Hayats Tasche (4/24)

Normal hätte ich die Tasche am gleichen Tag entsorgt. Einfach in meiner Transporttüte neben einem Mülleimer absetzen, oder oben drauf auf den Behälter, oder auch reinwerfen, je nach Lage und Laune.
Mit dem Handy von Hayat hätte ich zu Job gehen können, um etwas Geld raus zu schlagen. So heißt der Typ echt: Job.
Job arbeitet in einem Handyladen nicht weit vom Humboldthain. Ich hab ihn da mal an der Theke kennengelernt, in so einer Disse, wo ich schon zu den Älteren gehörte. Hatte mich da rein verirrt, wollte nur oben in einem Laden Döner essen und hörte dann das Wummern von unten, Eintritt 2 Euro. War ein lustiger Laden, sie hatten Tischtennisplatten auf die Tanzfläche gestellt. Viele der Mädchen hatten enge Trainingsjacken an und spielten eifrig. Hinter der Theke hing das beste Schild in Leuchtschrift: „8 Bier 24 Euro“. Job sprach mich auf mein Google Handy an.
Handys waren glaub ich von Beginn an Jobs Leben. Er ist ein Bastler, hat sich alles selbst beigebracht. Der Laden gehört seinem Opa. Der hat von Handys keine Ahnung, weiß aber, wie man ein Geschäft führt. Ist so gut wie nie im Laden, dieser Opa. Es ist Jobs Reich.
Job stellt keine großen Fragen, wenn ich Montag für Montag mit einem neuen alten Handy bei ihm antanze. Bei Job fühle ich mich auch selbst nicht verpflichtet, etwas zu erklären. Im Gegenzug handele ich nie um ein paar Euro. Läuft einfach mit dem Typen. Zehn Minuten, nachdem die Fußmatte dies elektrische Knarzgeräusch ausgestoßen hat, bin ich auch schon wieder raus. Die Handys bringen mir immer nochmal so 50 bis 100 Euro ein, das ist ein schöner Start in die Woche.
Mit dem kleinen Handy von Hayat will ich nicht zu Job. Das Handy zieht mich genau so runter wie die Spielzeugautos. Es ist irgendso ein Samsung Modell, das jeder haben kann. Irgendwie sagt mir die Splitterung an der einen Ecke, dass diese Hayat es nicht so dicke hat — genau, was mir ihre Schminke schon sagte. Nicht, dass die Schminke keinen Stil hatte. Aber es war so eine typische Supermarktmarke.
Es ist bescheuert, aber ich denk mir weiter was über dieses Telefon, während mein Nudelwasser kocht. Mache mir ein Bild von dieser Hayat. Ich hab sie beim Klauen nicht mal flüchtig angeschaut, hab mir die Tasche einfach geschnappt und bin durchgestartet, mit meiner ganzen angestauten Energie von einer Woche. Jetzt würde ich gern wissen, wie sie live aussieht.
Sie war schlank, so viel weiß ich schon noch, und hatte halblange schwarze Haare. Für einen Moment hatte ich gezögert, mich gefragt, ob sie nicht zu durchtrainiert ist, ob sie um ihre Tasche kämpfen würde. Dann siegte mein Sportsgeist.
Sie hat keinen Freund, kommt mir in den Kopf. Ein Freund hätte ihr das Display schon längst repariert, oder es ihr in einen Laden gebracht.
Aber wo kommt dann das Kind her, dem die Autos gehören? 
Vielleicht ist Hayat das Handy einfach schnuppe, vielleicht benutzt sie es kaum und so ist die Splitterung eben egal. Was klar dagegen spricht, dass sie Single ist. Singles achten gut auf ihre Telefone.
Ich tippe das Display ihres Samsung an und es erscheint die Tastatur zum Entriegeln. Ob Job das knacken könnte? So etwas habe ich ihn noch nie gefragt.
Es ist Montagabend, meine Nudeln werden weich, und ich starre auf dieses Handy.

Weiterlesen
Von Beginn an lesen