Waidwund

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Jun 25 · 15 min read

„Mensch gegen Maschine“, zum ersten Mal vergeben sie diesen Sonderpreis. Und wer tritt für die Menschen an? Ausgerechnet er, Weidemann.

Für die Veranstalter rechnet sich die Idee schon jetzt. Es sind doppelt so viele Medienleute da wie sonst. Nicht nur die üblichen Verdächtigen aus der Literaturwelt, sondern auch die Nerdmagazine wollen vom ersten Dichterwettstreit zwischen einem Menschen und einem Computer berichten.

Weidemann schleicht sich an der Medienmeute vorbei, die gerade den dünnhaarigen Juror umsteht. Der hatte die Idee für diesen Wettstreit. Weidemann hofft, der Dünnhaarige dreht sich nicht gerade jetzt um. Er ist vielleicht der einzige hier, der Weidemann erkennen könnte. „Wir wollten vor allem aufmerksam machen, aufmerksam darauf, dass die künstliche Intelligenz auch in der Literatur Einzug hält“, ist der Juror zu vernehmen.

„Und Ihr macht Rechnern den Hof“, würde Weidemann einwerfen. Aber er will nicht auffallen. Am liebsten würde er wieder von hier verschwinden. Ob die Rezeptionistin das spürt? Jedenfalls beeilt sie sich mit dem Check-in und nervt nicht mit Floskeln oder Fragen.

Er hat an niemanden Fragen, denkt Weidemann, als er zu seinem Zimmer heraufstapft. Eigentlich will er nur noch seine Ruhe, und das seit Jahren. Doch hat er nun mal diese Bewerbung eingetütet, seinem Verleger zuliebe, und nun muss er da durch. Außerdem gibt es ein Honorar, egal, wie der Wettbewerb ausgeht. Das hat der Verleger für ihn ausgehandelt. Wie immer hat Weidemann das Geld schon verplant.

Das Zimmer bietet Aussicht, Weidemann bekommt Abendrot. Aber die Möbel riechen zu neu. Für Anfänger gibt es eine Minibar. Er hat seine Flasche Rum dabei. Eine ehemalige Lektorin, die er immer mal wieder trifft, gab sie ihm als Wegzehrung. Sie bleibt seine stärkste Kritikerin. Sie hatte ihm die Flasche im Café auf den Tisch gesetzt mit den Worten: „Gute Reise! Als du zugesagt hast, hast du schon verloren. Du begibst dich auf eine Stufe mit einer Maschine.“

Dieser Rum hat sich bei seiner Fassreifung bestimmt nicht ausgemalt, dass er dereinst aus einem Zahnputzbecher getrunken würde. Während die Flasche sich leert und Weidemann das mit seinem Ordnungstrieb erklärt, treten die Sterne am Himmel hervor. Jeder hat seinen Job.

Er spielt ein paar Gedichtzeilen durch. „Bin angefahren / vom Großen Wagen“, das gefällt ihm. Er zählt die Silben. Doch das ist nur Training. Ob es für morgen hilft, weiß er nicht. Er hat die Regeln gelesen, immerhin. Morgen früh nennt die Jury ihm ein Wort, das in dem Gedicht eine Rolle spielen soll, und dann hat er ein paar Stunden Zeit, seinen Beitrag für den Wettbewerb zu verfassen. Um 16 Uhr ist Stelldichein mit Walther, seinem Gegenspieler, dem Rechner.

Walther, wie blöd. Das weiß sogar Weidemann, dass man einen Rechner besser nicht mit einer Person gleichsetzt. Es ist das Programm, das zählt. Den Namen Walther könnte der Dünnhaarige vorgeschlagen haben. Am besten steht Walther noch für irgendetwas, Wort-Akzelerator für lyrische Texte, Hymnen, Erzählungen oder so. Weidemann ist es egal.

Wann die Panik kommt, ist unklar, aber dass Panik eintreten wird, weiß Weidemann aus Erfahrung. Er kann sich hier schrecklich blamieren. Ob er diesen Wettbewerb nun ernst nimmt oder nicht, das ganze kommt live ins Fernsehen. Heutzutage bleibt so etwas für immer im Internet. Wenn er scheitert —

Das Hotel hat eine mistige Bar, gefühlt aus Sperrholz. Weidemann blickt sich um und weiß, er ist der einzige hier, dem der Stoff ausgegangen ist. Alle anderen trinken einen „Absacker“, um danach „in die Falle“ zu gehen. Weidemann will auf einem Barhocker Balance finden. Er bestellt Cola-Rum, um nicht gleich aufzufallen.

„Sie sind es!“ Zu spät. Eine Frau: „Und ich habe nichts dabei zum Signieren!“

Er denkt: Ich würde als Unterschrift „Falscher Film“ schreiben, verschnörkelt und gerade noch nicht lesbar. Er fragt: „Sie kennen mich?“

„Nein, aber ich weiß, wer Sie sind. Sie sind der Dichter Weidemann und treten gegen Rechner an.“

„Ja.“ Sie hat einen rötlichen Drink im Cocktailkelch. Sieht ganz sympathisch aus — der Cocktail. Sie hingegen missfällt ihm. Weil sie Fragen stellt, die er hier an der Theke nicht braucht: „Was wissen Sie über Ihren Gegner?“

„Er wurde mir nicht vorgestellt.“ Er ist schon froh, nicht zu lallen. Aber er weiß, was er sagt, klingt doof, schlimmer noch, ignorant. Sie ist daran schuld!

„Kommt doch alles im Fernsehen. Sie müssen ja schließlich ihren Gegner kennen? Grundregel jeder Kampfkunst!“

Er könnte sich ihren Drink schnappen und den austrinken. Vielleicht würde sie dann das Gespräch beenden. Er könnte auch einfach schweigen. Aber dann würde er noch dümmer dahocken. Außerdem bekommt er das Gefühl, andere am Tresen hören mit.

„Was kommt denn so im Fernsehen? Ich hab keinen Fernseher.“

„Come on! Sie wissen schon das Nötigste, oder?“ Auch nüchtern würde Weidemann nicht wissen, wie sie ihn jetzt anschaut. Er tippt auf Spott. „Der Rechner wird seit fünf Monaten gefüttert mit Gedichten, mit Verstypen, mit Reimen. Es gab schon x Testläufe. Der Rechner hat unter Pseudonym zwei Gedichtbände veröffentlicht.“

„Niemand liest Gedichte“, rutscht ihm die müde Wahrheit heraus.

„Ja. Deshalb hat der Rechner ja auch schon Groschenhefte geschrieben. Den Wettstreit morgen machen für Lyrik sie ja nur wegen des Menschen. Weil man einem Menschen nicht zumuten kann, an einem Vormittag eine komplette Geschichte zu schreiben.“

Er wollte so gerne eine Flasche mit raufnehmen, aber jetzt traut er sich nicht. Bestimmt ist diese Frau von der Presse.

„Möchten Sie mich nicht nach meinem Namen fragen?“

„Sie heißen Sigrid“, sagt er, bevor er vom Hocker gleitet. „Bitte bezahlen Sie meinen Drink, Sigrid!“

Die Landschaft draußen ist noch da, sieht er im Wachwerden. Er findet sich auf dem Bauch liegend wieder. Mit dem Blick nach draußen spürt er, wie verspannt er ist. Der Geschmack im Mund ist erstmal sein größtes Problem, dazu kommt leichtes Ohrensausen. Und dann geht um 10 dieser Wettbewerb los. Das ist in einer halben Stunde. Ein Klassiker, sagt er sich, ruhig bleiben! Kaffee wird es dort geben. Im Koffer findet er noch zwei Bifi-Würstchen, die er auf dem Balkon isst. Er schaut auf den See. Das Wasser wird kalt sein.

„Licht.“ Irgendwie ist Weidemann passend auf dem Stuhl mit seinem Namen gelandet, hat sich davor beim Händeschütteln nicht übergeben, und jetzt thront da vorn auf der Bühne dieser Dünnhaarige und sagt: „Licht.“ Und: „Viel Erfolg! Wir starten jetzt mit dem regulären Wettbewerb. Um 16 Uhr erwarten wir ihren Beitrag für den Sonderwettstreit.“ Weidemann wird das Gefühl nicht los, der Juror wende sich ausschließlich an Walther, einfach, weil das so besonders ist und damit auch die letzte Kamera den Rechner findet.

Neben ihm sitzt er, dieser Konkurrent. Genauer gesagt hat man dort einen großen Bildschirm auf einem Stuhl hergerichtet, albern eigentlich. In der Mitte des Bildschirms prangt ein Logo, eine Schreibfeder, die in wechselnden Pastellfarben funkelt, und darunter steht „Walther“.

Weidemann springt hoch, will zurück ins Hotel, vorher vielleicht noch in den Hofer, wenn ihn niemand beobachtet, und dann mit einer Plastiktüte auf sein Zimmer, das Gedicht schreiben. Er schaut nicht nach links und nicht nach rechts. Im Publikum werden Leute sitzen, die ihn kennen. Die Leute von „Team Walther“ tragen Einheitskluft, himmelblaue T-Shirts mit entsprechender Aufschrift in Schwarz.

An der Hotelrezeption wird ihm gewinkt, Notiz für Herrn Weidemann. Er liest eine kindliche Handschrift, das erste, was ihm an dieser Nachstellerin gefällt: „Sie schulden mir einen Drink. Kommen Sie um 12 in die Lounge. Wir könnten einen Ausflug machen. Ich bringe Sie pünktlich wieder zum Wettbewerb. Sigrid.“

Sie hat die Hartnäckigkeit, die mir abgeht, denkt er.

„Hast schon auf mich / gewartet, Licht“, fällt ihm ein, als er sein Zimmer betritt. Das könnte Teil eines Gedichts sein, oder doch nur ein Selbstgespräch.
Auf dem Flur rappelt ein Putzwagen heran. Er stürzt zur Tür, um „Nicht stören“ daran zu bammeln. Doch was wird ihm das nutzen, wenn die Damen durch die Zimmer nebenan poltern?

Er müsste jetzt eine Szene machen. Doch das hätte er alles gestern schon vorbereiten müssen mit einem entsprechenden Auftritt. Warum ist sein Verleger eigentlich nicht hier? Er hätte das für ihn machen können. „Der große Weidemann braucht morgen absolute Ruhe, um sein Gedicht für den Wettbewerb schreiben zu können. Bitte tragen Sie Sorge dafür, dass er sich konzentrieren kann. Wir erwähnen Ihr Hotel gern lobend.“

Im Sessel, in der Hofertüte, wartet das Getränk der Profis, Wodka.

Die junge Frau sitzt tatsächlich in der Lounge. Und er geht tatsächlich auf sie zu.

Ihre Garderobe sieht ziemlich oxfam aus. Als verberge sie ihre Weiblichkeit lieber. Sie trägt Jeans und eine Strickweste, die sie trotz der Wärme draußen zugeknöpft hat, dazu Badelatschen. Am Revers steckt eine Sonnenbrille. Sie steht auf und zeigt ihm ihre Augen: klares Blau. Ihre Haare, die ihm gestern gar nicht aufgefallen waren, trägt sie heute offen. Die Stirn hält sie sich frei, indem sie ein Leinentuch wie ein Diadem trägt.

Licht, denkt er, ich sehe sie in anderem Licht. Vielleicht ist sie sogar eine Muse. Auch wenn sie sich in diese Garderobe aus dem letzten Jahrhundert gehüllt hat.

Alle Scheiben sind heruntergekurbelt. Sie fährt den Golf barfuß und flott. Weidemann sitzt daneben und saugt die Luft ein, entschlossen, diesen Ausflug zu genießen. Er ist auf eine gleichgültige Art gespannt, wo sie mit ihm hinfährt. Jetzt, auf der Höhe der Wodkawelle, belustigt ihn der Gedanke, dass sie ihn entführen könnte, zumindest so weit wegfahren mit ihm, dass er nicht passend zum Showdown zurück ist.

„Sind Sie von hier? Es wirkt so.“

„Zeigen Sie jetzt Interesse an mir?“

„Nein, ich will nur Restauranttipps.“

„Dann haben Sie Ihr Gedicht schon fertig?“

„Ich ahne, worum es gehen wird.“

„Das tun alle. Licht!“

Sie schweigen ein paar Kurven. Schließlich brummt er: „Warum. Warum dieser Ausflug?“

„Das müssen Sie sich selbst fragen. Ich für meinen Teil sage Ihnen mal was.
Ich kenne fast alle Ihre Gedichte. Schon in der Schule hatten wir so einen Sammelband, da standen Gedichte von Ihnen drin. Ganz hinten, alibimäßig. Als wollten die Herausgeber zeigen, wir bringen auch junge Wilde. Ich habe diese Gedichte geliebt.“

Er betrachtet ihr Profil. Ihm ist klargeworden, wie jung sie sein muss. Er schaut auf ihr Ohrläppchen. Es gibt so Stellen, an denen sich gut das Alter einer Person ablesen lässt.

„Okay, Sie kriegen ihre Widmung in so ein Gedichtbuch. Und wir könnten uns duzen!“

„Deine Texte lösen keine Gefühle mehr bei mir aus, Weidemann“, sagt sie. „Ich finde sie manchmal im Feuilleton und muss mich zwingen, sie zu lesen. Und weißt du was, ich habe keine Ahnung, ob es an dir liegt oder an mir. Bin ich nur abgestumpft? Und dann weiß ich nicht, bin ich abgestumpft vom Studium, vom Lesen hunderter Gedichte, oder abgestumpft vom Leben?“

Allein dass sie sich diese Frage stellt, beweist, wie jung sie ist, denkt Weidemann. Und weil auch er diese Frage nicht beantworten will, schweigt er.

Es geht ins Grüne. Während er schweigt, und während Sigrid schweigt, rechnet der Computer. So malt Weidemann sich das aus, derweil die Landschaft an ihm vorbeiflitzt. Vom Begriff „Licht“ ausgehend generiert Walther Synonym- und Assoziationswolken, die in einem Binärgewitter aufeinander krachen. Es regnet Silben. Sie rinnen Prozessorschaltungen entlang in vorbereitete Gefäße, die Reimstruktur. Die Worte und die Gefäße werden fortlaufend umgestellt. Wenn Vers 1 Silbe 7 gleich X, dann zweites Drittel in Vers 3 neu ausrichten. Irgendwo kommen menschliche Gefühle ins Spiel, eine verborgene Rinne in der Rinne, gespeist aus Erfahrungswerten, greatest hits, Gedichte mit Licht, Juroren würden Klopstock wählen.
Die Frage, die dieser Wettbewerb aufwerfen möchte, ist für Weidemann längst geklärt. Warum sollte ein Rechner nicht seinen Job machen können?

„Du schweigst“, sagt die Frau, die er im Suff Sigrid getauft hat.

„Du auch.“

„Ich wollte nur mal zeigen, dass ich es kann.“

„Wo fahren wir hin?“

„Sind gleich da. Es ist ganz hier in der Nähe.“

Er deutet auf ein Schild am Wegrand. „Fahren wir dorthin? In den Tierpark?“
„Ja. Hier war ich schon als Kind. Wird dir gefallen. Was ist dein Lieblingstier?“
„Esel.“

Sie lacht. „Denk nochmal drüber nach! Für mich bist Du ein Luchs.“

Weidemann denkt: Kommst du darauf wegen vielen Haare auf meinen Ohren? Weil ich mich gern verstecke? Ein Luchs, der nach Schnaps stinkt. Aber dann bist du eine Gazelle, die sich kleidet wie ein Känguru.

Doch diese Gazelle hat ihn rausgeholt aus der Stadt, und jetzt, warum auch immer, setzt sie ihm Natur vor. Das sollte genug Inspiration hergeben für ein Gedicht. Ein Gedicht, das die da in der Stadt erinnert an die Zeit, als Gedichte ein Exklusivjob für Leute wie ihn waren.

Der Eingangsbereich des Parks macht nicht viel her. Schon der Weg vom Parkplatz zur Kassa hat ihn ermüdet. Sein Mund knirscht trocken wie ein Kieselweg. „Ich schulde dir noch einen Drink. Darf es auch eine Fanta sein?“

Aber Sigrid sagt: „Lass uns hier keine Zeit verschwenden. Wir wollen in den Park.“

Nachdem sie Büdchen und Kinderkrimskrams hinter sich gelassen haben, öffnet sich ihnen das Gelände. Weidemann atmet durch und hofft, Sigrid höre sein Schnaufen nicht.

„Also, gehen wir zu den Luchsen?“ schlägt sie vor. „Das sind nämlich meine Lieblingstiere!“ Sie beachtet das Rotwild gar nicht, dass auf der Wiese nahe dem Wald grast, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Diese Tiere haben sich an Menschen gewöhnt.

„Können wir nicht einen Moment stehenbleiben und diese Hirsche bewundern?“ fragt Weidemann. Er will nicht zugeben, dass er schon aus der Puste ist. Wenn er die Karte an dem Holzpfahl da richtig deutet, sind die Luchse in der Tiefe des Parks, hinter der Anhöhe mit der Burgruine. Er macht sich schon Sorgen, nachher zu spät zu kommen.

Sigrid schaut ihn von der Seite an. „Gefallen sie dir? Es sind sehr friedvolle Tiere, finde ich. Mir ein bisschen zu friedvoll.“

Gott sei Dank, sie ist stehengeblieben. Weidemann atmet ein paarmal durch.
Die Luft ist rein. Keine Journalisten, keine Mikrofone, keine Stuhlreihen.
Dann komme ich eben ein bisschen zu spät, denkt Weidemann. Würden sie deswegen den Wettbewerb abbrechen, oder ihm den Preis aberkennen? Wohl kaum.

Der Gedanke ist da und ab dem Moment nicht mehr wegzubekommen: Diese Zeit mit ihr gerade könnte mein Preis sein. Und: Nicht das Gedicht für diesen Wettbewerb zählt, sondern mein nächstes Gedicht, dass sie beim Sonntagskaffee in ihrem Feuilleton findet.

Sie arbeiten sich an einigen Gehegen vorbei, hoch zur Burgruine, wo sie erneut verschnaufen. Er hat sein Hemd weiter aufgeknöpft und die Ärmel hochgekrämpelt. Sie hingegen behält ihre Omaweste an. Schwitzt nur er?

„Mit so einer Anstrengung hatte ich nicht gerechnet“, entschuldigt er sich.

„Gehen wir runter zum Luchs?“ fragt sie.

Sie kommen zu dem Gehege und blicken hinein. Der Luchs ist nicht schwer zu finden, er läuft am Gitter auf und ab, immer wieder, hin und zurück, ohne Unterlass.

Weidemann schaut lieber sie an als das Tier. Er fragt sie: „Wenn man einen Luchs einsperrt, ist er dann noch ein Luchs?“

Sie wendet sich ihm zu. „Ja, oder?“ Sie zweifelt jetzt. „Ein eingesperrter Luchs halt.“

„Die Freiheit gehört doch zum Luchs. Er lebt im Wald. Da läuft er frei drin herum.“ Weidemann schaut auf die Tafel. „Da, schau. Da steht, er zieht weite Kreise. Legt in einer Nacht bis zu hundert Kilometer zurück!“ Er deutet auf das Trauerspiel im Gehege. „Diese Strecken läuft er nun am Zaun entlang, in Zwanzig-Meter-Etappen. Ist das noch ein Luchs?“

Sie liest immer noch auf der Tafel, und er folgt ihrem Blick. Da steht so ungefähr, dass der Luchs, wenn seine Wege den Duft einer Kätzin kreuzen, der Partnerin in spe eine Duftmarke hinpinkelt.

„Kätzin, ein schönes Wort. Sie ist auch allein und frei unterwegs“, sagt Weidemann. Spürt, wie sein Kopf rot wird. Er schaut zum Himmel. Dem Stand der Sonne nach könnte es schon zwei Uhr sein. Um Vier muss er wieder beim Wettbewerb sein, und die Fahrtzeit hierhin war mindestens eine halbe Stunde.

Ein Gedanke meldet sich bei Weidemann: Sie will Dir ein Gedicht einpflanzen. Sie doktert an Dir herum, füttert Dich mit Eindrücken, als wärst Du selbst ein Rechner.

Sie führt Weidemann zu einem Heckenlabyrinth. „So, du Luchs, wir überwinden jetzt unsere Angst und laufen rein in diese Enge, ja?“ Ihre Augen blitzen. „Ich bin im Vorteil, ich war schon als Kind hier.“ Sie läuft los, in das Labyrinth hinein.

Er folgt ihr, doch sie ist schon um die nächste Ecke verschwunden. Auf der nächsten Kreuzung hört er sie noch lachen. In diesem Moment sieht er sie beide von oben. Sieht das Labyrinth als Prozessor, und die beiden als Impulse, die hindurchjagen. Das Spiel wirkt, er will sie packen.

Sie stellt sich ihm auf einer Kreuzung. Er geht auf sie zu. Es ist kein Bluff. Er weiß, sie wird nicht weglaufen, weder zum Spielen noch aus Angst.

Seine Hände fassen vorsichtig ihre Hüften. Da ist kein Zucken zu spüren.
Dann presst er die Hände stärker an sie.

Und sie? Macht etwas Fabelhaftes. Redet die ganze Zeit, während ihr Mund auf Küssabstand zu ihm ist. Er spürt ihre Lippen an seinen, während sie redet.
„Wir könnten eine Geschichte sein von diesem Computer. Er schreibt uns so hin, in Minuten, nur zum Warmlaufen. Das Gedicht flutscht ihm so nebenher raus. Jemand hat den Computer gefüttert mit ein paar Angaben, mit unserer Konstellation, junge Bewunderin, älterer Dichter, könnte es nicht sein? Wir sind nur seine Schöpfung. Vielleicht sind wir sogar die x-te Version derselben Geschichte, vielleicht hat der Rechner schon x Leute in dies Labyrinth gejagt.“

Und mal küssen wir uns, und mal nicht, denkt Weidemann.

Ihre redenden Lippen direkt vor ihm lassen ihm schlicht keine Wahl, als manchmal reflexhaft danach zu schnappen. Ihr Mund registriert es, schnappt zurück, doch sie redet weiter.

„So sehe ich die Zukunft. Jeder kann schreiben. Jeder kann einen Rechner füttern und bekommt seine Geschichte. Und das wird neue Geschichten bringen, besser, als wir das wahrhaben wollen. Wenn Analphabeten ihre Geschichte erzählt bekommen, Obdachlose. Oder auch einfach arme, vereinsamte Menschen, die ihre Ideen dem Rechner geben und er macht eine Geschichte daraus!“

Weidemann reicht´s, er schnappt endgültig zu, und sie lässt für den Moment das Reden, erwidert sein Happen.

„Warum ziehst du nicht diese Weste aus? Ist dir nicht warm?“

Sie schaut in seine Augen. Sagt: „Also gut. Ich habe mich vorhin in Eile umgezogen. Ich wollte mein T-Shirt verdecken.“

Und da sieht er es, himmelblau. Die schwarze Aufschrift: „Team Walther.“
Jemand hat Realität über dem Labyrinth ausgegossen. Das Labyrinth ist nur eine Kinderei, genau wie dieser Wettbewerb.

Weidemann spricht als erster wieder. „Ganz gleich, was Deine Erklärung ist, erzähl sie mir im Auto, wenn es wichtig ist. Ich muss zurück zum Wettbewerb. Ich will. Ich will gewinnen!“

Ihr Mund ist nun weit weg von seinem. „Das ist gut“, sagt sie nur.

Sie schaut während der Fahrt die ganze Zeit geradeaus. Es hilft ihr, frei zu reden.

„Ich bin eine von den Leuten, die Walther gefüttert haben. Ich habe fest an das Projekt geglaubt. Ich habe Computerlinguistik studiert, und auch Germanistik. Mein Job war es, für Gedichtenachschub zu sorgen. Ich konnte auch mitverfolgen, welche Texte sich Walther im Internet suchte zum Lernen. Ich sollte den Prozess einfach beaufsichtigen.

Ich fand den Gedanken ganz in Ordnung, dass ein Computer mithilft beim Herstellen von Texten. Das ist doch mindestens genau so eine anstrengende Arbeit wie das Zusammensetzen eines Autos. Warum sollten wir nicht den Menschen davon entlasten? Das ist für mich die Definition einer Maschine, dass sie den Menschen entlastet.

Wenn so eine Maschine gut eingestellt ist, kann der Mensch ihr seine Idee eingeben und die Maschine schreibt dann für ihn. Was soll daran schlecht sein?

Alles wird heute fabrikartig produziert. Es werden ja auch anerkannte Romane frisiert. Finde das Wort Negerkönig und ersetze es durch ein anständiges Wort! Und Drehbücher werden heutzutage von Netzwerken geschaffen, die sich alle an den gleichen Gerüsten entlanghangeln. Da heißt der Algorithmus Heldenreise. Am Ende kommt das ganze zum Checker für Political Correctness.“

„Na prima“, sagt Weidemann. “Weißt du was? Damit kann ich leben. Wenn ich so eine Maschine bekommen kann, soll mir das recht sein. Ich sage der Maschine meine Ideen und die Maschine schreibt. Ich kann das ganze ja nochmal ausgedruckt durchlesen. Endredaktion lag beim Menschen, kann der Verlag dann immer noch sagen. — Aber ich würde gern wissen, warum du mich unbedingt in diesen Tierpark entführt hast?“

„Ich wollte, dass du dich nicht blamierst.“

„Was heißt das?“

„Sieht doch jeder, dass du ein Alkoholproblem hast. Wie willst du etwas Anständiges schreiben? Etwa, indem du mit Alk im Hotel sitzt? Nein, ich wollte dich in die Natur bringen. Du brauchtest Input, das war mir gleich klar.“

„Dann willst du also, dass ich den Wettstreit gewinne? Warum?“

Sie schaut zu ihm. „Weißt du noch, dass du gestern fluchtartig weggelaufen bist vor mir? In der Hotelbar?“

„Weggegangen, ja, weggegangen. Flucht würde ich das nicht nennen.“

„Ich war danach noch an der Theke. Und ich war nicht allein. Denn kurz nach dir kam der Besitzer der Computerfirma an die Bar, der Typ, dessen Firma Walther gebaut hat. Ich kenne ihn, aber er nicht mich. Und jetzt sage ich dir mal was: Du warst gestern ein richtiger Stinkstiefel. Aber dieser Obermacker war noch viel schlimmer. Er gab mir Champagner aus, um auf unseren Sieg heute anzustoßen!“

„Immerhin, Champagner.“

„Mir wurde klar, dass dieser Typ nur auf Profit aus ist. Wenn er mit Walther diesen Wettbewerb gewinnt, setzt er wieder einen Baustein in sein Imperium. Das ist für ihn nur eine Etappe. Meine Arbeit, und was immer Walther darauf gründend dichten würde, sind ihm komplett egal. Hauptsache, Sieg!“

„Hier steige ich aus.“ Weidemann sagt es entschieden. Laut Uhr am Tachometer hat er noch eine halbe Stunde. „Ich denke mal, wir werden besser nicht zusammen gesehen.“

Als sie weitergefahren ist, schreitet er auf dem Trottoir voran. Er schaut zu Boden, als wäre jeder der vor ihm ausgelegten Steine ein Buchstabe für seinen Beitrag. Er sieht die Erdkrumen an seinen Sohlen und denkt zurück an den Tierpark.

Am Tagungsort verschwindet er auf der Toilette.

Weidemann sitzt auf der Bühne und schaut ins Publikum. Er findet Sigrid in der hintersten Reihe, wo ihr ein Spund mit himmelblauem Shirt einen Platz freigehalten hat.

Der Juror sagt, es wäre ausgelost worden, Walther anfangen zu lassen.

„Walther, bist du bereit?“

„Sind Sie bereit für meinen Text?“

„Leg los, Walther!“

Und Walther legt los:

„Es war einst ein Spätzchen aus Hammerfest
Das spickte mit Glühwurm sein Vogelnest
Sein Heim frech aufmotzend
Der Dunkelheit trotzend
Doch lockte die Katz´ das Licht ins Geäst“

Die Stille, die dem folgt, wäre ein Gedicht wert. Fragen die Literaten sich jetzt, was die Maschine ihnen damit sagen will? Und können Nerds merken, dass Walther ihnen da einen dümmlichen Limerick serviert hat?

Weidemann schaut geradeaus. Er sucht Sigrids Augen in der letzten Reihe. Das hilft ihm dabei, nicht laut zu lachen. Er muss ruhig bleiben, ein fairer Gewinner. Denn dieser Wettstreit wird an ihn gehen.

Und als Sigrids Augen die seinen treffen, weiß er: Sie war es. Sie hat an dem Programm rumgefummelt. Es kann nicht anders sein. Es reicht vielleicht schon, wenn sie Walther so umgepolt hat, dass die Limerickform seine Priorität ist.

Keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Juror erteilt ihm das Wort.
Er ist noch einmal davongekommen. Weidemann bringt das Gedicht, dass ihm Schritt für Schritt auf dem Weg zum Tagungsort kam, und das er auf der Toilette ins Reine brachte. Jetzt schaut er besser nicht in Sigrids Richtung, sonst merkt noch jemand, dass der Text für sie bestimmt ist.

„Du triffst mich an meinem Tiefpunkt
Und lädst mich Dir ein und auf
Sieh ich bin fürchterlich waidwund
Und schaffe es nicht mehr bergauf

Du trotzt jetzt meinem Gejammer
Und trägst mich ein Stück weit ans Licht
Und lässt Du mich wieder liegen
So hab ich doch bessere Sicht“

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    Written by

    @jochenmoeller