Job und Hayat (10/24)

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Dec 10, 2019 · 1 min read

Direkt an der Ecke, auf der Leyla die Turmstraße erreichen muss, sieht sie schon Lutz warten. Er kennt ihre Adresse. Leider.
Sie gehen vier, fünf Meter zusammen die Straße entlang, bis sie an einem Uhrenladen halt macht.
Leyla will nicht mit ihm gesehen werden. Sie will jetzt, dass es vorbei ist. Sie reicht ihm die gefalteten Kopien.
“Da steht alles drin?”
“Alles.”
“Hat er Kinder?”
“Sie wohnen nicht bei ihm. Er zahlt Unterhalt. Die wohnen in Bayern.”
Sie stehen sich kurz gegenüber. Er mustert sie lange, und sie beschließt, dem Blick schweigend Stand zu halten. Sie weiß nicht, ob er sie hübsch findet, oder ob er sich nur fragt, ob sie die Klappe halten kann.
“Ich bekomme Geld von dir”, sagt sie.
“Ja. Fünfhundert.” Er will ihr einen klein zusammengefalteten lila Schein geben, den er schon in der Jacketttasche bereit hielt.
“Wohl verrückt geworden”, sie sagt es ruhig, ganz ohne die meckernde Berliner Betonung. “Hast Du etwa keine Fünfziger?”
Er grinst ertappt. “Doch, doch. Krieg dich wieder ein.” Er steckt seine Hände in die vordere Hosentasche. Anscheinend zählt er die Scheine mit zwei Fingern an ihren Kanten ab. “Da, bitte.”
“Wenn alles glatt läuft, bekomme ich nochmal 500.”
“Ist bekannt.” Er dreht sich um und geht, ohne ein weiteres Wort.
Leyla blickt noch einen Moment in die Auslage voller goldener Armbanduhren.
Wenn Berat gleich aus der Schule zurück ist, kann sie mit ihm über Geschenke reden.

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    @jochenmoeller