Hayats Tasche (5/24)

Wieder ein Arbeitstag hinter mir, Abendbrotzeit, und ich hab mein Diebesgut immer noch. Greife nach der Handtasche, die ihren angestammten Platz hat. Irgendwas läuft hier schief. Ich lache aber auch ein bisschen. Gebe zu, ich habe mich auf die Tasche gefreut. Habe schon bei der Arbeit daran gedacht: Heute nehme ich mir mal ihr Portmonee vor.
Mit der Firma sind wir gerade dabei, ein komplettes Krankenhaus neu zu streichen. Das wird uns zwei, wenn nicht drei Wochen beschäftigen. Gut daran ist, ich habe jeden Morgen die gleiche Anfahrt. Kommt man nicht durcheinander. Schlecht ist, wir arbeiten diesen Auftrag von Etage zu Etage abwärts ab, mit zwanzig Leuten, also praktisch der gesamten Firma. Viele meiner Kollegen mag ich nicht. Denen gehe ich gern aus dem Weg — was bei so einem Auftrag kaum funktioniert. Den Chef hab ich sowieso gefressen. Und bei so einem Auftrag lässt der sich natürlich auch mehr blicken, als einem lieb sein kann.
Das Portmonee einer Frau ist sozusagen die Tasche in der Tasche. Genauso unübersichtlich, genausoviel zu entdecken, aber auch viel Ramsch. Wieso nur bewahrt diese Frau alle Kassenzettel auf? Die Info, dass sie Frischkäse im Kühlschrank hat, bringt mir jedenfalls nichts.
Die Banksachen lasse ich beiseite. War noch nie mein Stil, und die Karten hat sie eh längst gesperrt. Hayat hat eine Vielfliegerkarte, fliegt aber nicht viel. Die Karte ist nicht Silber und nicht Gold. Hayat hat auch die Mitgliedskarte von einer Fitnessbude, der Name der Filiale steht drauf. Spricht dafür, dass sie Single ist, oder? Und dann finde ich noch die Kundenkarte von einem Waxing Studio, irgendsoeine Kette. Es gibt wirklich für alles Kundenkarten. Hayats elfte Intimrasur hätte sie da gratis bekommen. Die letzte war vor einer Woche.
Irgendwie brauche ich ein Bier. Ich trinke unter der Woche nicht, doch ich habe noch eine Flasche im Kühlschrank, und die ist jetzt dran.
Habe gleich mehrere dumme Dinge gemacht. Klauen ist nicht okay, weiß ich. Und eine Frau beklauen ist auch nicht nett. So. Doch wenn ich das schon tue, weil ich eben mit dem Geld nicht hinkomme, na, dann sollte ich mich auch auf das Geld konzentrieren und nicht so eine dumme Tasche hier bunkern. Was soll das?
Die meisten im Betrieb bessern ihr Gehalt mit Schwarzarbeit auf. Spricht natürlich keiner von Schwarzarbeit. Sie „machen was“. Darüber reden sie unter der Woche, ist auch ein bisschen Wettbewerb dabei, wer hat am meisten kassiert, wer hat die berühmtesten Auftraggeber, Fußballer zum Beispiel oder Politiker. Manche machen auch noch abends an Wochentagen was, man sieht es ihnen an. Das finden alle okay. André sagt immer, ohne unsere Arbeit bei Leuten privat würde hier bald aussehen wie in Indien.
Ich will nicht so etwas machen. André hat mich anfangs ein, zweimal mitgenommen. Irgendwie fühlte es sich nicht gut an. Die Leute waren immer so aufgesetzt freundlich, und dabei doch lauernd. Meistens waren die Leute gut betucht, wie man so sagt, aber ihr Zuhause fühlte sich so heimelig an wie eine Zahnarztpraxis. Das brauche ich abends nicht auch noch, und wenn ich am Wochenende nicht runterkomme, bin ich bald im Eimer.
Ist schon wichtig, mit wem du deine Zeit verbringst. Genauer gesagt, wann du dich überhaupt auf andere einlässt. Von Vertrauen mal ganz zu schweigen.
Das Bier schmeckt so gerade noch. Oder ist das nur meine Einbildung, und alles an dem Bier ist okay? Es ist im September abgelaufen. Ich hab mir die Halbliterpulle aus einer Laune heraus gekauft im Kiosk, irgendwann im heißen Sommer, und dann hat sich die Laune verflüchtigt.
Wieviel Dummheiten will ich noch begehen in nächster Zeit? Ich schaue auf die Uhr. Der Laden von Job hat noch auf.

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