele ich nie um ein paar Euro. Läuft einfach mit dem Typen. Zehn Minuten, nachdem die Fußmatte dies elektrische Knarzgeräusch ausgestoßen hat, bin ich auch schon wieder raus. Die Handys bringen mir immer nochmal so 50 bis 100 Euro ein, das ist ein schöner Start in die Woche.
Mit dem kleinen Handy von Hayat will ich nicht zu Job. Das Handy zieht mich genau so runter wie die Spielzeugautos. Es ist irgendso ein Samsung Modell, das jeder haben kann. Irgendwie sagt mir die Splitterung an der einen Ecke, dass diese Hayat es nicht so dicke hat — genau, was mir ihre Schminke schon sagte. Nicht, dass die Schminke keinen Stil hatte. Aber es war so eine typische Supermarktmarke.
Es ist bescheuert, aber ich denk mir weiter was über dieses Telefon, während mein Nudelwasser kocht. Mache mir ein Bild von dieser Hayat. Ich hab sie beim Klauen nicht mal flüchtig angeschaut, hab mir die Tasche einfach geschnappt und bin durchgestartet, mit meiner ganzen angestauten Energie von einer Woche. Jetzt würde ich gern wissen, wie sie live aussieht.
Sie war schlank, so viel weiß ich schon noch, und hatte halblange schwarze Haare. Für einen Moment hatte ich gezögert, mich gefragt, ob sie nicht zu durchtrainiert ist, ob sie um ihre Tasche kämpfen würde. Dann siegte mein Sportsgeist.
Sie hat keinen Freund, kommt mir in den Kopf. Ein Freund hätte ihr das Display schon längst repariert, oder es ihr in einen Laden gebracht.
Aber wo kommt dann das Kind her, dem die Autos gehören? 
Vielleicht ist Hayat das Handy einfach schnuppe, vielleicht benutzt sie es kaum und so ist die Splitterung eben egal. Was klar dagegen spricht, dass sie Single ist. Singles achten gut auf ihre Telefone.
Ich tippe das Display ihres Samsung an und es erscheint die Tastatur zum Entriegeln. Ob Job das knacken könnte? So etwas habe ich ihn noch nie gefragt.
Es ist Montagabend, meine Nudeln werden weich, und ich starre auf dieses Handy.

5
Wieder ein Arbeitstag hinter mir, Abendbrotzeit, und ich hab mein Diebesgut immer noch. Greife nach der Handtasche, die ihren angestammten Platz hat. Irgendwas läuft hier schief. Ich lache aber auch ein bisschen. Gebe zu, ich habe mich auf die Tasche gefreut. Habe schon bei der Arbeit daran gedacht: Heute nehme ich mir mal ihr Portmonee vor.
Mit der Firma sind wir gerade dabei, ein komplettes Krankenhaus neu zu streichen. Das wird uns zwei, wenn nicht drei Wochen beschäftigen. Gut daran ist, ich habe jeden Morgen die gleiche Anfahrt. Kommt man nicht durcheinander. Schlecht ist, wir arbeiten diesen Auftrag von Etage zu Etage abwärts ab, mit zwanzig Leuten, also praktisch der gesamten Firma. Viele meiner Kollegen mag ich nicht. Denen gehe ich gern aus dem Weg — was bei so einem Auftrag kaum funktioniert. Den Chef hab ich sowieso gefressen. Und bei so einem Auftrag lässt der sich natürlich auch mehr blicken, als einem lieb sein kann.
Das Portmonee einer Frau ist sozusagen die Tasche in der Tasche. Genauso unübersichtlich, genausoviel zu entdecken, aber auch viel Ramsch. Wieso nur bewahrt diese Frau alle Kassenzettel auf? Die Info, dass sie Frischkäse im Kühlschrank hat, bringt mir jedenfalls nichts.
Die Banksachen lasse ich beiseite. War noch nie mein Stil, und die Karten hat sie eh längst gesperrt. Hayat hat eine Vielfliegerkarte, fliegt aber nicht viel. Die Karte ist nicht Silber und nicht Gold. Hayat hat auch die Mitgliedskarte von einer Fitnessbude, der Name der Filiale steht drauf. Spricht dafür, dass sie Single ist, oder? Und dann finde ich noch die Kundenkarte von einem Waxing Studio, irgendsoeine Kette. Es gibt wirklich für alles Kundenkarten. Hayats elfte Intimrasur hätte sie da gratis bekommen. Die letzte war vor einer Woche.
Irgendwie brauche ich ein Bier. Ich trinke unter der Woche nicht, doch ich habe noch eine Flasche im Kühlschrank, und die ist jetzt dran.
Habe gleich mehrere dumme Dinge gemacht. Klauen ist nicht okay, weiß ich. Und eine Frau beklauen ist auch nicht nett. So. Doch wenn ich das schon tue, weil ich eben mit dem Geld nicht hinkomme, na, dann sollte ich mich auch auf das Geld konzentrieren und nicht so eine dumme Tasche hier bunkern. Was soll das?
Die meisten im Betrieb bessern ihr Gehalt mit Schwarzarbeit auf. Spricht natürlich keiner von Schwarzarbeit. Sie „machen was“. Darüber reden sie unter der Woche, ist auch ein bisschen Wettbewerb dabei, wer hat am meisten kassiert, wer hat die berühmtesten Auftraggeber, Fußballer zum Beispiel oder Politiker. Manche machen auch noch abends an Wochentagen was, man sieht es ihnen an. Das finden alle okay. André sagt immer, ohne unsere Arbeit bei Leuten privat würde hier bald aussehen wie in Indien.
Ich will nicht so etwas machen. André hat mich anfangs ein, zweimal mitgenommen. Irgendwie fühlte es sich nicht gut an. Die Leute waren immer so aufgesetzt freundlich, und dabei doch lauernd. Meistens waren die Leute gut betucht, wie man so sagt, aber ihr Zuhause fühlte sich so heimelig an wie eine Zahnarztpraxis. Das brauche ich abends nicht auch noch, und wenn ich am Wochenende nicht runterkomme, bin ich bald im Eimer.
Ist schon wichtig, mit wem du deine Zeit verbringst. Genauer gesagt, wann du dich überhaupt auf andere einlässt. Von Vertrauen mal ganz zu schweigen.
Das Bier schmeckt so gerade noch. Oder ist das nur meine Einbildung, und alles an dem Bier ist okay? Es ist im September abgelaufen. Ich hab mir die Halbliterpulle aus einer Laune heraus gekauft im Kiosk, irgendwann im heißen Sommer, und dann hat sich die Laune verflüchtigt.
Wieviel Dummheiten will ich noch begehen in nächster Zeit? Ich schaue auf die Uhr. Der Laden von Job hat noch auf.

6
„Na, hast Du mir wieder was mitgebracht?“
„Ich hab eine Frage. Kannst Du dieses Samsung knacken?“
„Oh. Lass sehen. Android müsste das sein. Unter Umständen kriege ich es hin, über Play Store.“
„Sagst du mir dann Bescheid und ich komme wieder?“

7
Gehe alle Einkaufszettel von Hayat durch. Das sind, gleich mal zählen, neunundzwanzig Kassenbons, Edeka, Kaiser´s, Drogerie. Der älteste ist zwei Monate alt, da steht so Duschzeug drauf, unbekannte Marke, 2 Euro 80.
Was suche ich? Vielleicht einen Hinweis auf das Kind. Aber ich finde nichts über Windeln, oder irgendein anderes Produkt, das du als Mama brauchst. Wie lange hat ein Kind eigentlich Windeln nötig, und wann kommen die Spielzeugautos? Spielt man schon mit Autos, während man noch Windeln trägt? Ich denke, ja. Könnte nicht mehr sagen, wie es bei mir war.
Male mir aus, wie Hayat einen Einkaufszettel nach dem anderen in ihr Portmonnee steckt. Hintereinander weg tut sie die, immer in Eile, weil sie ein Balg an der Hand führt, hektisch an der Kasse. Wie man das oft so sieht halt, „Moment, lass die Mama mal!“, sie packt ihren Einkauf, nimmt sich schon noch die Zeit, danke zur Kassenfrau zu sagen, und dann schiebt sie ab. Den neuen Zettel in ihrem Portmonee, die Fülle der Zettel, die es ausbeulen, hat sie schnell vergessen. Vielleicht fühlt sie sich ja reicher mit all dem Papier im Portmonnee?
Suchte ich einen Hinweis auf den Mann? Habe keinen gefunden. Sie ist Single. Kann nicht anders sein, fühlt sich alles total so an. Vielleicht waren die Spielzeugautos noch nicht mal für ihr Kind. Sie kann die genausogut bei Humana gekauft haben, second hand für irgendeinen Anlass. Oder vielleicht arbeitet sie ja in einer Kita?
Jetzt suche ich schon auf einen Hinweis auf keinen Mann. Woraus könnte man das ablesen? Viel Schokolade auf dem Kassenbon? Kein Bier?
Ich stehe vom Küchentisch auf und schaue runter auf die Kreuzung. Sehe eine Frau auf die Tram zulaufen, ungünstige Schuhe und ungünstiges Wetter dafür, und ich weiß schon, die Türen werden sich zuschieben in genau dem Moment, in dem sie ankommt. Sie drückt auch noch auf den Knopf, nur der Vollständigkeit halber, denn sie weiß es selbst, der Wagen wird stur abfahren, ohne sie.
Auf dieser Kreuzung ist es Abend. Wo Hayat wohnt, ist jetzt schon Nacht. Ich kann einfach zu ihrer Adresse radeln und ihr die Tasche da vor die Tür stellen. Aus den Augen, aus dem Sinn, hoffentlich. Doch jetzt fehlt der Tasche das Handy, Job hat es.

8
Ich stehe vor ihrer Haustür, bin bei Hayat. Es ist sechs Uhr morgens. Meine Neugier war zu groß. Nur die Traute, tatsächlich ihre Tasche mitzunehmen, hatte ich nicht. Ich beschloss, erstmal nur zu gucken, wo und wie sie wohnt.
Zehn Minuten von hier kann ich gleich in die U-Bahn, um zur Arbeit zu fahren. Und wenn ich dann wieder stupide Wände streiche, habe ich schon etwas erlebt, egal, welches Horoskop André mir vorliest.
Hayat wohnt in so einem Block mit Wohnungen, von einer Genossenschaft schätze ich. Pro Gebäude vier Etagen, auf jeder Etage links und rechts eine Bleibe, so circa. Wer hier wohnt, kennt noch seine Nachbarn, aber auch nicht echt, höchstens ein, zwei Marotten.
Hayats Nachnamen sehe ich gleich zweimal auf den abgerockten Klingelschildern. Das kann viel bedeuten. Vielleicht wohnten ihre Eltern hier schon und haben der Tochter eine Wohnung organisiert. Oder vielleicht hat sie ja einen Bruder, und zu dem gehören das Kind und also auch die Spielzeugautos?
Bei den Gedanken an einen Bruder möchte ich schon wieder umkehren. Sollte lieber vorsichtig sein. Und ich kann hier sowieso nicht auf Hayat warten, nicht heute, auf der Arbeit erwarten sie mich.
Die Gegend sieht etwas schlechter aus als vermutet. Ich dachte, so viele Spielhallen gibt es nur bei Job in der Nähe, aber zehn Meter weiter von Hayats Block ist auch gleich wieder so ein übler Schuppen. Ob ich mein Rad in dieser Gegend anschließen kann, wäre es heute abend noch da?

9
Jetzt stehe ich wieder hier, auf der anderen Straßenseite von ihrem Haus, wo so eine Art Kinderspielplatz ist. Mein Käffchen ist alle, und der Regen nieselt auf mich herab. Fühlt sich ziemlich doof an. Ein, zwei Leute kamen schon an mir vorbei. Fragten sich bestimmt für einen Moment, worum einer wie ich hier herumsteht. Dann gingen sie mit einem unmerklichen Berliner Achselzucken weiter zu der U-Bahn, von der ich kam.
Heute morgen bin ich entschlossen, Hayat zu sehen. Dafür bin ich zwei Stunden früher aufgestanden. 
Wenn ich sie gesehen haben werde, fühlt es sich bestimmt weniger doof an, ihr Haus dreimal aufgesucht zu haben.
Denn auch gestern abend habe ich hier noch rumgehangen. Erst hätte ich nach der Arbeit beinahe vergessen, mein Rad abzuholen. Dann dachte ich an Hayat, mir fiel mein Rad ein und ich fuhr wieder zu der Station. Bei der Gelegenheit schaute ich ein zweites Mal rauf zu den Fenstern ihres Hauses.
Weiß ja nicht genau, hinter welchem Fenster sie wohnt.Das nervt. Auf beiden Klingelschildern steht nur dieser Nachname, in einer gleichen männlichen Schreibschrift. Und gestern abend sprang nur einmal im Treppenhaus das Licht an. Ein sehr deutsch aussehender Typ verließ das Haus, um zu einem Spätkauf zu gehen.
Da ist sie! Es ist ein Wiedersehen mit ihrem Rücken. Ich erkenne sie an der Frisur. Ein Pagenkopf, auf den es nieselt. Keine Hand frei für einen Regenschirm. Sie kommt rückwärts aus dem Haus, zieht einen Buggy. Da hat sie den Jungen drin. Es ist also ihr Kind. Vom Kind erkenne ich nicht viel, auf dem Buggy ist ein Verdeck gegen den Nieselregen, und das Plastik ist von innen beschlagen.
Hayat läuft auf ihrer Seite eilig die Straße herunter Richtung U-Bahn. Einmal schüttelt sie unwillig den Kopf, wohl wegen des Regens.
Wie ein Automat gehe ich auf meiner Seite ebenfalls in die Richtung. In meinem Kopf glühen ein paar Ideen. Ich helfe ihr die Treppen zur U-Bahn herunter, zum Beispiel. Wir kommen ins Gespräch. Fahren zusammen in die gleiche Richtung.
Aber an der Einmündung in die nächstgrößere Straße biegt sie in die andere Richtung ab. 
Ich stehe einfach da. Klar, sie bringt den Kleinen zur Kita. Wenn ich ihr jetzt noch hinterherschleiche, ist es nicht mehr dasselbe. Das geht dann schon Richtung Stalking.
Diese Gedanken drücken mich die Treppe zur U-Bahn herunter. Ich muss zur Arbeit — genau wie Hayat wahrscheinlich.

10
Fordere ich mein Schicksal hinaus? Ich folge meinem Instinkt, würde ich sagen. Ich sitze auf einer Bank am Hackeschen Markt und suche mir mein zweites Opfer für den Tag. Möchte möglichst nahe der Kreuzung zuschlagen und dann in die Höfe reinlaufen, dort dann durch den Hintereingang wieder raus. 
André würde sagen, ich fordere mein Schicksal heraus. Er kennt so diese Art Sprüche und bringt sie auch. In der Mittagspause liest er uns unsere Horoskope vor, ob wir das wollen oder nicht. André speichert immer als erstes ab, welches Sternkreiszeichen einer hat. Deshalb lässt er sich auch später nicht abhalten, schaut einfach einen von uns an, wie wir da unsere Brote essen, und liest das Horoskop vor.
Für mich hieß es heute, ich solle gesünder leben und “erwägen”, mich mehr “sportlich zu betätigen” — es aber auch nicht gleich übertreiben.
Habe eine Edeka-Tüte dabei, in die ich meine Beute stecken kann. Hab mir beim Edeka Chips geholt und eine Cola, bei der Gelegenheit die Tüte geholt. Sobald ich meine Chips alle habe und jemand passendes finde, geht es los.
Meine erste Handtasche habe ich heute im goldenen Westen geklaut, am Wasserklops schlug ich zu und lief dann Richtung Zoo. Meine Verstecktüte war vom KaDeWe.
Die Beute war in Ordnung, 150 Euro cash hatte die Mieze dabei. Ich nahm das Geld und stopfte den Rest bei einem Zwischenstopp in einen Papierkorb. Auf dem Bahnsteig von Tiergarten ist nie was los.
Und dann dachte ich an heute abend, dass ich da Geld brauchen würde, denn eigentlich war ich mal wieder dran mit einen Ausgeben, und das Geld, das ich hier erbeutet hatte, tja, damit wollte ich ja Hayats Portmonnee wieder füllen.
Und so kam mir ein zweiter Raubzug in den Kopf, wieder so eine fordernde Idee.
Also schauen wir mal, Schicksal! Zweimal klauen an einem Tag, das hat es noch nicht gegeben. Das ist schon ein anderer Stil, und sollte eine Ausnahme bleiben.
Wer kommt denn so auf meine Bank zu? Einmal sehe ich hochhackige Schuhe, blicke hoch — und es ist ein Mann. Also, ein Mann, der sich mehr als Frau fühlt und auch so aussehen will. Ich bleibe sitzen. Das ist so ein ganz moderner Typ, der hat bestimmt kein Cash dabei, macht alles per Karte und App und so.
Die Horoskop-Warnung von André steckt noch in meinem Kopf, und das ärgert mich genug. Und das bringt mich jetzt dazu, aufzustehen. Nicht mehr grübeln, zuschlagen!
Habe mich daran gewöhnt, dass hinter mir hergeschrien wird, wenn ich mit einer Tasche davonlaufe. Sehe sogar in ein paar Gesichter, an denen ich vorbeilaufe. Dabei kommen mir die Gesichter stumpfer vor. Denn jetzt passiert mal etwas, und doch fehlt diesen Menschen die Kraft, zu reagieren. Niemand hält mich auf.

11
„Könnt ihr zwei Hübschen das bitte woanders machen?“ Einer von der Security, wie peinlich. Er kennt mich vom Sehen. Bleibt er deshalb so ruhig? Weiß nicht, wie diese Aufpasser so ticken, hatte noch nie Ärger. Wenn ich Pech habe, hat er ein Elefantengedächtnis. Dann bleibt er jetzt nett, lässt mich aber nächste Woche eiskalt nicht mehr rein.
Dabei hängen vor diesen Sitzgruppen so Fransenvorhänge, dachte echt, niemand sieht uns. Die Mieze dieser Mieze schnurrte schon unter meinen Fingern. Meine Finger hatten sich an ihren Beinen hochgefühlt. Sie spielte enorm mit. Das fühlte sich fantastisch an.
Nach der Security-Unterbrechung finden wir uns zurück im Hauptsaal. Sie und ich sind von Hundert auf Null, na, sagen wir auf Fünfzig, heiße Köpfe haben wir schon noch, die schütteln wir jetzt und fragen uns, wie es weitergeht.
„Magst Du mir zu mir?“ frage ich einfach mal, oder zweimal, zuerst hat sie es nicht gehört bei all dem Tanzflächenlärm.
„Viel-leicht“, antwortet sie, gedehnt, so dass zwei Worte daraus werden, „viel“ und „leicht“. „Ich bin mit Freundinnen hier, weißt du?“
Blind bin ich nun auch nicht. Klar habe ich die anderen Frauen aus einem Augenwinkel gesehen, als ich diese hier angetanzt habe. Die anderen wirkten ziemlich lahm.
„Weißt du“, sagt sie jetzt, „wir gehen manchmal auf Tour, immer zusammen, und dann, hm, testen wir unseren… Marktwert.“ Wieder klingt es wie zwei Worte, „Markt“ und „Wert“. Sie beeilt sich jetzt doch zu sagen. „Ich würde schon mitkommen, weißt Du?“ Sie zieht immer das Ende ihrer Sätze in die Länge.
Und plötzlich sehe ich die Tasche vor mir, in meiner Küche, Hayats Tasche. Die Tasche steht immer noch da, neben der Spüle. Nichts hat sich geändert. Schon morgen früh würde mir diese Frau hier nichts als peinlich sein, und wegen der Tasche könnte es Ärger geben.
Meine größte Hitze ist verflogen, mir fällt sogar eine Antwort ein, die ein bisschen albern klingt, aber egal, besser als gar kein Spruch. „Ich bin kein Mann für einen Test.“

12
Ich könnte so anfangen: „Hallo Hayat, hiermit gebe ich Dir Deine Tasche zurück. Möchte mich entschuldigen. Tut mir leid, wenn ich Dir Ärger bereitet habe. Mir ist klar, Du hast keinen Ärger verdient.“
Ein paar Worte nur reichen. Und doch kann ich über beinahe jedes Wort stolpern. Wer hat es schon verdient, beklaut zu werden? Die es verdient hätten, klar gibt es die, aber die sind gut geschützt. Und ich falle einfach über Leute her, die mir vor die Nase laufen.
„Hallo Hayat“ wirkt doof, wie es da auf Papier steht. Gefährlich vertraulich, es wird ihr nicht gefallen. Aber sie mit Nachnamen anschreiben ist doch auch idiotisch? Das „hiermit“ klingt auch bekloppt, wie ein Brief von der Hausverwaltung oder von der Bank.
Lege mich wieder ins Bett, und schreibe in Gedanken neu. „Hallo Hayat, ich glaube bist echt eine sympathische Frau. Leider habe ich Dich auf eine Art kennengelernt, die gar nicht geht. Gebe Dir anbei Deine Sachen zurück. Wenn Du mir verzeihen kannst, würde ich Dich gern treffen und mich persönlich entschuldigen.“
Könnte Hayat meine alte Prepaid-Nummer dazuschreiben, meine anonyme Nummer von vor zwei Jahren. Die habe ich noch irgendwo rumzuliegen.
Dieser Brief gefällt mir schon besser. Aber natürlich würde Hayat nicht darauf reagieren. Jedenfalls nicht so, wie ich es will.
Das Bett zieht mich zurück in den Halbschlaf. Gleich penne ich nochmal für ein Stündchen weg.
Der Brief sagt nichts über mich aus. Warum klaue ich? Was schreiben, ohne zu lügen? Dass ich schon einen Job habe, dass ich mit jedem Cent rechnen muss, dass ich aber wenigstens einmal die Woche eine gute Zeit haben will? Ich weiß jetzt schon, hingeschrieben kann das nur dumm aussehen. Live könnte ich sowas vielleicht noch bringen.
Bin ich einfach nur faul, wie André manchmal sagt? André meint, er und ich könnten groß rauskommen als Wochenendteam.
Ich könnte ja sagen, dass dies mein erstes und letztes Mal war.
Taten zählen, nicht Worte. Morgen hole ich das Handy bei Job ab und gebe Hayat ihre Tasche zurück, gefüllt mit allem was drin war.
Träume ich das jetzt?

13
Liege in meiner Ecke und komme nicht aus den Federn. Weiß einfach zu genau, was mich erwartet. Die nasse Kälte da draußen. Diese S-Bahn, die von Jahr zu Jahr voller wird, und die Gesichter darin immer arschiger. Auf der Arbeit dann die blöden Sprüche. André hat meine Aktion mit der Clubmieze auch mitgekriegt. Vielleicht kommt er mir mit meinem Horoskop, entweder das von Samstagnacht, sozusagen, oder von Montagmorgen.
Ich werde mich heute krank melden. Mir ist eh nach Bett, es fühlt sich nicht an wie lügen. 
Sobald es wieder dunkel ist, und das ist ja schon um Vier, radele ich zu Job, Hayats Handy abholen. Eigentlich sollte Job Bescheid geben, sobald er es gehackt hat!

14
Ich löse beim Reinkommen das Knarzgeräusch der Türmatte aus. Für mich ist es auch ein Startsignal, habe seit meinem Krankmeldeanruf habe kein Wort mehr gesprochen. „Job?“ 
Job beugt sich gerade runter, sucht etwas unter der Ladentheke. Als er hochschaut und mich sieht, schaut er ernster drein als sonst. „Ich hab ´ne schlechte Nachricht.“ Weiß nicht, ob ich sein Kauzgesicht richtig lese, aber Job wirkt echt peinlich berührt.
„Bekommst du das Handy nicht geknackt?“ Dann sollte es eben so sein. Ich gebe es Hayat mit der Tasche zurück und fertig.
Job druckst herum. „Also… — hör zu: Das Handy ist weg. Bitte nicht sauer werden! Ich erkläre es dir.“
Sauer werden ist gut. Das ist unglaublich! Ich gehe einen Schritt zurück. Das blöde Knarzgeräusch ertönt schon wieder und ich würde am liebsten Jobs Theke zu Kleinholz machen.
„Mein Opa hat es versaut. Er wollte am Samstagabend im Laden mal nach dem Rechten schauen. Ich war gerad draußen, wollte mir einen Döner holen. Da hat er das Handy an jemanden verkauft, der gerade in den Laden kam.“
Für Jobs Verhältnisse ist das eine ziemliche Ansprache. Ich mache nur große Augen. Ich brauche Job auch in Zukunft noch, und eigentlich mag ich ihn ja. Wie konnte das passieren?
Job zieht einen leeren Karton unter der Ladentheke hervor und hält ihn mir entgegen. Auf dem Karton steht: „Akkus / Einzelteile / Ausschlachten“.
„Da hatte ich Dein Samsung zwischengelagert. Niemand, echt niemand, guckt in die Kiste. Und ich bin ja eh immer im Laden. Just an dem Samstag kam einer von diesen Elektroschrottjägern in den Laden, die auch immer auf den Flohmärkten rumtingeln. Mein Opa dachte, das kann alles weg.“
Zwinge mich, ruhig zu bleiben. „Hattest Du das Handy geknackt?“
„Nein, das wollte ich am Sonntag in Ruhe tun. Ich brauche dafür meinen PC.“ Job schaut mich seltsam an, fast ein bisschen lauernd. „Ich geb dir einen Hunni und dann schwamm drüber?“
Sein Hunni wiegt mir ihr Handy nicht auf, aber was soll ich schon machen?

15
Bin bei Hayat im Treppenhaus. Im Erdgeschoss standen zwei nassgeregnete Buggys. Deren teures Plastik riecht bis hoch in die zweite Etage. Hinter der Tür läuft ein Fernseher. Bringt mich aus der Ruhe, dass ich das hören kann. Die Leute hier sind noch wach, jeden Moment könnte ich jemandem auffallen.
Der Weg von der U-Bahn-Station durch die nasse Kälte hierhin hat mich den Arbeitstag vergessen lassen. Habe nur an diesen Moment vor ihrer Tür gedacht, wenn es denn ihre Tür ist, und wenn in diesem Moment jetzt etwas passiert.
Ich erkläre ihr, was ich getan habe, und gehe dann. So schnell wird sie niemanden rufen, mich festzuhalten. Dann bin ich die Tasche endlich los, und ich habe mal mit ihr gesprochen.
Habe unten an der Haustür geklingelt, ganz furchtlos, bei anderen Nachnamen, auf anderen Etagen. Die Haustür klickte bald auf, die Sprechanlage rappelte, ohne, dass jemand etwas sagte, und nun stehe ich vor dem ersten Klingelschild mit Hayats Nachnamen, ihre Tasche in der Hand.
Irgendwo weiter oben läuft noch eine Wohnung auf diesen Namen, aber so weit hoch traue ich mich nicht. Eigentlich traue ich mich gar nichts mehr. Die Sätze, die ich sagen wollte, und die sich tagsüber bei der Arbeit noch so schön angehört hatten im Kopf, diese Sätze erscheinen mir jetzt wie dumme Sprüche. Besser als das wäre Schweigen, und noch besser als Schweigen ist es, wird mir klar, einfach zu gehen.
Setze die Tasche auf der graugeriffelten Fußmatte ab und laufe die Treppe wieder runter.
Hier könnte diese Geschichte zuende sein. Und sollte es wohl auch. Ich laufe zurück zur U-Bahn und denke, das war jetzt genug hin und her. Ich denke es nicht nur, ich befehle es mir. Denn es zieht mich schon wieder zurück.
Hayat interessiert mich. So richtig viele brauchbare Frauen gibt es in dieser Stadt nun auch nicht. Und in meinem Leben schon mal gar nicht.

16
Laufe neben Hayat. Als ich sie auf dem Gerät sah, habe ich nicht lang nachgedacht, sondern gleich das Laufband daneben genommen.
Hoffentlich merkt sie nicht, dass ich keinen Plan habe. Habe erst auf “Quick Start” gedrückt und nach einer Weile, weil es irgendwie alles so witzlos wirkte, auf “Random”. Sie irgendetwas zu fragen, traue ich mich nicht. Laufe erstmal weiter, gerade geht es bergauf. 
Das ist mein zweiter Besuch in Hayats Fitnessstudio. Gestern war ein Probetraining, aber das war mehr so ein Rundgang. Danach habe ich so einen Vertrag abgeschlossen, nur zur Probe für einen Monat. Die Frau, mit der ich den Vertrag machte, gab mir die Konditionen von so einem Angebot, dass sie sonst immer im Januar machen. Wahrscheinlich wirkte ich nicht so begeistert und da dachte sie, mir was bieten zu müssen.
Schaue kaum zu Hayat herüber. Sie ist schon eine Weile dabei und ich höre sie schnaufen. Es ist kein dickes Schnaufen, sie wirkt ziemlich fit. Es ist ein konzentriertes Schnaufen, gewollt, nach dem Motto, so und so lange ziehe ich das hier noch durch. Könnte einen fast anmachen, wie sie da so direkt neben mir schnauft. Doch die Gleichmäßigkeit ihres Schnaufens und ihre Verbissenheit bremsen solche Gefühle.
Vor allem will ich selbst nichts falsch machen. Habe Hallo gesagt, als ich auf mein Laufband stieg, weil sich dass so gehört. Mehr möchte ich heute nicht zu Hayat sagen.
Als Frau wirst du hier bestimmt manchmal angemacht. Sehe ziemliche Kerle am Werk mit den Hanteln. Kann mir nicht vorstellen, dass die so eine Frau wie Hayat links liegenlassen. Aber wer weiß schon, wie solche Bartschränke ticken. Vielleicht sind sie nur mit sich und ihren Maschinen beschäftigt.
Jedenfalls geht Hayat hier hin und nicht in so ein reines Frauenstudio. Sie denkt wohl praktisch, denn von ihrer Wohnung aus sind es nur zehn Minuten mit dem Rad zum Studio.
Hayat stellt die Maschine ab. Greift nach ihrer Trinkflasche. Wann hat sie wohl angefangen? Ich schaue auf einen der Fernseher, wo gerade eine Nachrichtensendung läuft. Schätze, dass sie seit fünf Uhr hier ist.
Morgen probiere ich aus, ob sie jeden Tag um diese Zeit hier ist. Wenn sie morgen da ist, lasse ich den Tag danach aus, damit es nicht so auffällt. Ist sie morgen nicht da, probiere es gleich am nächsten Tag wieder.

17
Die Laufmaschine fühlt sich an wie mein Job. Die Chose macht mir zwar wenig Freude. Doch kann ich mir die Laufzeit mit ein paar Fantasien verkürzen.
Mal taucht Hayat auf, mal nicht. Doch wenn sie kommt, ist es stets um die gleiche Uhrzeit. Hayat benutzt immer das Laufband. Habe sie noch nie an einem anderen Gerät gesehen.
Da kommt einer dieser Tagträume: Hayat klaut selbst, klaut Handtaschen. Dies hier ist ihr Training. Gleich werde ich sie ansprechen und bald schon bilden wir ein Team, Bonnie und Clyde. Gemeinsam klauen wir uns einen Traumurlaub zusammen.
Hayat hat ein Handy. Es sieht noch so richtig unbenutzt aus, das Display glänzt glatt. Wahrscheinlich hat sie sich gleich ein neues gekauft, nachdem ich ihr das andere geklaut habe. Das neue Handy liegt in dem kleinen Fahrradkorb ihrer Laufmaschine. Damit hört sie Musik.
Einmal klingelt es. Sie schaut auf das Diplay, seufzt und stellt den Lauftrainer ab.
Sie hat eine kräftige Stimme. Wirkt kaum außer Atem. Ist aber genervt. Sie sagt „wallah“, dies „wallah“, das ich manchmal in der S-Bahn höre, und das immer gesagt wird, wenn jemand etwas betonen will.
„Wallah, ich sag Dir, er kann das ruhig essen! Bei mir hat er das auch schon gegessen. Der ist einfach super frech! Nein, er hat keine Allergie, wallah! Das Wort hat er in der Kita gehört! Er will es einfach nicht essen und dann sagt er sowas.“
Ich laufe weiter und versuche, schlau zu werden aus dem, was ich da höre. Für mich klang es nicht so, als wäre es ihr Sohn. Kann mich irren, aber ihre Stimme klang lieblos. Klang eher so, als wäre das ein Balg, auf das sie halt aufpassen muss. Kaum hat sie sich mal zum Laufen verdünnisiert, schon gibt es Probleme.
„Ich bin ja gleich zurück. Lass mich zuende laufen! Wenn er nichts isst, bringe ich von unterwegs was anderes mit. Wallah, der Junge ist Stress pur. Na gut, ist halt durcheinander. Noch zwei Wochen, dann können ihn wieder zurückbringen.“
Stelle meine Maschine ab. Hayat fällt es nicht auf, obwohl der Lärm neben ihr deutlich abnimmt. Sie telefoniert noch immer. Ich versuche zu hören, wer da am anderen Ende der Leitung sein könnte. Glaube, dass ich eine Frauenstimme höre.
Ich schaue Hayat von der Seite an, das traue ich mich jetzt, wo ich eh in die Umkleide verschwinde.
Nein, das ist nicht ihr Kind.

18
Da läuft sie wieder. Ich schaue herüber von meinem Trimmrad. Schwitze doof am Hintern. Naja, Pech. Habe mich heute nun mal hier drauf gesetzt, einfach, damit Hayat nicht zu sehr das Gefühl bekommt, ich rücke ihr auf die Pelle.
Am liebsten würde ich immer nur neben ihr laufen. Würde mir das reichen? Wäre gemütlich, sie neben mir zu haben. Beide rennen wir, wie auf der Flucht, Bonnie und Clyde halt. Ich höre ihren Atem und irgendwann wird sie auch auf meinen achten, egal, wie hartnäckig sie mich ignoriert.
Auch jetzt, aus der Ferne, genieße ich die Begegnung. Sehe zu Hayat herüber, als wäre sie ein schönes Bild, das ich nun jeden Abend sehen kann, wenn ich diesen Laden zu meinem Wohnzimmer mache. 
Bei der Arbeit hat André mir wieder mein Horoskop vorgelesen. Er schafft es jedes Mal, dass ich denke, heute ist ihm der Text besonders ernst, so dass ich doch besser zuhöre. Es ging ungefähr so: „Ein Ortswechsel ist angesagt. Sie möchten am Abend unbeschwerte Stunden verbringen. Geben Sie Ihren Gefühlen und ihrem Bedürfnis nach Zuneigung Raum. Denken Sie nicht an die Pflichten des nächsten Tages.“
Hayat rackert sich hier fast jeden Abend ab, obwohl sie dies Kind zuhause hat. Wenn mal ihr Telefon klingelt, geht es immer um das Kind. Manchmal höre ich ihn durch die Leitung quengeln. Aus irgendeinem Grund passt Hayat auf den Jungen auf. Als wenn er bei ihr in Pflege ist. Sind die Eltern von dem Jungen auf Urlaub in der Türkei sein oder so?
Hayats Geburtstag war im April. Suchte ich ihr Sternkreiszeichen raus, könnte André mir so als Orakel dienen. 
Ich müsste noch viel herausfinden. Doch seitdem das Knacken von ihrem Handy schiefging, glaube ich kaum noch an die Methode.
Eigentlich möchte ich nur neben ihr laufen. Vielleicht lasse ich es so. 
Wenn ich mich auf dem Laufband so richtig abrackere, vergesse ich, wie ich Hayat kennengelernt habe.

19
Sitze im Café gegenüber dem Fitnessstudio. Weil ich eigentlich doch einen Plan habe, wie es weitergehen soll. Und dafür möchte ich hier schon mal gesessen haben. Den Laden testen.
Es soll so weitergehen, wie es sich gehört. Ich spreche Hayat an und sie spielt mit. Wir gehen in ein nahegelegenes Café, das ist nur normal, und das Café ist eben dieses hier. Und dann lernen wir uns kennen.
Ich möchte Hayat in nächster Zeit ansprechen. Dies Jahr noch, sozusagen.
Möchte aufhören, mich zu fragen, was mit diesem Kind ist, was Hayat arbeitet. Dass sie keinen Freund hat, da bin ich mir ziemlich sicher.
Habe nachgedacht. Ich möchte Silvester nicht schon wieder mit den Schluckspechten aus meiner Clique rumhängen. Nichts gegen die Jungs, hin und wieder, aber es wäre einfach der falsche Start in ein neues Jahr.
Das Café ist leider ein Mistladen. Es ist eine halbe Spielhalle, mit drei hupenden Geräten, die irgendein Dickbauch bedient. Und dann kommen hier ständig Leute rein, die nur Zigaretten ziehen und gleich weitergehen.
Ist eben eine blöde Ecke hier.

20
Sie hat mich angesprochen. Ich weiß nicht, ob das normal ist. „Du bist in letzter Zeit öfter hier.“
Stehe in der Umkleide und fühle noch immer meine roten Ohren. Werde jetzt duschen und mich dann extra langsam anziehen. Hayat wird auch ihre Zeit brauchen. Dann wollen wir uns am Ausgang treffen.
Sagte ihr meinen Namen. Sie schaute mich interessiert an. Studierte mich, fand ich. Als suche sie ein besonderes Merkmal. Ich nahm es als Chance, Hayat selbst von so nah zu sehen. Musste an die billigen Pflegeprodukte denken, die sie benutzt. Mehr braucht sie nicht. Ihre Haut ist makellos, ihre Haare kräftig.
Wir haben dann smalltalk gemacht. An sich gut, dass Frauen immer so viel fragen. Ist egal, was man antwortet, solange es flüssig bleibt, und schlüssig. Ob ich hier in der Nähe wohne, ob ich auch Kurse besuche, ob ich auch Teamsport mache. Und ob ich nach dem Training gegenüber im Café noch was trinken möchte.
Sie spielt Volleyball in einem Team und arbeitet hier an ihrer Ausdauer.
Packe mein Zeug in die Tasche und sammle meine Fragen.
Ich möchte wissen, wo das Kind ist, wenn sie trainiert. Nein, das ist dumm. Muss erst gefragt haben, ob sie ein Kind hat. Auch Blödsinn. Ich kann auch nicht danach fragen, ob sie in einer Beziehung ist.
Vielleicht trinke ich einfach eine Cola, wir machen Smalltalk und am Ende frage ich sie, ob sie am Wochenende Zeit hat.
Unten wartet sie schon. Ihre Haare sind kein bisschen nass. Hat sie nicht geduscht? Sie schaut nervös drein. Ob sie schon bereut, dass sie mich angesprochen hat? Aber dann würde sie ja nicht warten.

21
Als Hayat und ich die Straße überqueren, fallen mir zwei Kerle auf, die vor dem Café stehen. Natürlich kann das Zufall sein, könnten die beiden zum Rauchen hier sein. Just aber, als sie Hayat und mich bemerken, sagt der eine etwas zum anderen — und das wirkt wie eine Anweisung.
Am liebsten würde ich umdrehen. Rennen, wie ich es gelernt habe. Es könnten zwar Bekannte von Hayat sein, es könnten jedoch auch fiese Typen sein. Ich will nur Hayat nicht im Stich lassen.
Schon hat sich einer der beiden vor mir aufgebaut. „Clowns mit Brille schlage ich nicht“, sagt er. Hebt mir das Gestell von der Nase, eh ich begreife, was passiert. Kraftvoll wirft er die Brille auf den Gehsteig und tritt darauf. Er wendet sich an Hayat: „Das reicht als Lektion, oder?“

22
„Neue Brille?“ fragt André. Seine Stimme hallt durch den Raum, der nach frischer Farbe duftet. 
Wir streichen gerade ein Patientenzimmer zuende. Genau die Arbeit, die ich heute brauche: monoton und still.
„Nee. Das ist meine alte Brille“, antworte ich. „Die andere ist kaputt. Hingefallen.“
„Steht Dir ganz okay“, sagt André nur.
In seinem Horoskop stand heute wahrscheinlich sowas wie:“Bewahren Sie sich einen wachen Blick für ihre Umwelt. Halten Sie sich aber aus Angelegenheiten heraus, die Sie nichts angehen.“
Brille kaputt, Visage intakt — was immer das gestern sein sollte, ich verdanke es Hayat. Die verschwand mit den beiden Kerlen. Ich schaute ihnen belämmert hinterher. Dann hob ich die Brille auf und trollte mich.
Darf nicht vergessen, das Abo im Fitnessstudio zu kündigen.

23
Kennst Du dies Gefühl, wenn oberflächlich alles wie immer ist, und doch irgendetwas anders? Wenn das Gefühl einmal da ist, braucht es meist nicht mehr lange, bis sich alles aufklärt.
Die Fußmatte sorgt für das unvermeidliche Knarzgeräusch. Ich sehe Job hinter der Ladentheke. Gehe auf ihn zu. Gerade daddelte er noch an seinem Handy. Nun nimmt er mich fest in den Blick.
„Ich möchte Deine Handys nicht mehr annehmen“, sagt Job mir ins Gesicht. „Das habe ich Hayat versprochen.“
„Hayat“, sage ich nur.
„Ja, Hayat.“ Job ist kein Angeber, das kann ich wirklich nicht behaupten. Aber er wirkt wie ein Angeber, als er sein Iphone von der Ladentheke aufnimmt und mir den Bildschirmschoner zeigt. Es ist ein Selfie von ihm mit Hayat. Sie stehen an einer Glühweinbude.
Was würdest Du jetzt tun? Dich abwenden und gehen? Das zumindest tue ich. Gedanken, die dabei durch meinen Kopf dröhnen, lähmen mich. Ich überlege kurz, ob ich „Tschüss“ sage. Und da macht die Fußmatte schon wieder ihr Geräusch und ich stehe an der frischen Winterluft.
In der Kälte lässt sich´s schlecht grübeln. Mir passt es gerade ganz gut. Deshalb ist es auch okay, dass Windböen eisig in meinen Kopf stechen. Ich ziehe meine Pullikapuze unter der Jacke hervor. Muss dringend in Gang kommen. Meine Füße sind schon kalte Klumpen.
Hier verabschiede ich mich von Dir. Ich möchte für mich sein.
Ich gehe Richtung Brunnenstraße, dort gibt es jede Menge Handygeschäfte. Ich werde dort jemanden finden, der ebenfalls keine Fragen stellt, und der mir das neue alte Handy in meiner Plastiktüte abnimmt.

24
„Job hat ´ne Freundin.“
„Job? Der nie den Mund aufkriegt?“
„Für die kriegt sogar Job den Mund auf.“
„Okay… — Was ist das für eine?“
„Türkin. Arbeitet als Buchhalterin.“
„Büromieze.“
„Da musste schon clever sein, mit so ´nem Beruf.“
„Und was ist clever daran, mit Job ´rumzuhängen?“
„Keine Ahnung, wie er das geschafft hat. Sie wollen ´nen Salsakurs machen. Deshalb kommt er Dienstags nicht mehr hierhin. Glaubst Du´s?“
„Was Frauen aus so einem machen.“
„Letzte Woche war er noch mit ihrer Clique hier. Krasse Typen!“
„Krass?“
„Wie Buchhalter sahen die nicht aus.“
„Sollen sie Salsa machen und uns hier in Ruhe lassen.“
„Ihre Schwester sitzt für zwei Monate im Knast, wegen Falschaussage.“
„Nicht mein Bier. Lass weiterspielen.“

ENDE

Hayat will return — wenn Ihr es möchtet.

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