Danke, Trump

Der Journalismus ist nicht am Ende, sondern am Anfang: Wie die Krisen der Demokratie Zeit Online zu einer Serie von Experimenten inspirierten. Ein Laborprotokoll.

Plenum des Ideen-Festivals Z2X im September 2016, bei dem sich 600 Menschen im Alter von “2X” trafen. (Foto: Phil Dera)

Dieser Beitrag ist erschienen im Magazin Journalist 6/17. Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion. Eine englische Version ist hier.

Ein paar Post-It-Zettel haben meine Sicht auf den Journalismus verändert. Kurz nach der US-Wahl hingen sie an einer Pinnwand in Phoenix, Arizona. Wie jedes Jahr hatten sich dort Journalisten und Medienmanagern versammelt, um vertraulich über die Weiterentwicklung der Branche zu diskutieren. Die “Un-Conference” namens Newsgeist, organisiert von der Knight-Stiftung und Google, hat keine Agenda. Jeder kann Workshop-Themen an die Wand kleben, meist geht es um Digitales.

Doch dieses Mal, vier Wochen nach Trumps Wahlsieg, war alles anders. Auf den gut hundert Zetteln stand kaum noch etwas zu Social-Media-Strategien, zur Ethik des Drohnenjournalismus, zur Bedeutung von Blockchain. Stattdessen Workshop-Titel wie: “Why couldn’t we stop him?” — “Is this the end of democracy?” — und, tatsächlich: “What if he is Hitler?” Einige der größten Geister der Branche, verantwortlich für Newsrooms mit vielen hundert Journalisten, wirkten ratlos, betäubt, am Boden zerstört. Es mag merkwürdig klingen, aber fast noch erschreckender als der Ausgang der US-Wahl war für mich das Ausmaß des Schocks, der meine US-Kollegen erfasst hatte: was jetzt?

Der Schock war heilsam. Ein halbes Jahr später produzieren die einst totgesagten, traditionellen US-Medien den besten Journalismus ihrer Geschichte. Die Washington Post, vor wenigen Jahren nur noch ein Schatten ihrer selbst, investiert ausgerechnet unter dem effizienzverliebten Neu-Eigentümer Jeff Bezos fast schon verschwenderisch in Reporter und liefert wöchentlich Scoops — weil sich traditioneller Journalismus rechnet. Donald Trump treibt auch die „failing New York Times“ zu noch mehr Exzellenz, jeder seiner Hass-Tweets ihre Abozahlen weiter nach oben. Die Versuchung ist groß, sich beim irrlichternden US-Präsidenten zu bedanken. Er hat eine ganze Journalisten-Generation aufgeweckt und ihr, ohne es zu wollen, den Weg gezeigt.

Wir haben sicher nicht die, vielleicht aber für uns die eine oder andere Zukunft des Journalismus gefunden.

Was jetzt? Die Krisen der Demokratie, Trump und Brexit, Europa und die neue Rechte, die Debatte um “Fake News” und “Lügenpresse” haben auch die Redaktion von Zeit Online angespornt. Die Welt und Deutschland sind in Bewegung wie seit 1989 nicht mehr. Auch wir wollen nicht so weitermachen wie bisher und haben mit einer ganzen Reihe von Experimenten über Demokratie begonnen.

Der bescheidene Versuchsaufbau: In unserem Newsroom arbeiten 80 Journalisten (nicht 800), dazu derzeit 11 Entwickler. Und: Wir sind erst jetzt, im 21. Jahr unserer Existenz, profitabel und wollen das nicht gefährden. Manche Projekte haben wir deshalb wegen des befürchteten Aufwands noch vor Start beerdigt. Andere sind eingeschlafen oder ganz schiefgegangen. Viele aber liefen überraschend gut. So gut, dass unsere Redaktionstreffen immer öfter mit der Frage beginnen: „Warum funktioniert das eigentlich?” Wir haben sicher nicht die, vielleicht aber für uns die eine oder andere Zukunft des Journalismus gefunden.

Wir würden uns freuen, wenn unsere Experimente auch andere zu Neuem anregen. Was das kleine Zeit Online kann, das können viele. Hier eine Art Laborprotokoll zu einigen unserer Versuche. Und: Danke, Trump!


Deutschland spricht: eine Dating-Plattform für politischen Streit

Die Filterblase ist in unserem Kopf. Sie entsteht nicht erst durch Facebooks Algorithmen. Fakten, die unseren eigenen Überzeugungen widersprechen, tun wir gerne als falsch ab oder ignorieren sie einfach, wie Studien immer wieder zeigen. Das Ringen von Journalisten um verständlich aufbereitete Informationen, das Korrigieren von „Fake News“ ist notwendig — aber wohl nicht hinreichend, um eine auseinander driftende Gesellschaft wieder mit sich ins Gespräch zu bringen.

Deshalb haben wir uns „Deutschland spricht“ ausgedacht, eine Dating-Plattform für politische Gegensätze. Der intensive Dialog mit jemandem, der nicht unserer Meinung ist, scheint nach aktuellem Forschungsstand eine der wenigen Möglichkeiten zu sein, die Dinge noch einmal ganz neu, durch die Augen eines anderen zu sehen. Das Projekt, intern „Politik-Tinder“ genannt, ist idealtypisch für die Art von Experimenten, die wir am liebsten verfolgen:

A. Sie leiten sich ab von einer großen Idee.

(“Wir wollen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten überall in Deutschland in reale Zwiegespräche verwickeln, um einen neuen politischen Diskurs anzustoßen.”)

B. Sie sind Neuland für uns.

(„Einander völlig unbekannte, sehr gegensätzlich eingestellte Menschen, die sich unbeobachtet irgendwo treffen? Das kann richtig schiefgehen.“)

C. Ihre erste Version ist möglichst einfach.

(“Wir stellen ein Kontakt-Formular ins Netz, die Daten sammeln wir in einem Google-Doc, dann sehen wir weiter.”)

D. Sie können groß werden, müssen es aber nicht.

(“Bei weniger als 50 Anmeldungen sagen wir es ab, 500 bearbeiten wir von Hand, ab 5000 müssen wir uns etwas überlegen.”)

„Dürfen wir Ihnen jemanden vorstellen?“ Anfang Mai machten wir unsere Homepage mit dieser Frage auf. Nach einem Tag hatten sich bereits 2000 Menschen registriert, die eine Person mit einer anderen politischen Meinung in ihrer Nähe treffen wollen. Alle hatten sie fünf einfache, möglichst trennscharfe Ja-Nein-Fragen zu ihren politischen Ansichten beantwortet. (Etwa: „Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen?“ — „Geht der Westen fair mit Russland um?“) Dazu haben sie ihre Postleitzahl, ihre E-Mail-Adresse und ihre Handynummer hinterlassen. Zwei Wochen später, während diese Zeilen entstehen, verzeichnen wir bereits mehr als 8000 Anmeldungen, bis zum Start des Matchings rechnen wir mit bis zu 15.000. Das hatten wir nicht erwartet.

Nun müssen wir das Flugzeug bauen, während wir bereits abheben. Weil wir so viele Menschen nicht von Hand vermitteln können, entwarf unser Data Scientist nun einen Algorithmus, der die besten Paare automatisch bestimmen wird: Zwei Menschen, die die Fragen möglichst gegensätzlich beantwortet haben und möglichst nahe beieinander wohnen. Und weil wir so viele Teilnehmende nicht von Hand an-sms-en und –mailen können, um ihre Existenz zu verifizieren, fanden wir noch schnell bezahlbare Dienste, die das automatisieren. Im Kern aber besteht unsere neue Politik-Plattform „Deutschland spricht“ bis heute aus einem schlichten Google-Doc.

Wir lösen Probleme, wenn sie entstehen. Viele Details des Projekts definieren wir erst, während es läuft. Wir treffen Entscheidungen dann, wenn sie getroffen werden müssen. Früher galt das als Dilettantismus. Heute nennen wir es agiles Arbeiten.

Am 18. Juni 2017, so der Plan, werden sich um 15.30 Uhr tausende Paare überall in Deutschland zum politischen Zwiegespräch treffen. Für viele von ihnen wird es hoffentlich ein denkwürdiger Nachmittag, an dem sie neue Einsichten gewinnen.

Medien sind prädestiniert dafür, Plattformen für einen offenen gesellschaftlichen Diskurs zu sein. Journalisten müssen dafür ihre alte Rolle als Welterklärer nur für einen Moment vergessen und zu höflichen Gastgebern werden, die die richtigen Menschen zusammenbringen. Und sich dann zurückhalten. Dass darin eine erstaunliche Kraft liegt, hatte uns zuvor bereits ein anderes Experiment gezeigt.


Z2X — Festivals zur Weltverbesserung für junge Menschen

Am Anfang von etwas Großem steht ja oft: keine Idee. In unserem Fall war es die hartnäckige Ratlosigkeit, wie wir das zwanzigste Jubiläum von ZEIT ONLINE begehen sollten. Wir wussten nur, was wir nicht wollten: einen bunten Abend mit Festreden auf uns selbst, oder, schlimmer noch, eine Konferenz zur Zukunft der Medien. Dieses Ideen-Vakuum gebar innerhalb von einem Jahr eine kleine Serie von Festivals für junge Erwachsene, die wir nun vielleicht als eigene Marke ausgründen wollen. Und das kam so.

“Warum laden wir zum 20. nicht andere 20-Jährige ein?”, fragten wir uns, als das Jubiläum schon nahe war. Die einfache Idee verfing. Ein zweitägiges Sommerfestival mit dem Namen Z2X sollte es werden, die Gäste sollten im Alter “2X” sein, also zwischen 20 und 29, das Programm (wiederum aus Mangel an Inspiration) von den Teilnehmenden selbst gestaltet werden. Nur eines war uns wichtig: In den dunklen Tagen nach den Anschlägen von Paris und angesichts eines heraufdämmernden Brexit sehnten wir uns nach radikal Konstruktivem. Deshalb sollten sich alle Interessierten mit einer Idee bewerben, „um die Welt zu verbessern — oder das eigene Leben“.

Größer konnte der Ansatz kaum sein, siehe Punkt A. Auch Punkt B (Neuland) war erfüllt: 2X-Jährige sind dem Klischee nach schwer zu mobilisieren, zumal für politische Themen. Deshalb stellten wir zunächst nur ein einfaches Schild (Punkt C) ins Netz. “Z2X — Das Festival der neuen Visionäre“, stand darauf. „Du hast eine Idee, um das Leben besser zu machen? ZEIT ONLINE hat das Festival.“

Der Rest ist Zeit-Online-Geschichte. Mehr als 5000 Interessierte im Alter von 20 bis 29 bewarben sich, dann nahmen wir das Formular offline (Punkt D). Die 600 mit den besten Ideen lud unsere Jury nach Berlin ein. Check-in: Samstagmorgen, 8.30. Nur ein Viertel der Eingeladenen kam aus Berlin, der Rest aus ganz Deutschland und halb Europa, aus Russland und Rumänien. Alle die angeblich so unverbindlichen Millenials hielten ihre Verabredung ein. So pünktlich, dass WLAN und Registrierung zusammenbrachen.

Zwei Tage lang führte die Generation Z2X dann ihr Selbstgespräch, in Workshops, „Frag-mich-alles“-Runden und fünfminütigen „Blitzvorträgen“. Es ging um das bedingungslose Grundeinkommen, darum, wie wir in Zukunft arbeiten wollen, wie unsere anonymen Städte wieder lebenswert werden, um geldfreies Leben, den Nutzen der Faulheit, Hilfe für Geflüchtete, Elektromobilität. Nur nicht um Parteipolitik und Digitales.

Am Schluss wählten die 600 aus 80 Workshops ihre Lieblingsprojekte: “Jugend rettet” unterhält mit Spenden ein Schiff und hat bereits Tausende Geflüchtete in Seenot geborgen. “Köln spricht”, eine Speakers´ Corner für politisch Desinteressierte, zu der regelmäßig Hunderte kommen und die das Prinzip nun mit Hilfe von Crowdfunding in andere Städte tragen will. Oder #FreeInterrail, die allen 18-Jährigen in Europa ein Interrail-Ticket schenken wollen, um den europäischen Gedanken zu fördern — und wenige Monate nach Z2X bereits ein (mittlerweile umstrittenes) Test-Projekt des EU-Parlaments inspiriert haben.

Das eigentliche Ergebnis von Z2X aber ist die Plattform, die fast wie von selbst entstanden ist. Die jungen Konstruktiven haben sich gefunden und tauschen sich nun, von uns ungestört, aus. Bereits in der Nacht nach dem ersten Z2X-Festival gründeten sich auf Facebook lokale Gruppen, die sich seither regelmäßig treffen. Hunderte organisieren sich bis heute über Whatsapp und Slack, auch wir haben unsere schnell hingeworfene Website um improvisierte Kommunikations-Tools erweitert. Diese Generation, die angeblich so schwer zu erreichen ist, will offensichtlich vor allem eines: mit sich selbst ins Gespräch kommen. Das Beste, was wir tun können, ist, ihr ein höflicher Gastgeber zu sein.

Wir nehmen uns selbst aus der Gleichung.

Nun geht Z2X in Serie: Im April haben wir auf Wunsch der Teilnehmenden drei halbtägige Lokalausgaben veranstaltet, in Leipzig, Stuttgart und Essen. Alle Feste waren ausgebucht. Im September gibt es wieder das große Z2X in Berlin. Und nächstes Jahr wollen wir Z2X vielleicht ausgründen, damit es weiter wachsen und zu einer unabhängigen Plattform werden kann. Wir nehmen uns selbst aus der Gleichung.


#D17, Überland und Heimatreporter: emphatischer Lokaljournalismus

Alexa Webert auf dem Weg zu ihrer Bankfiliale in Habichsthal, die bald für immer schließt. Foto: N. Armer

Wir haben etwas gelernt. Journalisten können das Gefühl für wesentliche Teile eines Landes verlieren. Sie sitzen in Paris, London oder an den Küsten der USA — und wissen nicht genug darüber, was die Menschen in anderen Gegenden bewegt. Und wir? Deutschland ist nicht so gespalten wie andere Nationen, es hat viele Regionen, die stark sind und eine starke Stimme haben. Trotzdem wollten wir sichergehen.

Ein Dreivierteljahr vor der Bundestagswahl haben wir deshalb eine Art Pop-Up-Ressort gestartet, das „Deutschland Deutschland noch einmal ganz neu erklären“ soll (A). Es trägt den Namen #D17. Im Februar ging es live, mit zwei sehr erfahrenen Kollegen als Projektleitern, genau zwei fertigen Geschichten (C!) — und bis heute sehr erfreulicher Resonanz. Auf kein anderes Thema werden wir derzeit öfter von Lesern und Kollegen angesprochen.

Die schlichte Idee: Wir wollen nicht nur auf Umfragen und Wahlprognosen starren, sondern uns da aufsuchen, wo wir nun einmal sind, in Calw etwa, Oberscheld und Wismar. Die meisten Menschen in Deutschland leben nicht in Millionenstädten, sondern in kleinen und mittelgroßen. Dort nehmen sie die Informationen auf, die ihre Sicht auf die Dinge beeinflussen, dort diskutieren sie mit Freunden oder Kollegen. Die vielen kleinen Orte machen Deutschland zu dem, was es ist. In verschiedenen #D17-Serien nähern wir uns unserem Land von seinen vielen Seiten und versuchen, es noch einmal ganz von vorne zu verstehen.

Für die Serie „Heimatreporter“ etwa besuchen Redakteure von DIE ZEIT und ZEIT ONLINE das ganze Jahr über jene Orte, an denen sie aufgewachsen sind, die sie gut kennen und für die sie eine besondere Empathie haben. Mit der komplizierten Konstruktion wollten wir ein Narrativ vermeiden, das entstehen kann, wenn überregionale Journalisten über Regionales berichten: Sie landen wie ein Ufo in der Provinz und beschreiben mit dem Blick von Xenoethnologen die seltsamen Aliens, die in 20.000-Seelen-Gemeinden ihr Dasein fristen.

Ich nenne es den Mops-Effekt, seit der von mir verehrte Reporter Alexander Smoltczyk tatsächlich einmal über meiner Heimatstadt Bretten in Baden niederging. Er war gelandet, um für den Spiegel über den dortigen, sehr umstrittenen Moscheebau zu berichten, eine ernste Sache. Smoltczyk aber machte sich in seinem „Ortstermin“ über uns Brettener lustig, die wir ausgerechnet einen Mops zum Wappentier gewählt haben. (Die Sache hat sehr stolze, historische Gründe.) Ich bin mir sicher, dass sich die Brettener von Smoltczyk nicht verstanden fühlten, auch, wenn sein Beitrag das Thema auf den Punkt brachte. Was bleibt, ist der Mops. Ich bin mir sicher, dass ich die Geschichte anders erzählt hätte und werde Bretten hoffentlich bald als Heimatreporter besuchen.

Unser bisher erfolgreichstes journalistisches Experiment im Jahr 2017 ist also die Einführung von Lokaljournalismus. Wir sind noch dabei, diese Erkenntnis zu verarbeiten.

Inzwischen sind die ersten zehn Artikel erschienen, und fast alle gehörten zu den meistgelesenen Beiträgen auf Zeit Online. Das hätten wir nicht erwartet. Das Freibad in Oberscheld, das von Rentnern gerettet wird, der heruntergekommene, nun aber aufstrebende Stadtteil Bremerhaven-Lehe, der jahrzehntealte Konflikt um den TSV Laufdorf funktionierten so gut als Aufmacher auf einer überregionalen Homepage, dass wir den emphatischen Lokaljournalismus weiter ausgebaut haben (D).

Sieben erfahrene Lokalreporter, viele von ihnen preisgekrönt, haben wir gebeten, für Zeit Online ebenfalls aus ihrer Region zu berichten. In der Serie „Überland“ schreiben sie über das Problem mit dem Schwimmbad in Gartow, über den Junggesellenverein in Brenig, das neue Sterne-Restaurant in Erfurt. Die Geschichte des einsamen Mannes am Ende einer Straße in einem Dorf in Sachsen, die für die fehlenden Frauen im Osten steht, ist eine der meistgelesenen des Jahres. Unser bisher erfolgreichstes journalistisches Experiment im Jahr 2017 ist also die Einführung von Lokaljournalismus. Wir sind noch dabei, diese Erkenntnis zu verarbeiten.

Natürlich werden wir mit unseren Ressourcen nie alle wichtigen Geschichten erzählen können. Vieles spricht dennoch dafür, mit #D17 weiterzumachen, etwa als #D18 über die Bundestagswahl hinaus. Die ersten Anzeichen vieler politischer Strömungen finden sich nun einmal abseits der großen Städte, zunächst unbemerkt von überregionalen Medien. Als man etwa in Berlin noch Sparpolitiker für ihren Mut lobte, wussten viele auf dem Land schon, welche Konsequenzen der Abbau von Polizeistellen haben wird. Dass die offenen EU-Grenzen nicht nur ein Grund zum Feiern waren, sondern auch Diebesbanden die Arbeit erleichterten, das sah man dort früher als in Berlin. Wir wollen sicher sein, dass wir diese Geschichten nicht verpassen — statt uns irgendwann zu wundern, warum wir das Gefühl für einen Teil des Landes verloren haben.


“Wie geht es Ihnen heute?” — Messgeräte für Deutschlands Laune und Leitkultur

Geht es auch etwas kleiner? Bitteschön: Seit März findet sich auf unserer Homepage eine leicht zu übersehende Box. Sie stellt die denkbar einfachste Frage: „Wie geht es Ihnen heute?“ Darunter sind zwei Knöpfe für „gut“ oder „schlecht“. Kleiner geht kaum.

Und doch steht dahinter eine große A-Idee, die während eines #D17-Brainstormings entstand. Wie wäre es, wenn wir Deutschland sekündlich nach seiner Laune fragten, in der Zeit bis zur Bundestagswahl? Schwankt die Stimmung stark? Ist sie abhängig von der aktuellen Nachrichtenlage? Korreliert sie mit der Sonntagsfrage? Was, wenn die SPD in in den Umfragen gewinnt oder die AfD? Was, wenn Donald Trump Nordkorea droht? Wir fanden dieses Experiment mit denkbar offenem Ausgang spannend und wollten sehen, wohin es uns trägt (B).

Seit Ende März sammeln wir Daten über den wechselnden Gemütszustand unserer Leser. Mehr als eine halbe Million Stimmen (D) sind bereits zusammengekommen, jeden Tag klicken zwischen 7.000 und 11.000 Menschen auf „gut“ oder „schlecht“, am offiziellen Start-Tag waren es mehr als 30.000. Nachdem sie geantwortet haben, können sie ihre Stimmung mit einem selbst gewählten Adjektiv noch präzisieren: tatkräftig, bezaubert, betroffen. Mehr als 160.000 Wörter und Wortschöpfungen haben wir so bereits eingesammelt. (Alle Eingaben, die noch nicht in unserem Lexikon stehen, müssen einmal freigeschaltet werden.)

Das für uns erstaunlichste Ergebnis: Unsere Laune schwankt nicht. Egal, wie das Wetter ist, was Trump macht, wer eine Landtagswahl gewinnt, wie es um Borussia Dortmund oder Martin Schulz steht — die Menschen in Deutschland (genauer: unsere Leser) sind derzeit im Schnitt emotional vollkommen stabil. Stets haben ungefähr 70 Prozent im Tagesmittel gute Laune. Während etwa die repräsentativen Wahlumfragen von Woche zu Woche in Bewegung sind, bleibt unser Gemüt konstant und größtenteils heiter — im Schnitt. Ob sich der Wert eines Tages fundmental nach oben oder unten ändern wird, wenn sich wirklich große Dinge ereignen, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, was in den Augen unserer Leser wirklich groß sein mag. Wir sorgen uns, was das sein könnte.

Auch die täglich meistgenannten Begriffe ändern sich trotz der hohen Beteiligung und tausender, zum Teil recht kreativer Eingaben kaum. Die Gutgelaunten sind jeden einzelnen Tag mehrheitlich „zufrieden“ oder „entspannt“, beide Worte wechseln sich an der Spitze ab. Die Schlechtgelaunten sind entweder mehrheitlich „krank“ oder „müde“. (Am Sonntag, den 23.4.2017 waren sie ein einziges Mal mehrheitlich „verkatert“. Am 17.4. „traurig“. Das war’s.) Wertet man die Wörter aus, die täglich trenden, also plötzlich in kurzer Zeit von besonders vielen Menschen genannt werden, wird es bunter. Wenn es uns gut geht, sind wir auch mal wochenendvorfreudig, europäisch, faul, österlich, sexy, befriedigt, frühlingsbeschwingt oder sonnengeküsst. Von marzipanös ganz zu schweigen.

Tiefer in den Daten finden wir weitere Trends: Die Laune ist am Montag besonders schlecht, ebenso am Mittwoch, Dienstag und Donnerstag geht es uns leicht unterdurchschnittlich, Freitag und Sonntag etwas überdurchschnittlich, und am besten am Samstag. Sieht so aus, als hätten wir lieber Wochenende. Für diese triviale Erkenntnis braucht es kein neues Messverfahren.

Unerwartet ist hingegen ein Effekt, der jede Nacht zwischen zwei und fünf Uhr zu beobachten ist: Dann sinkt die Laune immer deutlich, um bis zu 20 Prozent. Ganz am Anfang glaubten wir an Zufall, dann an einen systematischen Messfehler. Bis wir uns die Adjektive in den frühen Morgenstunden genauer anschauten: „depressiv“, „schlaflos“, „gestresst“. Jede Nacht melden sich nicht etwa die gut gelaunten Partygänger, sondern Menschen mit Schlafstörungen.

All die Fragen nach Sinn, Zweck und Existenzgrundlage unseres Berufs sind uns irgendwo zwischen Brexit und Trump verloren gegangen.

Ein Projekt, das täglich von fast zehntausend Lesern genutzt wird, werden wir nach der Wahl nicht abschalten, sondern vorerst weiterentwickeln. Auch zu einem Anschluss-Experiment hat uns „Wie geht es Ihnen heute?“ bereits inspiriert, während der neu aufflammenden Debatte über die so genannte Leitkultur.

Bis zum Beweis des Gegenteils glauben wir, dass es diese eine Leitkultur nicht gibt, sondern 80 Millionen Leitkulturen, die sich jeweils auch noch täglich verändern. Vielleicht liegen wir auch falsch. Bald werden wir es messen können. Eine nicht mehr ganz so einfache Frage wird sich demnächst auf unserer Homepage finden: „Was gehört zu Deutschland?“

Mit einer gewissen Anspannung warten wir derweil auf den Tag, der den ausgeglichenen Deutschen erstmals messbar die Laune vermiest. Wir hoffen mit unseren Experimenten über Demokratie ein wenig dazu beizutragen, dass dieser Tag in weiter Ferne liegt.

Was haben wir mit unseren Versuchen gelernt? All die Fragen nach Sinn, Zweck und Existenzgrundlage unseres Berufs, jahrelang auf Digitalkonferenzen und in Innovationskolumnen gestellt, sind uns irgendwo zwischen Brexit und Trump verloren gegangen. Journalismus ist nicht am Ende, sondern an einem neuen Anfang.


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Magazin Journalist 6/17. Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion.

Fotocredits: Z2X: Phil Dera und Alexander Probst für Zeit Online; #D17: Nicolas Armer für Zeit Online