Danke, Trump

Der Journalismus ist nicht am Ende, sondern am Anfang: Wie die Krisen der Demokratie Zeit Online zu einer Serie von Experimenten inspirierten. Ein Laborprotokoll.

Plenum des Ideen-Festivals Z2X im September 2016, bei dem sich 600 Menschen im Alter von “2X” trafen. (Foto: Phil Dera)

Wir haben sicher nicht die, vielleicht aber für uns die eine oder andere Zukunft des Journalismus gefunden.

Was jetzt? Die Krisen der Demokratie, Trump und Brexit, Europa und die neue Rechte, die Debatte um “Fake News” und “Lügenpresse” haben auch die Redaktion von Zeit Online angespornt. Die Welt und Deutschland sind in Bewegung wie seit 1989 nicht mehr. Auch wir wollen nicht so weitermachen wie bisher und haben mit einer ganzen Reihe von Experimenten über Demokratie begonnen.

Deutschland spricht: eine Dating-Plattform für politischen Streit

A. Sie leiten sich ab von einer großen Idee.

(“Wir wollen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten überall in Deutschland in reale Zwiegespräche verwickeln, um einen neuen politischen Diskurs anzustoßen.”)

B. Sie sind Neuland für uns.

(„Einander völlig unbekannte, sehr gegensätzlich eingestellte Menschen, die sich unbeobachtet irgendwo treffen? Das kann richtig schiefgehen.“)

C. Ihre erste Version ist möglichst einfach.

(“Wir stellen ein Kontakt-Formular ins Netz, die Daten sammeln wir in einem Google-Doc, dann sehen wir weiter.”)

D. Sie können groß werden, müssen es aber nicht.

(“Bei weniger als 50 Anmeldungen sagen wir es ab, 500 bearbeiten wir von Hand, ab 5000 müssen wir uns etwas überlegen.”)

Z2X — Festivals zur Weltverbesserung für junge Menschen

Wir nehmen uns selbst aus der Gleichung.

Nun geht Z2X in Serie: Im April haben wir auf Wunsch der Teilnehmenden drei halbtägige Lokalausgaben veranstaltet, in Leipzig, Stuttgart und Essen. Alle Feste waren ausgebucht. Im September gibt es wieder das große Z2X in Berlin. Und nächstes Jahr wollen wir Z2X vielleicht ausgründen, damit es weiter wachsen und zu einer unabhängigen Plattform werden kann. Wir nehmen uns selbst aus der Gleichung.

#D17, Überland und Heimatreporter: emphatischer Lokaljournalismus

Alexa Webert auf dem Weg zu ihrer Bankfiliale in Habichsthal, die bald für immer schließt. Foto: N. Armer

Unser bisher erfolgreichstes journalistisches Experiment im Jahr 2017 ist also die Einführung von Lokaljournalismus. Wir sind noch dabei, diese Erkenntnis zu verarbeiten.

Inzwischen sind die ersten zehn Artikel erschienen, und fast alle gehörten zu den meistgelesenen Beiträgen auf Zeit Online. Das hätten wir nicht erwartet. Das Freibad in Oberscheld, das von Rentnern gerettet wird, der heruntergekommene, nun aber aufstrebende Stadtteil Bremerhaven-Lehe, der jahrzehntealte Konflikt um den TSV Laufdorf funktionierten so gut als Aufmacher auf einer überregionalen Homepage, dass wir den emphatischen Lokaljournalismus weiter ausgebaut haben (D).

“Wie geht es Ihnen heute?” — Messgeräte für Deutschlands Laune und Leitkultur

All die Fragen nach Sinn, Zweck und Existenzgrundlage unseres Berufs sind uns irgendwo zwischen Brexit und Trump verloren gegangen.

Ein Projekt, das täglich von fast zehntausend Lesern genutzt wird, werden wir nach der Wahl nicht abschalten, sondern vorerst weiterentwickeln. Auch zu einem Anschluss-Experiment hat uns „Wie geht es Ihnen heute?“ bereits inspiriert, während der neu aufflammenden Debatte über die so genannte Leitkultur.

Editor-in-chief of zeit.de