Kokosrepublik

Veröffentlicht in “Strandgeschichten”, Verlag Hans Schiler 2005

Abends lassen wir uns immer Cocktails kommen. Wir huldigen dem Luxus-blau des Ozeans, angenehm allein gelassen. Es passt uns, dass die Inselregierung hier auch nach Jahrzehnten Entwicklungshilfe nur eine Schotter-piste zuwege gebracht hat: Unser Hotel versteckt sich als Geheimtipp im Palmenwald der Ostküste, während über den Westen Pauschalisten herfallen.

Der Hotelmanager nennt sich „Sammy“. Er macht sich für Ausflüge in den Westen stark, doch was interessiert uns verwahrlostes „Weltkulturerbe“, wenn wir gleich nebenan durch ein Hüttendorf streunen können? An einem wackeligen Kiosk bekommen wir Cola zum Spottpreis. Am Strand rackern Dorffrauen im Anbau von Algen, schwitzen für Kosmetikkonzerne, waten durch salzigheiße Ebbetümpel. Danach beginnt das einsamste Inselstück – unser Strand.

Am letzten Abend zeigt Elli mit ihrem Strohhalm zum Horizont. „Wir sollten mal raus schwimmen zu dem Fels da!“ Ich sehe nicht, was wir auf so einem Brocken verloren haben. Die Dämmerung setzt schon ein, eine fahle Mondsichel tritt hervor. Doch Elli lockt mich solange mit Ideen von Nacht- und Nacktschwimmen, bis ich mitspiele.

Das Meer hüllt uns ein wie Samt. Wir schwimmen auf dem Rücken, damit uns der Sonnenuntergang hinter den Palmen nicht entgeht. Gerade kehrt ein Fischerboot zum Dorf zurück. Die Pflanzerinnen sind verschwunden, um für ihre Männer Maisbrei zu kochen. Unsere letzten Meter ziehen sich. Wir keuchen auf das Inselchen zu und feuern uns an, sagen uns, was wir auf dem nackten Fels tun wollen. Danach verschnaufen wir Rücken an Rücken im letzten Licht.

Als wir wieder zurückschwimmen, gibt das Hotel wie ein Billigspielzeug den Geist auf – Stromausfall. In der Ferne empört sich irgendwo ein Kläffer, und wir – treiben in Finsternis. Verdammt! „Kannst Du das Land erkennen?“ Ich flüstere plötzlich, als fürchte ich, eine Strömung könnte uns als Beute entdecken. Elli lacht sogar: „Uns sieht jetzt wenigstens keiner nackt!“ Sie wirkt so cool, dabei könnte sie jeden Moment ein Spuk in die Tiefe reißen. Das bisschen Mond ist kein Trost, und Brandungsrauschen nicht mal zu erahnen. Ich spüre, wie die Angst meinen Körper schwer macht, wie mir die Beine tief im schwarzen Samt hängen. Da unten lauert es kalt. Immer wieder rutschen wir über die Wellenberge zurück. Der Seegang zieht uns stetig wieder ins offene Meer. Wenn wir richtig liegen, wo das ist, offenes Meer. Wenn nicht, schwimmen wir gerade raus ins Nichts.

Als vor uns plötzlich eine unbeleuchtete Jacht dümpelt, greifen wir gierig nach der Ankerkette. Männer reichen Säcke in ein Schlauchboot, das die letzte Strecke zum Ufer nimmt. Kein Wort jetzt! spüren wir. Die Brandung ist von hier aus endlich leise zu hören. Als wir wieder Atem haben, schwim-men wir schräg zu dem Schlauchboot an Land.

Wir haben es an unseren einsamen Strand geschafft. Nicht weit entfernt umstehen an die sieben Männer das Beiboot, verhandeln. „Schmuggeln die?“ Eine Taschenlampe blitzt herüber, streift Ellis Gesicht. Alle am Strand erstarren, kurz. Mit dem nächsten Herzschlag rennen wir los, hinter uns böse Rufe. Wir hasten dicht am Wasser lang, wo der Sand fester ist. Das Dorf, das Hotel kann nicht mehr weit sein. Aber Elli haut mit dem Fuß an etwas und stürzt in eine anrollende Welle.

Eine große gedrungene Muschel ragt wie ein Pflock aus dem Strand. Das Licht der Verfolger lässt Ellis Nacktheit aufstrahlen. Sie werden von Sammy angeführt, der jetzt voller Wut sein Messer in den Sand schleudert. „Was wollt ihr hier?“ An Sammys Seite entdecke ich „Johnny“, einen Kellner. Er hält seine Lampe nach unten, will wohl Elli nicht zu sehr anleuchten. Sie richtet sich auf und macht einen Schritt auf die Gruppe zu. „Wir wollen nur Spaß.“ Ihr nackter Auftritt lähmt die Jungs. „Euer Business interessiert uns nicht.“ Ruhig zieht sie das Messer aus dem Sand, reicht es dem verblüfften Sammy. Johnny zieht ihn beiseite, redet auf ihn ein. Zögerlich wechselt Sammy den Ton. „Vergesst das hier.“ Zur Bekräftigung spuckt er in den Sand: „Habt noch Fun.“

Am nächsten Morgen fährt uns Johnny schweigend über die Schotterpiste Richtung Westen, zum Flughafen. – „Wenn die mehr Touristen anlocken wollen, haben sie hier noch einen weiten Weg vor sich!“ lästert im Flieger ein Pauschalist. Die Frau neben ihm cremt den Sonnenbrand auf seiner Nase ein.


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